Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der aufrechte Gang - eine Konsequenz des Nahrungsmangels?

25.01.2001


Sind unsere Urahnen wirklich von den Bäumen herabgestiegen? Nach einer neuen Evolutionstheorie spricht verblüffend vieles dafür, dass die Vorfahren des Homo sapiens schon früh Bäume, Uferbereiche und Savanne gleichzeitig als Lebensraum nutzten. In seinem "Theorem von der ubiquitären Energieknappheit" setzt sich der Anthropologe Prof. Carsten Niemitz vom Institut für Biologie der Freien Universität Berlin kritisch mit den bisherigen Theorien auseinander und stellt eine neue auf - die der "Amphibischen Generalisten".

Als in Ostafrika die Dschungelwälder von sich ausbreitenden Savannengebieten mehr und mehr zurückgedrängt wurden, boten die Galeriewälder an den Wasserläufen nicht mehr ausreichend Nahrung. Um überleben zu können, waren unsere Primatenvorfahren gezwungen, mehrere Lebensräume (Habitate) gleichzeitig zu nutzen. Tagsüber durchstreiften sie ihr Revier in der Savanne, in der Nacht dienten ihnen Bäume als sichere Schlafplätze. Die zunehmend lebensnotwendigen tierischen Proteine fanden sie zu jeder Jahreszeit in den flachen Uferbereichen von Flüssen und Seen.

Zahlreiche anatomische und verhaltensbiologische Erkenntnisse sprechen für diese Theorie. So waten Primaten beispielsweise auf den Hinterbeinen durch das Wasser, um Krebse und andere Tiere zu erbeuten. Dabei ist es energetisch von Vorteil, wenn die Hinterextremitäten länger sind. Während Vierfüßer wie Pferde oder Hunde vorne schwerer sind und nicht waten können, sinken Tierprimaten im Wasser auf die Hinterbeine zurück und richten sich auf. Letztlich entwickelte sich der aufrechte Gang also als Konsequenz der Position des Körperschwerpunktes. Verschiedene anatomische Anpassungen der Vorder- und Hinterextremitäten erleichterten den häufigen Wechsel der Habitate.

Der verbreiteten Theorie, wonach sich unsere Vorväter aufgerichtet haben, um in der Savanne weiter sehen zu können, setzt Niemitz entgegen, dass dies eher unvorsichtig und daher als Grund nicht stichhaltig ist, denn: wer groß genug ist um weit zu sehen, ist auch selbst gut zu erkennen - von hungrigen Löwen beispielsweise. Nach dem "Ausblick" wieder auf vier Füße zu gehen - wie es die Tierprimaten tun - hilft, in der Wildnis zu überleben. Die Frage lautet nach Niemitz nicht: Warum haben wir uns aufgerichtet, sondern: Warum sind wir anschließend stehen geblieben?

Erstaunlich ist auch, dass der Mensch - obwohl er über einen ausgeprägten Gehfuß verfügt - kein "Gehspezialist" geworden ist. Er ist das einzige Säugetier, das sowohl energiesparend über große Strecken wandern als auch kurze Strecken schnell laufen, schwimmen und ohne spezielles Training zwei Meter tief tauchen kann. Makaken hingegen haben keine ausgeprägten Gehfüße, können jedoch auf vier Beinen mit einer Geschwindigkeit von 40 Kilometern pro Stunde galoppieren. Die menschliche Zweibeinigkeit (Bipedie) hat sich in der Evolution also etabliert, nicht weil wir mit unseren langen Beinen schneller wären, sondern obwohl wir sprintend deutlich langsamer sind als die bei Gefahr flink davonschießenden viel kleineren Affen.

Auch was das Greifen angeht ist der Homo sapiens eher ein Generalist. Die Theorie, wonach wir uns von den Tierprimaten dadurch unterscheiden, dass wir eine "kreative Hand" zur Feinmanipulation haben und für diese Tätigkeiten aufstanden, lässt sich ebenfalls widerlegen. Zum einen verrichten wir komplizierte "Handarbeiten" bevorzugt im Sitzen - wie Tierprimaten und Affen übrigens auch. Zum anderen sind die Hände von Menschenaffen anatomisch an deren spezielle Bedürfnisse angepasst. Sie differenzierten sich erst nach der Aufspaltung von Menschenaffen und Menschen vor etwa sechs bis acht Millionen Jahren und sind, stammesgeschichtlich gesehen, in vielen Merkmalen "moderner". Im Gegensatz dazu ist unsere Hand vergleichsweise "primitiv"; vornehmlich unser Gehirn macht die Überlegenheit der menschlichen Hand aus.

Was folgt aus der neuen Theorie? Unsere Vorfahren sind nicht von den Bäumen geklettert, denn sie haben vermutlich immer auch schon am Boden gelebt. Sie fingen an, aufrecht watend im Flachwasser zu gehen, weil sie sonst schlicht verhungert wären. Seither existiert die Affinität zu Gewässern und Ufern; sie ist stammesgeschichtlich bedingt und uns bis heute erhalten geblieben.
Wie seine äffischen Vorfahren auch ist der Homo sapiens kein Spezialist, sondern ein ökologischer Generalist, ein Allesesser und ein Nutzer einer Vielzahl möglicher Habitate und Biotopformen. Die Evolution des aufrechten Menschen hat nicht einen, sondern eine ganze Reihe von Gründen, welche die neue Theorie gemeinsam berücksichtigt.

Catarina Pietschmann


Nähere Informationen gibt Ihnen gern:
Univ.-Prof. Dr. Carsten Niemitz, Fachbereich Biologie-Chemie-Pharmazie, Institut für Biologie (Anthropologie und Humanbiologie), Fabeckstr. 15, 14195 Berlin-Dahlem, Telefon: 030 / 838-52900, Fax: 030 / 838-56556, E-Mail: cniemitz@zedat.fu-berlin.de

Ilka Seer | idw

Weitere Berichte zu: Generalist Habitate Homo Tierprimat Tierprimaten Vorfahre Vorfahren

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Neues Labor für die Aufbautechnik von ultradünnen Mikrosystemen
21.02.2017 | Hahn-Schickard

nachricht 36 Forschungsprojekte zu Big Data
21.02.2017 | Schweizerischer Nationalfonds SNF

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Künstlicher Intelligenz das Gehirn verstehen

Wie entsteht Bewusstsein? Die Antwort auf diese Frage, so vermuten Forscher, steckt in den Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Leider ist jedoch kaum etwas über den Schaltplan des Gehirns bekannt.

Wie entsteht Bewusstsein? Die Antwort auf diese Frage, so vermuten Forscher, steckt in den Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Leider ist jedoch kaum etwas...

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Nebennierentumoren: Radioaktiv markierte Substanzen vermeiden unnötige Operationen

28.02.2017 | Veranstaltungen

350 Onlineforscher_innen treffen sich zur Fachkonferenz General Online Research an der HTW Berlin

28.02.2017 | Veranstaltungen

23. VDMA-Arbeitsberatung „Engineering und Konstruktion“ am 2. März 2017 an der TH Wildau

28.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Partnerprogramm von Stellar Datenrettung

28.02.2017 | Unternehmensmeldung

Ein Filter für schweren Wasserstoff

28.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Auf den Spuren der Entstehung von Kondensationstropfen

28.02.2017 | Physik Astronomie