Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

U-Bahnbau in Hannover und 750-Jahr-Feier in Rostock

11.07.2001


Ein Forschungsprojekt an der Universität Hannover untersucht die Zusammenhänge zwischen Stadt und Herrschaft

Ein rauschendes Fest war es nicht gerade, als sich am 16. November 1965 Prominenz aus Politik und Wirtschaft, städtische Bedienstete, Journalisten und Bauarbeiter in winterlicher Kälte zwischen Gustav-Bratke-Allee und Waterlooplatz in Hannover trafen. Dabei sollte ein Projekt gestartet werden, das für die niedersächsische Landeshauptstadt von großer Bedeutung sein sollte: der erste Rammschlag für den Bau der U-Bahn. Doch statt Begeisterung herrschte eher Einsicht in eine bittere Notwendigkeit - die U-Bahn wurde keineswegs als fulminanter Start in die Zukunft gefeiert, sondern eher als unumgänglicher, finanziell riskanter Weg gesehen, dem drohenden Verkehrskollaps zu entgehen.

Sonnenschein, Festumzug, Fahnenmeer, Friedensappelle: Am 24. Juni 1968 feierte die Hansestadt Rostock nicht nur den Auftakt der Ostseewoche, sondern auch den 750sten Geburtstag der Hansestadt. Zwei Jahre hatte man die Feier vorbereitet, Streitigkeiten zwischen Stadt und SED-Kreisleitung hatte die Partei zu ihren Gunsten entschieden, und so zeigte sich die Stadt als modernes sozialistisches Tor zur Welt. Die Übergabe der 20.000sten Wohnung geriet zur Demonstration des hohen Lebensstandards in Walter Ulbrichts Lieblingsstadt.

Zwei Städte, zwei Feiern, fast zeitgleich, aber kaum vergleichbar? Ein Forschungsprojekt am Historischen Seminar der Universität Hannover hat sich die Aufgabe gestellt, anhand solcher Feiern die Zusammenhänge zwischen Stadt und Herrschaft zu untersuchen. "Ursprünglich haben wir uns in unserem Projekt auf deutsche Städte in Diktaturen konzentriert, also Städte in Ostdeutschland im Nationalsozialismus und in der DDR untersucht", erklärt Projektleiterin Prof. Adelheid von Saldern. Doch man wolle nun die Vergleichsmöglichkeiten ausweiten und habe auch den Bau der U-Bahn in Hannover in die Untersuchungen mit einbezogen.

Insgesamt stehen zehn Städte im Zentrum des Projektes, als zweite westdeutsche Stadt soll Wilhelmshaven dazukommen. "Uns stellt sich die Frage, welche Integrationsstrategien eine Stadt anbietet, wie sich diese in den deutschen Diktaturen und in der Demokratie unterscheiden und wie vermeintlich unpolitische Ereignisse wie Stadtjubiläen, erste Spatenstiche oder Eröffnungen von Festivals politisch zur Stabilisierung von Herrschaft genutzt werden", so die promovierte Projektmitarbeiterin Lu Seeger.

Erste Ergebnisse des von der VolkswagenStiftung geförderten Forschungsprojektes, das nun ins zweite Jahr geht, lassen sich bereits erkennen: So habe die NS-Herrschaft stärker und wahlloser an Traditionen angeknüpft als die DDR-Regierungen, die bewusst auf sozialistische Geschichtsbilder und Identifikationslinien setzten. Allen gleich sei gewesen, dass wichtige Stadt-Ereignisse immer mit dem Begriff "Zukunft" verbunden worden seien - auch in der Bundesrepublik keine fremde Vokabel. Zugleich hätten die Kommunen die Ereignisse genutzt, um in der innerstaatlichen Städtekonkurrenz eine bessere Position zu erreichen und zugleich die Bevölkerung zum positiven Engagement für die Stadt zu mobilisieren - sei es durch zahlreiche Fähnchenschwinger im Publikum von Umzügen oder die Aufforderung, der Stadt ein "Festtagskleid" zu verleihen. "Der große Unterschied, der sich bereits jetzt zwischen den Diktaturen und der Demokratie herauskristallisiert, ist, dass in den Diktaturen der Wettbewerb der Städte immer auf den Staat bezogen war, in der Demokratie hingegen konkurrieren die Städte untereinander", betont Prof. von Saldern.

Hinweis an de Redaktionen:
Für weitere Fragen steht Ihnen Prof. Adelheid von Saldern unter Telefon 0511/762-4430 gern zur Verfügung.

Über die Pressestelle der Universität können Sie Fotos zum Projekt bekommen. Bitte rufen Sie uns unter 762-3650 an oder schicken Sie eine
E-Mail an k.wolf@pressestelle.uni-hannover.de .

Monika Brickwedde | idw

Weitere Berichte zu: U-Bahn U-Bahnbau

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Mit Nanopartikel-Tandems gegen den Herzinfarkt
01.12.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Virtuelle Realität für Bakterien
01.12.2017 | Institute of Science and Technology Austria

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mit Quantenmechanik zu neuen Solarzellen: Forschungspreis für Bayreuther Physikerin

12.12.2017 | Förderungen Preise

Stottern: Stoppsignale im Gehirn verhindern flüssiges Sprechen

12.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

E-Mobilität: Neues Hybridspeicherkonzept soll Reichweite und Leistung erhöhen

12.12.2017 | Energie und Elektrotechnik