Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sauerkraut und Federbett

09.07.2001


"The Germans eating Sour Krout" - als ersten, zweiten, dritten Gang.


Volkskundlerin aus Münster untersucht nationale Stereotypen in englischen Druckgrafiken

Der Deutsche an sich ernährt sich ausschließlich von Sauerkraut, der Holländer ist stets nur auf das Mehren seines Gewinns bedacht, der Franzose ist verschwendungssüchtig und modeorientiert, der Spanier stolz und aufbrausend. Von England aus gesehen, war die Welt im 18. Jahrhundert eine Ansammlung von Klischees, denen der Brite natürlich deutlich überlegen war. Solche und ähnliche Stereotypen finden sich vor allem in den damals massenhaft verbreiteten Gebrauchsgrafiken, mit denen für Britannia Stimmung gemacht wurde. Erstmals werden sie nun systematisch von der Volkskundlerin Silke Meyer von der Universität Münster untersucht. Das zweijährige Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt.

Allein im British Museum sind weit über 10.000 Blätter zu finden, die bisher noch nicht unter dieser Fragestellung ausgewertet wurden. Gerade das englische Material ist besonders reichhaltig: "Zum einen gab es in England bereits damals keine Zensur und damit auch ein ausgesprochenes Vergnügen an der Karikatur, zum anderen war die englische Druckgrafik technisch sehr weit entwickelt", so Meyer. Das 18. Jahrhundert wählte sie als Ausgangspunkt, weil damals die Entwicklung der Nationalstaaten einsetzte. Darüber hinaus befand sich England von 1700 bis 1800 über 75 Jahre lang im Krieg mit wechselnden Gegnern, was die Produktion von Karikaturen jeweils deutlich ankurbelte.

Die Karikaturen, Theater- oder Kinderdrucke und andere Gebrauchsgraphiken, illustrierte Reiseberichte, Geographiebücher und ähnliche Werke untersucht Meyer nach festgelegten Kriterien. Die dargestellte Kleidung, Nahrung, die Physiognomie, den Körper und die Haltung der handelnden Personen und immer wieder auftauchende Attribute geben Auskunft darüber, wie die Engländer ihre Nachbarn sahen.

Die Holländer, die nach dem dreißigjährigen Krieg zu ernsthaften Wirtschaftskonkurrenten der Briten geworden waren, kommen am Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts besonders schlecht in den Darstellungen weg. Dass diese sich in späteren Kriegen oftmals neutral stellten und sich ganz auf den Handel konzentrierten, warfen ihnen die Briten vor allem vor. Daraus entwickelte sich eine typische Darstellungsform: In den meisten Karikaturen und Grafiken zeichnet sich der Holländer durch eine feiste stämmige Figur aus, bodenständig und phlegmatisch, charakteristisch dargestellt vor allem in seiner Körperhaltung mit parallel gestellten Beinen, festem Schritt und den Händen in den Hosentaschen, um abwartende Gleichgültigkeit zu signalisieren. Zu seinen ständigen Attributen gehört die Pfeife eines Bauern.

Die Darstellung der Franzosen ist besonders interessant unter dem Gesichtspunkt der Französischen Revolution. Nach 1798 wird der bis dahin eitle, modesüchtige und geckenhafte Franzose, porträtiert in zierlicher Körpergestalt, spitzer Physiognomie und ausladendem Gestus ersetzt durch das Bild des Revolutionärs. Verkniffen, verhärmt, verwahrlost sind die Gestalten, die für das revolutionäre Frankreich stehen. Erstmals sind auch Frauen als Kennzeichen der grausamen Hysterie im revolutionären Frankreich Protagonisten, während sich die Darstellung ansonsten auf Männer beschränkte. Nach den napoleonischen Kriegen wird dann wieder auf alte Klischees vom Erzfeind zurückgegriffen. Die Spanier dagegen standen im 18. Jahrhundert nicht so im Mittelpunkt des Interesses wie die französischen Nachbarn. Sie traten meist in der Mode des 16. und 17. Jahrhunderts auf, mit stolzen, aufbrausenden Gesten.

Das Deutschland-Bild der Engländer ist von zwei Besonderheiten geprägt: Zum einen sind hier viel weniger ausgeprägte Stereotypen zu beobachten als in der Darstellung anderer Länder. Sauerkraut und Federbett sind die einzigen feststehenden Attribute. Das erklärt sich dadurch, dass Deutschland zu dieser Zeit noch lange nicht zu einem Staat zusammengewachsen war. Zum anderen ist das Bild von den Deutschen überwiegend positiv besetzt. Durch die enge Personalunion zwischen England und Hannover und das Bündnis mit Preußen, die sich auch darin widerspiegelt, dass die gezeichneten Deutschen oft Friedrich II. ähnelten, waren die Engländer den Deutschen gegenüber sehr viel freundlicher eingestellt. Da sie aber zumeist nur Kontakt mit deutschen Soldaten hatten, stehen diese im Mittelpunkt.

Die Grafiken hatten einen sehr viel höheren Stellenwert als heute. Sie wurden in Alben gesammelt, sie schmückten die Wände des Bürgertums und auch eher ärmlicher Haushalte, sie dienten als Ausgangspunkt politischer Diskussionen. Das englische Bürgertum im 18. Jahrhundert war überaus interessiert an und informiert über Politik und Gesellschaft. Zentrales Medium zur Vermittlung von Propaganda und Aufklärung waren dabei eben jene Grafiken, die zum einen in Läden und auf der Straße verkauft, zum anderen von der Regierung und anderen Gruppierungen unters Volk gebracht wurden.

Brigitte Nussbaum | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenster.de/GeschichtePhilosophie/Volkskunde/stereo.htm

Weitere Berichte zu: Federbett Karikatur Sauerkraut Stereotyp

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Innovation: Optische Technologien verändern die Welt
01.12.2016 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht SeaArt-Projekt startet mit Feldversuchen an Nord- und Ostsee
18.11.2016 | Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie