Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sterbehilfe zwischen Selbstbestimmung und Integritätsschutz

19.12.2000


Mit einer gültigen Patientenverfügung oder der Bestellung eines medizinischen Patientenanwaltes kann der Problematik der ethischen und rechtlichen Grenzziehung zwischen "würdigem" Sterben und "unwürdigem" Am-Leben-Erhalten begegnet werden. Befindet sich eine Person aufgrund einer Krankheit oder eines Unfalls in einem Zustand, in dem sie ihre Vorstellungen und Wünsche selbst nicht mehr äußern kann, so können sich Angehörige und Ärzte am zuvor artikulierten Patientenwillen orientieren. Die Wirksamkeit einer solchen Patientenverfügung setzt allerdings ein hinreichendes Maß an Ernsthaftigkeit, Konkretheit und Informiertheit voraus. Zu diesem Schluss kommt Professor Dr. Wolfram Höfling, Direktor des Instituts für Staatsrecht der Universität zu Köln und Leiter der Forschungsstelle für das Recht des Gesundheitswesens.

Patientenverfügung oder Patientenanwalt sorgt für Klarheit

Der Rückgriff auf die mutmaßliche Einwilligung des Patienten führt dagegen in ein Labyrinth ungelöster Probleme und kann möglicherweise dazu beitragen, dass die Hemmschwelle für menschliche Tötungswünsche herabgesetzt wird. Der Kölner Rechtswissenschaftler fordert deshalb verfassungsrechtliche Bemühungen, um den Übergang von passiver Sterbehilfe (beispielsweise das Abschalten einer Beatmungsmaschine) zu aktiver Sterbehilfe (z.B. das Setzen einer Giftspritze) zu erschweren und Entwicklungen in Richtung auf ein Modell der Euthanasie in Deutschland entgegenzusteuern.

Durch den raschen medizinischen Fortschritt ändern sich die ethischen Wertungskriterien und gesellschaftlichen Anschauungen. Elementare soziale Grundkategorien wie Leben, Sterben und Tod werden entnaturalisiert und entwickeln sich zu einem nahezu beliebig manipulierbaren Prozess. Die Grenzen zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe verschwimmen. Professor Höfling spezifiziert deshalb die Kriterien ihrer ethischen Differenzierung: Ein wichtiger Unterschied zwischen aktivem Eingreifen und Geschehenlassen liegt im verschieden hohen Risiko von Fehleinschätzungen. Während aktive Sterbehilfe unumkehrbar ist und dem Patienten jegliche Chance nimmt, möglicherweise noch eine Besserung seines Zustandes zu erleben, wird ihm diese Chance bei lediglich passiver Sterbehilfe gelassen. Das Blatt kann sich in diesem Fall nach dem Abbruch der Behandlung noch einmal wenden. Des weiteren ist die Gefahr eines "Dammbruchs" im Falle der weitgehenden Liberalisierung aktiver Sterbehilfe ungleich größer als bei passiver Sterbehilfe. Es besteht die Befürchtung, dass die Hemmschwelle gegen so genannte "Mitleidstötungen" sinken könnte und sich in der Folge ernstzunehmende menschliche Tötungswünsche den Weg bahnen. Zudem ist die Zielrichtung des ärztlichen Handelns unterschiedlich: Sterbenlassen heißt, einem bereits begonnenen Desintegrationsprozess eines Organismus seinen Lauf zu lassen, ohne gegebenenfalls die zentralen Lebensfunktionen zu stützen oder zu ersetzen. Im Falle aktiver Sterbehilfe dagegen ist das ärztliche Handeln vom Krankheitsprozess abgekoppelt und bedeutet eine Wendung gegen den Organismus als ganzen.

Die zunehmende Technisierung und damit die Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten stellt den Arzt in der Sterbebegleitung jedoch auch schon diesseits der aktiven Sterbehilfe vor Probleme. Das Grundgesetz gewährleistet jedem Menschen Freiheitsschutz im Bereich seiner leiblich-seelischen Integrität. Die Wahrung der menschlichen Würde hat demnach Vorrang vor der Umsetzung des medizinisch Machbaren. Grundsätzlich gilt aber auch, dass eine intensivmedizinische Lebenserhaltung das Recht auf einen menschenwürdigen Tod nicht beeinträchtigt. Erst wenn der sterbenskranke Mensch zum erniedrigten Objekt medizinischer Behandlung wird, ist die Garantie der Menschenwürde tangiert. Der menschenfreundliche Umgang mit Kranken und Sterbenden - so Professor Höfling - wahrt ihre Würde in der Regel besser als die schnelle Beendigung ihres Lebens. Große Bedeutung kommt dabei vor allem einer ausreichenden Schmerztherapie zu.

In ein moralisches Dilemma geraten Ärzte und Angehörige, wenn sich der Zustand beispielsweise eines Wachkoma-Patienten unter der ärztlichen Behandlung weder verbessert noch verschlechtert und insgesamt hoffnungslos ist. Erhält der Arzt den Patienten weiter am Leben oder gibt er diese Bemühungen auf: So oder so kann die Entscheidung falsch sein. Der Arzt könnte sich des Totschlags im einen, der Körperverletzung im anderen Fall strafbar machen. Eine verlässliche Lösung bietet hier - trotz aller Einwände, die im wesentlichen Zweifel an der Antizipierbarkeit von Lagen betreffen - eine möglichst aktuelle Patientenverfügung oder die Vertretung der Patienteninteressen durch einen so genannten Patientenanwalt. Dieser kennt die Lebenseinstellung und die Wertmaßstäbe der betroffenen Person bezüglich Krankheit und Sterben aus regelmäßig wiederholten persönlichen Gesprächen. Für den Fall, dass der Patient nicht mehr selbst für seine Interessen eintreten kann, wird der Patientenanwalt zur Vornahme behandlungsbezogener Anordnungen ermächtigt. Dieser Ansatz wird beispielsweise von der Deutschen Hospiz Stiftung favorisiert.

Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias

Für Rückfragen steht Ihnen Professor Dr. Wolfram Höfling unter den Telefonnummern 02462/3616 (privat) und 0221/470-3395 Sekretariat), der Faxnummer 0221/470-5075 und der E-Mail Adresse 
heinrich.lang@uni-koeln.de
zur Verfügung.


Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web
(http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.html).

Gabriele Rutzen | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Neues Verbundprojekt erforscht die neurodegenerative Erkrankung Morbus Alzheimer
12.09.2017 | Universitätsklinikum Würzburg

nachricht Damit sich Mensch und Maschine besser verstehen
04.09.2017 | Technische Universität Chemnitz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise