Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

"Ehrenwörter" haben kurze Beine - Neue Anwendungsperspektiven des "Lügendetektors"

27.10.2000


Er taugt nicht zur Aufklärung bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch, und den Leichtathleten Dieter Baumann konnte er vom Dopingverdacht auch nicht befreien: Der sog. "Lügendetektortest". Und für den Einsatz als
Beweismittel in Strafverfahren ist er nach einem Beschluss des BGH "völlig ungeeignet". In Polizeiverhören und zur testweisen Überprüfung von "Ehrenwörtern" bietet er aber durchaus nützliche Anwendungsmöglichkeiten.

"Die Logik der Untersuchungsmethode mit dem sogenannten Lügendetektor ist im Grunde in Ordnung", sagt Dr. Klaus-Peter Dahle aus der Arbeitsgruppe um den FU-Psychologen Prof. Dr. Max Steller, auf deren Gutachten der Beschluss des Bundesgerichtshofes vom Dezember 1998 fußt und für das Steller am 24. September den "Deutschen Psychologie-Preis" des Jahres 2000 erhielt. "Aber es gibt Fallkonstellationen, in denen man die ermittelten Ergebnisse genau falsch herum interpretiert." Bei einem solchen Test misst der Polygraph oder Lügendetektor nicht nur Atemtiefe und -frequenz, sondern auch Blutdruck und Leitfähigkeit der Haut, die sich u.a. durch "Angstschweiß" erhöht, und dokumentiert dadurch, wie stark die Person auf einen bestimmten Reiz, z.B. eine peinliche Frage, reagiert. Die "typische" Reaktion eines Lügners gibt es bei diesem Test aber nicht: Manch einer lässt sich nur wenig aus der Ruhe bringen, ein anderer reagiert hochnervös. Mit dem Lügendetektor kann man also lediglich die Reaktionen e i n e r Person auf v e r s c h i e d e n e Fragen miteinander vergleichen. Die Kunst ist es daher, aus individuellen Reaktionsvergleichen des Befragten Rückschlüsse auf seine Schuld oder Unschuld zu ziehen.

Dafür gibt es zwei Testmethoden: Beim Kontrollfragentest werden sowohl für die Tat relevante Fragen als auch sog. Vergleichsfragen gestellt, die alle zum gleichen Themenkreis - zum Beispiel Sex - gehören. Die Vergleichsfragen müssen jedoch für den Nichttäter eine höhere Bedeutung als die relevanten Fragen haben. Wer auf die Vergleichsfragen stärker reagiert, gilt im Lügendetektortest als unschuldig. Ob die Vergleichsfragen aber die gewünschte Wirkung erzielen, hängt vor allem von der Kunst desjenigen ab, der die Fragen stellt. Dessen Kompetenz und damit der Erfolg dieser Methode ist aber nicht kontrollierbar, sondern muss bei der Ergebnisbewertung vorausgesetzt werden. - Grund genug für die Ablehnung dieser Testmethode durch den Bundesgerichtshof.

Für die zweite Methode, den Tatwissenstest, lässt sich hingegen statistisch nachprüfen, mit welcher Wahrscheinlichkeit das Ergebnis richtig ist: Dieser Test beruht auf der Annahme, dass ein Schuldiger bestimmte Details des Tathergangs besser kennt als ein Unschuldiger, also auch stärker reagieren sollte, wenn ihm Fragen zu Tatort, Tatwaffe, Tatzeit etc. gestellt werden. "Es passiert so gut wie nie, dass ein Unschuldiger bei allen Tatdetails an der relevanten Stelle die Maximalreaktion zeigt", versichert Dahle. Für ein Gerichtsverfahren ist jedoch auch diese Lügendetektormethode ungeeignet: Bis es zum Verfahren kommt, ist ein unschuldiger Verdächtiger so oft verhört worden, dass er die Details des Tathergangs inzwischen ebenfalls kennt.

Polizeiverhöre, Kriminalprognosen und die verbesserte Kontrolle bewährungsentlassener Sexualtäter wären aber mögliche Anwendungsgebiete für den Tatwissenstest, meint Klaus-Peter Dahle. Eine ganz spezielle Möglichkeit der Anwendung hat er zusammen mit seinen Studenten getestet: Die Aufklärung von Parteispendenaffären. Sie wollten versuchen, aus einer Gruppe von zehn Kommilitonen diejenigen herauszufinden, die an einem "konspirativen" Treffen einschließlich Lederkofferübergabe beteiligt waren. Das Ergebnis? Klaus-Peter Dahle: "Es klappte wunderbar. Wir haben jeden einzelnen erwischt."


Weitere Informationen erteilen Ihnen gern:
Dr. Klaus-Peter Dahle, Institut für Forensische Psychiatrie, Limonenstr. 27, 12203 Berlin, Telefon: 030-8445-1417, E-Mail: dahle@zedat.fu-berlin.de und Prof. Dr. Max Steller, Telefon: 030-8445-1420, E-Mail: msteller@zedat.fu-berlin.de

Verena Laudahn

Anke Ziemer | idw

Weitere Berichte zu: Bundesgerichtshof Lügendetektor

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Fake News finden und bekämpfen
17.08.2017 | Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie SIT

nachricht Neues interdisziplinäres Zentrum für Physik und Medizin in Erlangen
25.07.2017 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Scharfe Röntgenblitze aus dem Atomkern

17.08.2017 | Physik Astronomie

Fake News finden und bekämpfen

17.08.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Effizienz steigern, Kosten senken!

17.08.2017 | Messenachrichten