Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schlichten statt streiten

19.12.2000


Eine neutrale Dritte erkennt häufig eher

die Ursachen von Konflikten als die Beteiligten. Foto: Joachim

Busch


Rechtswissenschaftler der Universität Münster untersuchen Möglichkeiten der Mediation

Bei einem Gerichtsverfahren gibt es immer Gewinner, aber immer auch Verlierer. Deshalb wird verstärkt versucht, bereits im Vorfeld durch Verhandlungen und Schlichtung ein für beide Konfliktparteien befriedigendes Ergebnis zu erzielen. Eine Konfliktbeilegung unter Mithilfe eines neutralen Dritten, Mediation genannt, bewährt sich bereits seit zehn Jahren vor allem bei familiären Auseinandersetzungen. Langsam erkennt auch die Wirtschaft das Potenzial dieses Verfahrens, das am Centrum für Verhandlungen und Mediation systematisch erforscht und gelehrt wird. Der Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Horst Eidenmüller gründete es vor knapp einem Jahr an der Universität Münster.

"Der große Unterschied zwischen einer Mediation und einem Gerichtsverfahren liegt darin, dass die Beteiligten in einer Mediation selbst den Konflikt lösen müssen", erläutert Eidenmüller. Dabei werden sie von einem neutralen Dritten, dem Mediator, unterstützt, der die Verhandlungen moderiert. Die Grundstrukturen der Mediation ähneln sich, doch die Variationen sind groß, je nachdem, ob es sich beispielsweise um einen Streit in der Familie oder einen Konflikt zwischen Wirtschaftsunternehmen handelt. Gemeinsam aber ist allen Schlichtungsversuchen, dass sich die Beteiligten freiwillig an einen Tisch setzen und bereit sind, nach einvernehmlichen Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

"In einem Gerichtsverfahren geht es lediglich darum, Rechtsansprüche durchzusetzen", erklärt Eidenmüller. "Im Zentrum einer Mediation steht demgegenüber der Versuch, die Interessen der Beteiligten zu erforschen und interessenbasierte Lösungen zu entwickeln." Häufig sei das Streitobjekt nur Anlass, um tiefergehende Konflikte auszutragen. Durch diese Orientierung am Interesse der beiden Parteien ließen sich in der Regel weitaus besser als in einem Gerichtsverfahren Lösungen finden, die für alle Beteiligten Vorteile bieten. Denn die Mediation ist immer auf den Konsens ausgerichtet, alle Beteiligten müssen das Ergebnis mittragen können.

Bei der Beilegung von Familienkonflikten hat sich Mediation bewährt. Wirtschaftsunternehmen dagegen erkennen erst seit wenigen Jahren ihr Potenzial. "Mediation hat immer noch einen leicht esoterischen Touch", bedauert Eidenmüller. Dabei sei sie nicht nur meist deutlich preiswerter als ein Gang vor Gericht, auch indirekte Kosten wie Zeitaufwand oder Beziehungsschaden seien geringer. Um die Mediation bekannter zu machen, wird Prof. Eidenmüller im Mai 2001 zusammen mit der IHK Münster eine Tagung zur Mediation in der Wirtschaft veranstalten.

Auch wenn die Methode nicht ganz neu ist, gibt es bisher keinen Konsens darüber, wie ein Mediationsverfahren am besten abläuft. Dies zu untersuchen und damit auch die Ausbildung von Mediatoren weniger willkürlich als bisher zu machen, ist eine der Aufgaben des Zentrums für Verhandlungen und Mediation. Noch befindet es sich in seinen Anfängen, fehlt der intensive Kontakt zu anderen Disziplinen. Doch darauf legt Eidenmüller großen Wert. Vor allem mit Wirtschaftswissenschaftlern und Psychologen sucht er das Gespräch. "Ökonomen gehen davon aus, dass sich Menschen bei Konflikten grundsätzlich rational verhalten, während Kognitionspsychologen herausgefunden haben, dass wir in bestimmten Situationen systematisch irrational agieren. Deshalb ist es wichtig, diese unterschiedlichen Ansätze zusammenzuführen", meint der Jurist. Derzeit laufen verschiedene Untersuchungen am Centrum. Eine Psychologin evaluiert den Erfolg von unterschiedlichen Verhandlungskonzepten, eine Juristin promoviert über die Streitbeilegung über elektronische Netze - ein Weg, der mit der rasanten Ausbreitung des e-Commerce immer wichtiger wird.

Auch die Ausbildung von Mediatoren gewinnt an Bedeutung. Denn inzwischen ist unter anderem in Nordrhein-Westfalen gesetzlich geregelt, dass bei einem Streitwert unter 1500 Mark erst ein Schlichter angerufen werden muss, bevor die Sache vor Gericht landet. Eine gesetzliche Regelung, die Eidenmüller mit zwiespältigen Gefühlen sieht: "Zur Mediation gehört es, dass alle Beteiligten freiwillig mitwirken. Es stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, sie nun zwingend vorzuschreiben. Auch wäre es fatal, wenn der Eindruck entstünde, Mediation eigne sich besonders oder gar nur für Bagatellestreitigkeiten." Auf jeden Fall sind kompetente, gut ausgebildete Mediatoren nun gefragter denn je. Dem trägt das Centrum mit Kursen für Studierende und andere Interessierte Rechnung.

Weitere Informationen finden Sie im WWW:

Brigitte Nussbaum | idw

Weitere Berichte zu: Gerichtsverfahren Mediation Mediator Schlichten

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Multidisziplinäre Studie regt neue Strategie zur Medikamentenentwicklung an
15.01.2018 | Heidelberger Institut für Theoretische Studien gGmbH

nachricht Interaktionen zwischen einfachen molekularen Mechanismen führen zu komplexen Infektionsdynamiken
09.01.2018 | Institute of Science and Technology Austria

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Im Focus: Scientists decipher key principle behind reaction of metalloenzymes

So-called pre-distorted states accelerate photochemical reactions too

What enables electrons to be transferred swiftly, for example during photosynthesis? An interdisciplinary team of researchers has worked out the details of how...

Im Focus: Erstmalige präzise Messung der effektiven Ladung eines einzelnen Moleküls

Zum ersten Mal ist es Forschenden gelungen, die effektive elektrische Ladung eines einzelnen Moleküls in Lösung präzise zu messen. Dieser fundamentale Fortschritt einer vom SNF unterstützten Professorin könnte den Weg für die Entwicklung neuartiger medizinischer Diagnosegeräte ebnen.

Die elektrische Ladung ist eine der Kerneigenschaften, mit denen Moleküle miteinander in Wechselwirkung treten. Das Leben selber wäre ohne diese Eigenschaft...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - März 2018

17.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

18.01.2018 | Informationstechnologie

Optimierter Einsatz magnetischer Bauteile - Seminar „Magnettechnik Magnetwerkstoffe“

18.01.2018 | Seminare Workshops

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungsnachrichten