Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Auf den Spuren der Nachfahren Harun ar Raschids

22.06.2001


Die alte Moschee ar-Raqqas zeugt von vergangenem Glanz. Foto: Heidemann, Uni Jena


Wichtige Quelle: eine Münze aus seldschukischer Zeit. Foto: Heidemann, Uni Jena


Der Jenaer Orientalist PD Dr. Stefan Heidemann hat die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der nordsyrischen Stadt ar-Raqqa zwischen 950 und 1150 nachgezeichnet. Nach einer Blütezeit unter Harun ar Raschid verkam die einstige Metropole unter dem Einfluss von Beduinienstämmen und erlebte dann wieder eine Renaissance unter seldschukischer Herrschaft. - Im Kulturniveau war sie sogar zeitgenössischen abendländischen Metropolen mindestens ebenbürtig. Heidemann schloss durch seine Arbeit eine Forschungslücke. Wichtigste Quelle dabei: das örtliche Kleingeld.

 Einstige Glanzzeiten mag man ar-Raqqa, einer 200.000 Einwohner zählenden Provinzstadt im nordsyrischen Balikh-Tal, heute kaum noch anmerken. Ehedem, im 8. Jahrhundert, hatte der märchenhafte Kalif Harun ar Raschid dort seine Residenz, und als er 809 starb, befand sich ar-Raqqa auf dem Höhepunkt islamischen Kulturlebens - so wie uns die Geschichten aus tausendundeiner Nacht es augenzwinkernd überliefern. Schon 100 Jahre später verblasste indes der Reichtum, die Stadt mit ihren Palästen und Prunkbauten verfiel, Handelswege mussten aufgegeben werden. Nach 950 zerbrach das alte islamische Großreich, und für 200 Jahre tritt in ar-Raqqa das ein, was Fachleute eine "archäologische Siedlungslücke" nennen. Jetzt hat der Jenaer Orientalist Dr. Stefan Heidemann mühsam alte Quellen zwischen New York, London, Damaskus und Aleppo entschlüsselt und die Gründe für Niedergang und erneute Blüte der alten Kulturmetropole ar-Raqqa in seiner Habilitationsschrift rekonstruiert.

Besonders wertvoll für Heidemanns Arbeit war ausgerechnet das Kleingeld. "Golddinare interessieren mich nicht", meint er trocken. "Nur Kleingeld, als das Zahlungsmittel des Alltags, belegt ganz unmittelbar das wirtschaftliche Niveau des städtischen Lebens." Als stumme Zeitzeugen verraten die unscheinbaren, kleinwertigen Münzen durch ihre archäologische Verteilung in Syrien eine ganze Menge über die damaligen Handels- und Fiskalstrukturen. In der Zeit der "Renaissance der Städte" wurde Kleingeld aus anderen Regionen, zum Teil aus dem christlichen Byzanz, in das islamische Nordsyrien importiert. Über 20.000 syrische Fundmünzen hat Heidemann ausgewertet.

Im Balikh-Tal selbst wurden in dieser Zeit kaum Münzen selbst hergestellt. Trotzdem hat der Jenaer Wissenschaftler aus der Ägide der bislang fast unbekannten beduinischen Banu-Numair-Araber fast 50 Münzen, die stets Herrscher und Prägeort nennen, in den Magazinen öffentlicher Museen und in Privatsammlungen zwischen New York und ar-Raqqa ausfindig gemacht und seine Erkenntnisse daraus mit der zeitgenössischen Geschichtsschreibung aus Aleppo, Damaskus und Bagdad abgeglichen. Eine detektivische "Grabung" ohne Schaufel und Spaten war das; vor Ort, in ar-Raqqa, wo Heidemann Anfang der 90er Jahre mit dem Deutschen Archäologischen Institut im Kalifenpalast forschte, finden sich für das 10./11. Jahrhundert kaum Zeugnisse.

Die Geschichte ar-Raqqas ist beispielhaft für den Wendepunkt in der islamischen Kultur zwischen 950 und 1150. Interne Machtkämpfe zwischen den Provinzpotentaten und eine zweite Einwanderungswelle arabischer Beduinenstämme von Süden her sorgten für die allmähliche Erosion der städtischen Kulturzentren. Die Handelswege wurden immer unsicherer, die Landwirtschaft ging zurück, und nomadisierende Beduinen wie die Banu Numair beherrschten schließlich auch das Balikh-Tal. Für Ackerbau und Handel, gar für feste Wohnstätten interessierten sich diese Zeltbewohner wenig, lieferten sich aber untereinander heftige Scharmützel und überzogen die alteingesessene Bevölkerung immer wieder mit Razzien, Plünderungen und Versklavung. Nur für eine kurze Zwischenphase Mitte des 11. Jahrhunderts pflegte der numairidische Fürst Mani’ ibn Shabib urbane Traditionen und legte in ar-Raqqa repräsentative Bauwerke an.

Zwar keine politische Ruhe, aber einen ordnenden Staat gab es im Tal erst wieder nach 1087, als Seldschuken aus Zentralasien einwanderten und den Norden Syriens besetzten. Dank persischer Militärtechnik und Verwaltungstraditionen verdrängten sie unter ihrem Sultan Malikshah die Beduinen und begründeten eine neue, auf städtische Machtzentren fußende islamische Ordnung.

Eine straffe Militärorganisation, staatliche Einnahmen durch Zollstellen, schließlich die Gründung von Rechts- und Verwaltungshochschulen sorgten für eine neue wirtschaftliche und kulturelle Blüte der Region. Zwischen 1120 und 1160 unter Zangi und seinem Sohn Nur ad-Din ibn Zangi verstanden es die Seldschuken, eine Renaissance der Städte einzuleiten, die sich in der Geldwirtschaft widerspiegelt. Heidemann: "Der Fiskus war nunmehr wieder der Vater aller Dinge." Nach 1140 wurde sogar die alte Moschee in ar-Raqqa wieder aufgebaut.

Mit seiner akribischen Arbeit hat Stefan Heidemann für Erhellung in einem dunklen Kapitel islamischer Kultur gesorgt. Für ihn charakterisieren jene 200 Jahre zwischen 950 und 1150, zwischen Untergang und Renaissance der morgenländischen Stadtkultur, den Wandel vom klassischen zu einem Islam, wie wir ihn in weiter entwickelter Form praktisch heute noch kennen. Für ar-Raqqa allerdings war die Blütezeit unter seldschukischer Herrschaft nur von kurzer Dauer: Die Mongolenstürme in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts verwandelten die Stadt in ein ödes Trümmerfeld. Erst nach 1860 siedelten die Osmanen dort wieder tscherkessische und tschetschenische Stämme an...

Ansprechpartner:
PD Dr. Stefan Heidemann
Institut für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Tel.: 03641/944853, Fax: 944850
E-Mail: x7hest@nds.rz.uni-jena.de

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Dr. Wolfgang Hirsch
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Fürstengraben 1
D-07743 Jena
Telefon: 03641 · 931030
Telefax: 03641 · 931032
E-Mail: roe@uni-jena.de

Dr. Wolfgang Hirsch | idw

Weitere Berichte zu: Harun Münze Renaissance

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Blick unter den Gletscher
12.06.2017 | Universität Bern

nachricht ROBOLAB generiert neue Forschungsansätze und Kooperationen
08.05.2017 | Hochschule Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Future Security Conference 2017 in Nürnberg - Call for Papers bis 31. Juli

26.06.2017 | Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

„Digital Mobility“– 48 Mio. Euro für die Entwicklung des digitalen Fahrzeuges

26.06.2017 | Förderungen Preise

Fahrerlose Transportfahrzeuge reagieren bald automatisch auf Störungen

26.06.2017 | Verkehr Logistik

Forscher sorgen mit ungewöhnlicher Studie über Edelgase international für Aufmerksamkeit

26.06.2017 | Physik Astronomie