Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Rolle der Intelligenz überschätzt: Übung macht den Meister!

25.06.2003


Neurowissenschaftler und Kognitionspsychologin zeigen erstmalig experimentell, dass die Muster der Hirnaktivierung bei verschieden intelligenten Personen sich kaum voneinander unterscheiden, solange sie Aufgaben in ihrem Fachgebiet lösen.



Seitdem Wissenschaftler mit bildgebenden Verfahren dem Gehirn beim Denken quasi zusehen können, ist die Debatte um die Schicksalhaftigkeit von geistigen Leistungen wieder entbrannt. Denn intelligente Menschen besitzen gegenüber weniger intelligenten Artgenossen einen Vorteil, der physiologisch nachweisbar ist: sie lösen schwierige Aufgaben mit weniger Gehirnaktivität und nutzen offenbar das Gehirn effizienter. Lernen und Üben bringt da nichts, könnte man folgern. Doch das ist so nicht richtig, wie nun ein neues Experiment zeigt, das die Hirnforscher Roland Grabner und Professor Dr. Aljoscha C. Neubauer von der Universität Graz sowie die Kognitionspsychologin Professor Dr. Elsbeth Stern vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin abgeschlossen haben. Auch weniger intelligente Menschen können auf ihrem Fachgebiet hohe Leistungen erbringen und das Muster ihrer Hirnaktivierung unterscheidet sich dabei nicht wesentlich von dem ihrer intelligenteren Kollegen.

... mehr zu:
»Intelligenz »Route »Straßennetz »Übung


Die Wissenschaftler rekrutierten für ihre Versuchsreihe 31 erfahrene Taxifahrer aus Graz. Diese Experten für das Grazer Straßennetz unterschieden sich in ihrer Intelligenztestleistung erwartungsgemäß voneinander. Im ersten Experiment wurde den Taxifahrern eine Route in Graz vorgegeben und anschließend defilierten Grazer Straßennamen auf einem Computerbildschirm vorbei. Die Versuchspersonen mussten unter Zeitdruck entscheiden, ob sie diese Straßen auf dem Weg zu ihrem Ziel kreuzen würden oder nicht. Dabei trugen sie eine Kappe mit 27 Elektroden, welche ein Elektro-Enzephalogramm (EEG) aufzeichnete und die Veränderungen in der elektrischen Aktivität verschiedener Gehirnregionen registrierte. Alle Männer lösten diese vertrauten Aufgaben ohne große geistige Anstrengung: nur kleine Bereiche im Gehirn zeigten eine gewisse Aktivität und dieses sparsame Muster unterschied sich bei den einzelnen Versuchspersonen kaum.

Beim zweiten Experiment dagegen wurde den Taxifahrern eine unvertraute Aufgabe gestellt, die an ihre räumliche Intelligenz appellierte: auf einem fiktiven Straßennetz durften sie sich 30 Sekunden lang eine bestimmte Fahrstrecke einprägen. Anschließend erschienen rote Punkte auf einer Blankokarte auf dem Bildschirm und sie mussten entscheiden, ob dieser Punkt auf ihrer Route liege oder nicht. Dieses neue Problem lösten die Intelligenteren mit deutlich weniger geistigem Energieaufwand als ihre Kollegen, die beim Intelligenztest schlechter abgeschnitten hatten.

Bei vertrauten Aufgaben, wie sie im beruflichen Alltag vorkommen, wirken sich Intelligenzunterschiede offensichtlich nicht auf die Effizienz von Hirnprozessen aus. Auch andere Experimente weisen darauf hin, dass Menschen durch Üben ihre Hirnprozesse in bestimmten Bereichen optimieren können.

Überrascht ist die Lernforscherin Stern von diesem klaren Befund nicht. Vielmehr bestätigen die neurophysiologischen Daten das, was auch ihre psychologischen Experimente mit Kindern im Vor- und Grundschulalter zeigen: Lernfortschritte hängen nicht vorwiegend von der Intelligenz ab. "Vorwissen und Übung können eine niedrigere Intelligenz durchaus wettmachen, umgekehrt aber kann eine hohe Intelligenz fehlendes Wissen nicht kompensieren," betont Stern.

Ein hochintelligenter Mensch kann sich durch entsprechende Anstrengung zwar komplexere Gebiete erobern als ein weniger begabter Zeitgenosse, doch in einer arbeitsteiligen Gesellschaft gibt es Aufgaben mit ganz unterschiedlichen Anforderungen. Sobald die Intelligenz ausreicht, um bestimmte Kompetenzen zu erwerben, können auch Menschen mit weniger günstigen geistigen Voraussetzungen gute Leistungen erbringen und zwar mit genauso effizientem "Hirneinsatz" wie die Hochintelligenten. Übung und Motivation machen also den Meister - mangelnde Intelligenz kann also kaum der Grund dafür sein, dass inzwischen etwa ein Fünftel der Jugendlichen die Schule ohne ausreichende Lesekompetenz verlässt.

| MPIB
Weitere Informationen:
http://www.mpib-berlin.mpg.de

Weitere Berichte zu: Intelligenz Route Straßennetz Übung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Lösung gegen Schwefelsäureangriff auf Abwasseranlagen
23.02.2018 | Technische Universität Graz

nachricht Forschende der Uni Kiel entwickeln extrem empfindliches Sensorsystem für Magnetfelder
15.02.2018 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics