Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wahlkampfthema Ausländerpolitik brandgefährlich

17.10.2000


Marburger Sozialpsychologen warnen vor Instrumentalisierung des Themas Asyl und Zuwanderung zu Wahlkampfzwecken

Die Arbeitsgruppe Sozialpsychologie an der Marburger Philipps-Universität befürchtet, dass ein gezielter Einsatz des Themas Ausländerpolitik im kommenden Bundestagswahlkampf das Meinungsklima gegen ethnische Minderheiten in Deutschland weiter verschlechtert. "Wer zum gegenwärtigen Zeitpunkt das Thema Asyl und Zuwanderung gezielt zu Wahlkampfzwecken instrumentalisiert, wird sich möglicherweise im Nachhinein vorwerfen lassen müssen, weiter zur Eskalation von Gewalt gegen ethnische Minderheiten beigetragen zu haben", heißt es in einer Stellungnahme der Marburger Sozialpsychologen zu entsprechenden Überlegungen des Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Friedrich Merz.

Wir veröffentlichen die Stellungnahme nachfolgend im Wortlaut:


Mit großer Besorgnis nehmen wir zur Kenntnis, dass es Pläne gibt, das Thema Ausländerpolitik, Zuwanderung, Asyl o.ä. in kommenden Wahlkämpfen gezielt zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen zu machen. Ein solches Unterfangen ist hochgradig gefährlich.

Vorsichtig geschätzt gab es seit Beginn des Jahres mehrere tausend fremdenfeindlich motivierte Straftaten. Dabei waren auch Todesopfer zu beklagen. Diese Vorfälle und die Berichterstattung darüber machen deutlich, dass Rassismus und rechte Gewalt in Deutschland keine Ausnahmeerscheinung einiger weniger Verirrter sind.

Die rassistischen Gewalttäter sehen sich in ihren Handlungen durch weite Teile der Bevölkerung zumindest ideologisch unterstützt. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Haltung der deutschen Bevölkerung Ausländern und Zuwanderern gegenüber tatsächlich nicht gerade positiv ist. Beispielsweise nimmt in einer vergleichenden Umfrage unter den fünfzehn Mitgliedstaaten der Europäischen Union Deutschland Platz vier in der Ausländerfeindlichkeit ein, d.h. die deutsche Bevölkerung hat größere Vorurteile als die Menschen in elf Nachbarstaaten (Wagner & van Dick, in Vorb.). Eine Serie von Feldexperimenten in verschiedenen Regionen Deutschlands belegt, dass sich Vorurteile gegenüber Ausländern auch in entsprechenden Handlungen niederschlagen: In neun von vierzehn Experimenten wurden Ausländer systematisch benachteiligt und diskriminiert (Klink & Wagner, 1999).

Vor diesem Hintergrund - einer nicht unerheblichen Zahl potentieller fremdenfeindlicher Gewalttäter und einer ablehnenden bis rassistischen Haltung in weiten Teilen der Bevölkerung - ist die Verwendung des Themas Zuwanderung, ethnische Minderheiten, Asyl in Wahlkämpfen hochgradig gefährlich. Die sozialpsychologische Einstellungsforschung weiß, dass Menschen Informationen verzerren. Menschen interpretieren Informationen nach Möglichkeit so, dass sie mit ihren Überzeugungen und Vorurteilen in Einklang zu bringen sind. Damit besteht die Gefahr, dass im Zuge einer öffentlichen Debatte zum Thema Ausländerpolitik vor allem die Argumente rezipiert werden, die die eigene ablehnende Haltung stützen. Positionen, die mit den eigenen Vorurteilen nicht in Einklang zu bringen sind, werden ausgeblendet oder uminterpretiert.

Vor dem Hintergrund des aktuellen Meinungsklimas birgt jede Debatte des Themas Ausländerpolitik die Gefahr verzerrter Rezeption, der nur durch sorgfältig vorgetragene und ausgewogene Argumentationen der verschiedenen Positionen zu begegnen ist. Im Zuge eines Wahlkampfes sind die politischen Akteure aber oft nicht mehr Herr des Verfahrens, Argumente werden überzogen, die Positionen polarisiert. Damit ist die Gefahr enorm groß, dass der gezielte Einsatz des Themas Ausländerpolitik im Wahlkampf das Meinungsklima in Deutschland gegen ethnische Minderheiten weiter verschlechtert. Wer zum gegenwärtigen Zeitpunkt das Thema Asyl und Zuwanderung gezielt zu Wahlkampfzwecken instrumentalisiert, wird sich möglicherweise im Nachhinein vorwerfen lassen müssen, weiter zur Eskalation von Gewalt gegen ethnische Minderheiten beigetragen zu haben.

Um nicht missverstanden zu werden: Eine politische Diskussion von Zuwanderung nach Deutschland und über den Status dieses Landes als Einwanderungsland ist dringend erforderlich. Fremdenfeindlichkeit in Deutschland ist unter anderem eine Konsequenz der Tatsache, dass sich die deutsche Politik nie darauf verständigen konnte, dass Deutschland faktisch ein Einwanderungsland ist, und dass die Debatte darüber nie ernsthaft geführt wurde. Eine solche Diskussion muss aber abgeklärt erfolgen, sie muss Nuancen zulassen und Verirrungen auffangen. In den Turbulenzen eines Wahlkampfes ist dies nicht möglich.

Prof. Dr. Ulrich Wagner, Dr. Rolf van Dick, Thaneswor Gautam, M.B.I., Dr. Andreas Homburg, Lic. Vanessa Smith-Castro, Dipl.-Psych. Jost Stellmacher, Dipl.-Psych. Natalie Vasdev


Kontakt: Prof. Dr. Ulrich Wagner, Tel.: 06421/2823664

Klaus Walter | idw

Weitere Berichte zu: Asyl Ausländerpolitik Gewalttäter Vorurteil Zuwanderung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Neues Verbundprojekt erforscht die neurodegenerative Erkrankung Morbus Alzheimer
12.09.2017 | Universitätsklinikum Würzburg

nachricht Damit sich Mensch und Maschine besser verstehen
04.09.2017 | Technische Universität Chemnitz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften