Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Drei Universitäten erforschen gemeinsam die Legasthenie

11.07.2001


Schriftproben eines gymnasial begabten Jungen mit Legasthenie in einem standardisierten Rechtschreibtest (WRT 4/5), der in Form eines Lückentextes vorliegt.


Das Auftreten von Familienmitgliedern mit Legasthenie (schwarz ausgefüllte Quadrate) über vier Generationen. Ein solcher Stammbaum spricht für einen autosomal dominanten Erbgang.


Mit 1,2 Millionen Mark fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) an den Universitäten Würzburg, Bonn und Marburg eine Studie über die Legasthenie. Davon erwarten die beteiligten Wissenschaftler eine wesentliche Wissenserweiterung über das Zusammenspiel von genetischen Gegebenheiten mit visuellen und sprachlichen Informationsabläufen im Gehirn.

Etwa vier von 100 Kindern sind trotz normaler oder überdurchschnittlicher Intelligenz nicht in der Lage, das Lesen und Rechtschreiben ausreichend zu lernen. Sie leiden an Legasthenie, einer Form der Lese-Rechtschreibstörung, die trotz normaler Intelligenz sowie guter familiärer und schulischer Förderung, trotz körperlicher, psychischer und neurologischer Gesundheit entsteht.

Die Legasthenie beeinträchtigt die schulische und berufliche Laufbahn der Betroffenen schwerwiegend: Tägliche Misserfolge bei schriftsprachlichen Anforderungen trotz aller Lernbemühungen führen bei Schülern sehr rasch zu Lernunlust, zu Schul- und Versagensängsten. In Einzelfällen stellen sich Depressionen und, bei fehlender Unterstützung, sogar soziale Störungen ein.

Die Legasthenie wird mit Besonderheiten bei der biologischen Reifung des Zentralen Nervensystems erklärt, wobei genetische Einflüsse eine ausschlaggebende Rolle spielen. Etwa 40 Prozent der Geschwister und 40 Prozent der Eltern eines Legasthenikers haben ebenfalls Lese-Rechtschreibstörungen. Eineiige Zwillinge sind in sehr hohem Prozentsatz gemeinsam betroffen, zweieiige Zwillinge sehr viel seltener.

Molekulargenetische Studien haben wiederholt gezeigt, dass auf den Chromosomen 6 und 15, aber auch auf den Chromosomen 1 und 2 wichtige Genorte liegen: Diese sind mitbestimmend bei der Entwicklung von Hirnfunktionen, die dem Menschen das Erlernen von Lesen und Rechtschreiben mit den Buchstaben des Alphabets ermöglichen.

Zwei Erklärungsansätze zur Entstehung der Legasthenie bestimmen heute die Forschung: Demzufolge erscheinen Besonderheiten der sprachlichen und - zum geringeren Teil - der visuellen Informationsverarbeitung ausschlaggebend.
Bei der sprachlichen Informationsverarbeitung spielt die so genannte phonologische Bewusstheit eine wichtige Rolle. Dabei handelt es sich um die Fähigkeit des Menschen, Sprachlaute in Schriftsprache wahrzunehmen, also zum Beispiel zu erkennen, dass im Wort Sonne die Laute S, O, N und E vorkommen, dass die Worte Maus und Haus sich reimen oder dass die Worte Maus und Mond jeweils mit einem M beginnen.

Die phonologische Bewusstheit ist auch erforderlich, wenn die akustisch erlernte mündliche Sprache in die Buchstabenfolge eines Wortes "übersetzt" werden soll, wie dies etwa bei einem Diktat der Fall ist.

Die von der DFG geförderte Studie beinhaltet den Versuch, die Beeinträchtigungen der phonologischen Bewusstheit bei Schülern mit Legasthenie sehr genau zu messen, und zwar mit so genannten psychometrischen und neurophysiologischen Verfahren.

Mit solchen Verfahren soll auch die visuelle Informationsverarbeitung gemessen werden, zum Beispiel die Wahrnehmung von visuellen Mustern unterschiedlicher Kontraststärke oder von Bewegungen. Dazu nutzen die Wissenschaftler laut Prof. Dr. Andreas Warnke, Direktor der Würzburger Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, ausgefeilte, computergesteuerte visuelle Reize.

Mit dieser Studie werde, so Prof. Warnke, erstmalig der Versuch unternommen, nicht nur die Symptome der Legasthenie auf der Verhaltensebene (Fehler bei der Rechtschreibung und beim Lesen, Besonderheiten der phonologischen Bewusstheit usw.), sondern auch neurophysiologische Messwerte mit Hilfe molekulargenetischer Methoden zu Genorten in Beziehung zu setzen. Die Arbeiten seien außerdem ein Musterbeispiel für die Bemühungen, die Besonderheiten der Informationsabläufe im Gehirn bei einer definierten psychischen Störung aufzuschlüsseln und die genetischen Ursachen aufzuklären.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Andreas Warnke, T (0931) 201-7800, Fax (0931) 201-7804, E-Mail: 
warnke@nervenklinik.uni-wuerzburg.de

Prof. Dr. Tiemo Grimm, T (0931) 888-4076, Fax (0931) 888-4069, E-Mail: 
tgrimm@biozentrum.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Entzündungshemmende Birkeninhaltsstoffe nachhaltig nutzen
03.07.2017 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

nachricht Blick unter den Gletscher
12.06.2017 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten