Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Im tropischen "Nebelwald" Ecuadors

12.04.2001


Bergregenwälder gehören zu den artenreichsten Regionen der Erde: Hier leben so viele Tier- und Pflanzenarten pro Quadratkilometer wie an kaum einem anderen Ort. Zugleich werden tropische Bergregenwälder durch
Abholzung und Brandrodung dramatisch zerstört. Die Zeit drängt, will man diese Ökosysteme verstehen lernen - und damit auch ihren Wert für die Länder, in denen sie vorkommen. In zwanzig Forschungsprojekten wollen Botaniker, Zoologen, Bodenkundler, Forstwissenschaftler, Geographen und Klimaforscher das Ökosystem Bergregenwald enträtseln. Die Wissenschaftler von insgesamt zehn deutschen Universitäten und Forschungsmuseen arbeiten zusammen im Rahmen der Forschergruppe "Funktionalität in einem tropischen Bergregenwald Ecuadors: Diversität, dynamische Prozesse und Nutzungspotenziale unter ökosystemaren Gesichtspunkten", die nun von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingerichtet wurde.

Die neue Forschergruppe baut auf Ergebnissen von bislang elf Projekten der Grundlagenforschung auf, die von der DFG in den vergangenen Jahren mit knapp 3,5 Millionen Mark gefördert wurden. Dabei wurde ein erheblicher weiterer Forschungsbedarf deutlich. Erstmals werden im Rahmen der Forschergruppe nun auch stärker anwendungsorientierte Disziplinen, zum Beispiel die Forstwissenschaften, mitarbeiten. Die neue DFG-Forschergruppe versucht, "an einem modellhaft ausgewählten Waldgebiet in den Anden Süd-Ecuadors in einem breiten interdisziplinären Ansatz gänzlich neue Wege zu gehen", so auch der Sprecher der Forschergruppe Professor Konrad Fiedler von der Universität Bayreuth. Ideale Voraussetzungen bietet den Forschern die im südecuadorianisch-peruanischen Grenzgebiet gelegene Forschungsstation "San Francisco" - eine Station im Urwald, unwegsam im steilen Gelände, in unmittelbarer Nähe zum 15 000 Hektar großen Podocarpus-Nationalpark. Das Besondere für die wissenschaftliche Arbeit im tropischen Bergwald, der auch als "Nebelwald" bekannt ist: Die gemeinnützige Stiftung Fundación Científica San Francisco unterstützt die deutschen Wissenschaftler vor Ort und die Kooperation mit Universitäten und Forschern des Gastlandes.


Forschergruppen werden - in der Regel auf sechs Jahre - dort eingerichtet, wo ein zwar kleines, aber besonders bedeutungsvolles Themengebiet die interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordert. Das Programm soll dazu beitragen, neue Arbeitsrichtungen zu etablieren, die in Deutschland bislang nicht oder nur unzureichend vertreten sind.

Ziel der Wissenschaftler ist es, mit Hilfe tausender von Boden-, Wasser-, Pflanzen- und Tierproben wichtige geowissenschaftliche und biologische Eigenschaften des Bergregenwaldes zu erfassen - zum Beispiel Klima- und Bodendaten, Merkmale der Pflanzen- und Tierarten und ihrer Lebensgemeinschaften. In einem zweiten Schritt wollen die Forscher die Funktionsweise wichtiger Teilsysteme - etwa das Zusammenleben von Pflanzen und Tieren oder Wechselwirkungen zwischen Vegetation, Boden und Atmosphäre - untersuchen, um daraus Schlussfolgerungen für den nachhaltigen Schutz des Bergregenwaldes zu ziehen.

Bislang fanden die Forscher in der unmittelbaren Umgebung der Forschungsstation mehr als 1500 verschiedene Pflanzenarten. Wie angesichts dieser immensen Artenvielfalt Pflanzengemeinschaften des Bergregenwaldes nur anhand von einigen Merkmalen an ihrem Standort zu charakterisieren sind, untersucht Professor Klaus Müller-Hohenstein von der Universität Bayreuth. Allein auf Merkmale wie Blattform und -größe oder die "Wuchsarchitektur" der Bäume konzentriert sich der Biogeograph. So ist es Professor Müller-Hohenstein und seinen Mitarbeitern gelungen, erstmals Vegetationseinheiten im Bergwald wissenschaftlich zu beschreiben. Auf diesem Wege kann auf die zeitraubende artgenaue Bestimmung der einzelnen Pflanzen verzichtet werden.

Um die artgenaue Erfassung von Tiergemeinschaften geht es dagegen dem Tierökologen Professor Konrad Fiedler. Er beschäftigt sich mit Schmetterlingen, die als pflanzenfressende Insekten eine wichtige Rolle im Bergregenwald spielen. In der Nähe der Forschungsstation konnte er allein über siebenhundert Nachtschmetterlinge aus der Familie der spannerartigen Nachtfalter aufspüren. "Das sind mehr als 70 Prozent des Artenbestandes ganz Europas", resümiert Professor Fiedler, "aber auch im Vergleich zur Tropeninsel Borneo mit ihren 1000 Arten ist die Artendichte in Südecuador rekordverdächtig." Mittels moderner rechnergestützter Auswertungsmethoden können neue Zusammenhänge zwischen den Nachtschmetterlingen und ihrer Lebensumwelt im tropischen Bergregenwald erkannt werden.

Erst wenn es den Wissenschaftlern verschiedener Fachdisziplinen gelingt, die Gesamtfunktion des Regenwaldes aufzuklären, wird man zukünftig in der Lage sein, steuernd einzugreifen und das artenreiche Ökosystem Bergregenwald zu erhalten. Noch ist in Ecuador die jährliche Entwaldungsrate nach aktuellen UN-Angaben eine der höchsten ganz Lateinamerikas.

Weitere Informationen gibt der Sprecher der Forschergruppe, Prof. Dr. Konrad Fiedler, Lehrstuhl Tierökologie I der Universität Bayreuth, Tel.: 0921/55 2645, E-Mail:  konrad.fiedler@uni-bayreuth.de.

Dr. Eva-Maria Streier | idw

Weitere Berichte zu: Bergregenwald Ecuador Forschungsstation Ökosystem

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Neues Nano-CT-Gerät liefert hochauflösende Aufnahmen von winzigem Stummelfüßer-Bein
07.11.2017 | Technische Universität München

nachricht Neues Verbundprojekt erforscht die neurodegenerative Erkrankung Morbus Alzheimer
12.09.2017 | Universitätsklinikum Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kleine Strukturen – große Wirkung

Innovative Schutzschicht für geringen Verbrauch künftiger Rolls-Royce Flugtriebwerke entwickelt

Gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland hat das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS im Rahmen von zwei Vorhaben aus dem...

Im Focus: Nanoparticles help with malaria diagnosis – new rapid test in development

The WHO reports an estimated 429,000 malaria deaths each year. The disease mostly affects tropical and subtropical regions and in particular the African continent. The Fraunhofer Institute for Silicate Research ISC teamed up with the Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology IME and the Institute of Tropical Medicine at the University of Tübingen for a new test method to detect malaria parasites in blood. The idea of the research project “NanoFRET” is to develop a highly sensitive and reliable rapid diagnostic test so that patient treatment can begin as early as possible.

Malaria is caused by parasites transmitted by mosquito bite. The most dangerous form of malaria is malaria tropica. Left untreated, it is fatal in most cases....

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Tagung widmet sich dem Thema Autonomes Fahren

21.11.2017 | Veranstaltungen

Neues Elektro-Forschungsfahrzeug am Institut für Mikroelektronische Systeme

21.11.2017 | Veranstaltungen

Raumfahrtkolloquium: Technologien für die Raumfahrt von morgen

21.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wasserkühlung für die Erdkruste - Meerwasser dringt deutlich tiefer ein

21.11.2017 | Geowissenschaften

Eine Nano-Uhr mit präzisen Zeigern

21.11.2017 | Physik Astronomie

Zentraler Schalter

21.11.2017 | Biowissenschaften Chemie