Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Von Tieren und Menschen. Auf den Spuren einer wechselvollen Beziehung

25.11.2000


Das Tier: Einerseits der beste Freund des Menschen, andererseits sein Versuchsobjekt, Transportmittel und Nahrungsmittellieferant. Eine Bestandsaufnahme der wechselvollen Mensch-Tier-Beziehung eröffnet nicht
nur neue Einsichten in die aktuellen Kontroversen - angefangen vom Tierschutzgedanken bis hin zur Kampfhundedebatte -, sondern gibt sogar Aufschluss über den Umgang der Menschen untereinander.

"Das Thema Tier spielt in den deutschen Geschichtswissenschaften bisher eine marginale Rolle", sagt Dr. Ursula Fuhrich-Grubert vom Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin. Nicht nur mit Hilfe geschichtswissenschaftlicher Werke, sondern auch anhand von Quellen wie dem Koran bis hin zu psychologischen Veröffentlichungen zeichnet die Historikerin mit ihren Studenten nun die wechselvolle Bedeutung der Tiere durch die Jahrhunderte und in verschiedenen Kulturen nach.

In der Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert galten Tiere in der westlichen Welt nur als Nahrungsmittellieferanten, Arbeitsgerät oder Transportmittel - eine Sichtweise, die nach Fuhrich-Grubert in bäuerlichen Zusammenhängen noch heute existiert. In den Städten dagegen verdrängte die zunehmende Industrialisierung das Tier als Nutztier. "Tiere als Mittel zum Lebensunterhalt wurden auf das Land verbannt", so Fuhrich-Grubert. "In diesem Zusammenhang entstand Anfang des 19. Jahrhunderts u.a. aus einer zuvor nicht gekannten Sentimentalisierung des Tier-Mensch-Verhältnisses der Tierschutzgedanke." Tiere werden von diesem Zeitpunkt an ideell als Partner und zugleich als Prestigeobjekt gesehen. Vom Adel und über das Bürgertum bis in die unteren Gesellschaftsschichten wurde das Halten von "Schoßtieren" - zunächst meist Vögeln - modern.

Doch Tierschutzideale dienten auch politischen Zielen: Es habe eindeutige Verbindungen gegeben zwischen Befürwortern der Tierschutzbewegung und Anhängern des in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkommenden Antisemitismus. Beide Gruppierungen bewerteten das Schächten - die Schlachtpraxis der Juden - als negativ. Tiere seien auf diese Weise für rassistische Propaganda instrumentalisiert worden. Dies gilt auch und nicht zuletzt im Nationalsozialismus.

Instrumentalisierungen von Tieren durch die Politik lassen sich nach Fuhrich-Gruberts Ansicht auch im 21. Jahrhundert entdecken, z.B. in der Kampfhundedebatte: "In diesem Fall dienen Tiere dazu, soziale Probleme zu verschleiern, die man nicht in den Griff bekommt." Gemeint sind zum Beispiel Rechtsextremismus, schlechte Wohnsituationen oder Arbeitslosigkeit in den Schichten, aus denen die Halter problematischer Hunde oft stammen.

In westlichen Gesellschaften werden Tiere einerseits als Partner betrachtet, andererseits aber in Labors und Mastställen rein zweckorientiert verwendet, - ein Konflikt, der im Zusammentreffen von Tierschützern und Tierschutzgegnern immer wieder aufbricht. "Indem man sich zur Tierschutzfrage äußert, gibt man gleichzeitig auch Auskunft über seine Vorstellung vom Verhältnis zwischen Tier und Mensch und damit über sein Menschenbild.," kommentiert Fuhrich-Grubert.

Im Islam und Buddhismus gebe es dagegen eine eindeutige Haltung zu Tieren. Während die islamische Kultur sie rein zweckorientiert sieht, wird in buddhistischen Ländern weit rücksichtsvoller mit dem Tier umgegangen: "Buddhistische Mönche nehmen ihre Selbstverpflichtung, keine Tier zu töten, sehr ernst. Sie seihen das Wasser durch, um kein Leben darin zu zerstören oder fegen den Weg vor sich mit einem Palmwedel, um keine Insekten zu zertreten", berichtet Ursula Fuhrich-Grubert.

Mit ihrer Bestandsaufnahme der Mensch-Tier-Beziehung will die Historikerin den Blick für die verschiedenen Umgangsmöglichkeiten mit Tieren schärfen, um die Bestimmung eines eigenen Standpunktes zu ermöglichen. Eine westliche Gesellschaft ist jedenfalls nicht in der Lage, den Weg der buddhistischer Mönche zu gehen - das steht für Fuhrich-Gruberts Studenten bereits fest.

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Frau Dr. Ursula Fuhrich-Grubert, Fachbereich Kultur- und Geschichtswissenschaften, Friedrich-Meinecke-Institut, Koserstraße 20, 14195 Berlin, Telefon: 030 838 56768 Fax: 030 838 53327, E-Mail: ursfugr@zedat.fu-berlin.de

Anke Ziemer | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Forschende der Uni Kiel entwickeln extrem empfindliches Sensorsystem für Magnetfelder
15.02.2018 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

nachricht Getarntes Virus für die Gentherapie von Krebs
31.01.2018 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Im Focus: Developing reliable quantum computers

International research team makes important step on the path to solving certification problems

Quantum computers may one day solve algorithmic problems which even the biggest supercomputers today can’t manage. But how do you test a quantum computer to...

Im Focus: Innovation im Leichtbaubereich: Belastbares Sandwich aus Aramid und Carbon

Die Entwicklung von Leichtbaustrukturen ist eines der zentralen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft. Besonders in der Luftfahrtindustrie und in anderen Transportbereichen sind Leichtbaustrukturen gefragt. Sie ermöglichen Energieeinsparungen und reduzieren den Ressourcenverbrauch bei Treibstoffen und Material. Zum Einsatz kommen dabei Verbundmaterialien in der so genannten Sandwich-Bauweise. Diese bestehen aus zwei dünnen, steifen und hochfesten Deckschichten mit einer dazwischen liegenden dicken, vergleichsweise leichten und weichen Mittelschicht, dem Sandwich-Kern.

Aramidpapier ist ein etabliertes Material für solche Sandwichkerne. Sein mechanisches Strukturversagen ist jedoch noch unzureichend erforscht: Bislang fehlten...

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

Tag der Seltenen Erkrankungen – Deutsche Leberstiftung informiert über seltene Lebererkrankungen

21.02.2018 | Veranstaltungen

Digitalisierung auf dem Prüfstand: Hochkarätige Konferenz zu Empowerment in der agilen Arbeitswelt

20.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Geheimtinte: Von antiken Rezepturen bis zu High-Tech-Varianten

22.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neuer Sensor zur Messung der Luftströmung in Kühllagern von Obst und Gemüse

22.02.2018 | Energie und Elektrotechnik

Neues Prinzip der Proteinbindung entdeckt

22.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics