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Kinderfreundschaften in Island und China untersucht

19.09.2002


Die Entwicklungspsychologin Dr. Monika Keller vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin untersucht die moralische Sensibilität in Beziehungen von jungen Menschen in verschiedenen Kulturen. Unter anderem ist sie auch der Frage nachgegangen, wie isländische und chinesische Kinder und Jugendliche über Freundschaft nachdenken. Während chinesische Kinder schon mit sieben Jahren die Belange aller Gruppenmitglieder berücksichtigen, verhalten sich isländische Kinder zunächst egozentrischer. Doch in der Pubertät betonen die Jugendlichen in beiden Kulturen den Wert der Freundschaft: Sie sind bereit zu persönlichem Verzicht (Island) beziehungsweise zum Ausscheren aus dem Kollektiv (China), um das Vertrauen in der Freundschaft nicht zu gefährden. Kellers empirische Studien zeigen, dass Kinder früher als bisher angenommen in der Lage sind, moralische Dilemmata zu verstehen und sie aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Die isländischen Kinder handeln jedoch im Unterschied zu ihren chinesischen Altersgenossen nicht immer entsprechend ihrem Pflichtgefühl. Die wachsende Bedeutung der intimen Freundschaft in der Pubertät weist darauf hin, dass der soziale und emotionale Reifeprozess in allen Kulturen einem ähnlichen Muster folgt. Dennoch sind Moralentscheidungen und Werte stark von der jeweiligen Kultur geprägt.

"Meins, meins", schreit das Kleinkind und reißt beide Autos an sich. Obwohl es gerne mit anderen Kindern zusammen ist, kann es noch nicht teilen oder gar auf etwas verzichten. Doch mit der Zeit entwickeln sich die meisten der kleinen Egomanen zu einfühlsamen Mitmenschen. Diesen moralischen Entwicklungsprozess untersucht die Psychologin Dr. Monika Keller vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Dabei sei der Umgang mit Gleichaltrigen und insbesondere Freunden besonders wichtig, sagt Keller, denn so lernen Kinder, Konflikte miteinander auszuhandeln anstatt Angebote von sozial kompetenteren Erwachsenen zu übernehmen. Das Kind übt im Spiel und im Streit mit seinen Freunden, das eigene Verhalten aus der Sicht anderer zu sehen und zu beurteilen und lernt mit den sozialen Spielregeln umzugehen. Die Ansprüche an die Freundschaft verändern sich dabei mit wachsendem Alter, vom "gut zusammen spielen" in der Kindheit bis zum "Seelenaustausch" in der Pubertät.
Keller analysiert das Freundschaftsverständnis und auch das Verständnis der Eltern-Kind Beziehung von Kindern in unterschiedlichen Kulturen, wie in China, Russland, Japan, Island, USA, der ehemaligen DDR und der BRD. Am weitesten abgeschlossen ist der Vergleich von 120 Schülern und Schülerinnen im Alter von sieben, zwölf, fünfzehn und neunzehn Jahren aus Island, die in einer Längsschnittstudie untersucht wurden, und etwa 80 gleichaltrigen Kindern und Jugendlichen in China.

Keller und ihre Mitarbeiter in den verschiedenen Ländern führten mit den Kindern und Jugendlichen Interviews über Freundschaften und moralische Probleme im Alltag durch. In einem "Freundschaftsdilemma" verspricht ein Mädchen (oder ein Junge, entsprechend dem Geschlecht und Alter des oder der Befragten) ihrer besten Freundin, sie zu besuchen. Am gleichen Tag erhält sie jedoch eine interessante Einladung von einem Kind, das neu in die Klasse gekommen ist und noch keine Freunde hat. Die Einladung ist jedoch ausgerechnet an dem Tag, an dem sich dieses Mädchen mit ihrer besten Freundin trifft. Hinzu kommt, dass die Freundin über etwas Wichtiges sprechen möchte. Die Kinder und Jugendlichen wurden zunächst befragt, ob und warum diese Situation problematisch ist. Anschließend sollten sie sich in die Rolle der Protagonistin versetzen und eine Entscheidung treffen und begründen. Weitere Themen waren die Folgen dieser Entscheidung, die Strategien der Konfliktverhandlung und die Überlegung, ob die Entscheidung moralisch richtig ist.

Im Entwicklungsverlauf veränderten sich in allen untersuchten Kulturen die Vorstellungen über Freundschaft in gleicher Weise. Während Kinder es als wichtig empfinden mit ihren Freunden zu spielen, sich zu mögen und Geheimnisse auszutauschen, betonen die Jugendlichen gleiche Interessen, Vertrauen und Intimität. Sowohl in China als auch in Island entschieden sich die sieben- und neunjährigen Kinder mehrheitlich für die Einladung des neuen Kindes, während die Zwölf- und insbesondere die Fünfzehnjährigen das Zusammensein mit der Freundin wählten. Dabei ergab sich kein Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Bemerkenswert jedoch waren die kulturellen Unterschiede im moralischen Urteil und seiner Begründung. Die isländischen Kinder entschieden sich für das neue Kind, weil das Angebot interessanter war, sie beurteilten diese Entscheidung jedoch unter moralischen Gesichtspunkten als falsch, weil sie den Freund kränken würde. Die Sieben- und Neunjährigen in China entschieden sich aus anderen Gründen für das neue Kind: Sie beriefen sich häufig auf eine Schul-Regel, nach der ein neues Kind in die Gruppe integriert werden muss. Sie bewerteten es auch als richtiger, einem neuen Kindes zu helfen und glaubten, dass die Freundin dies verstehen würde. Die zwölf- und insbesondere die fünfzehnjährigen Jugendlichen dagegen entschieden sich in beiden Kulturen mehrheitlich für die enge Freundschaft und hielten diese Entscheidung auch für moralisch geboten.

Über die Zeit hinweg nahmen die Befragten aus beiden Kulturen das Problem unterschiedlich wahr: Die westlichen Kinder und Jugendlichen sahen einen Konflikt zwischen individuellem Glück und normativen Prinzipien wie Zuverlässigkeit und Treue in Freundschaften. Die chinesischen Befragten dagegen erlebten einen Konflikt zwischen zwei gleichermaßen wichtigen Verpflichtungen. Doch auch sie geben im Jugendalter der engen Freundschaft den Vorzug und wenden sich damit gegen die explizite kulturelle Sozialisation.

Freundschaft gewinnt in diesen beiden - aber auch in den anderen untersuchten - Kulturen im Jugendalter zentrale Bedeutung. Monika Keller interpretiert das Ergebnis so: "In der Pubertät lösen sich junge Menschen von den Eltern und intensivieren die Beziehungen zu den gleichaltrigen Freunden und Freundinnen. Diese starke emotionale Zuwendung zu Gleichaltrigen im mittleren Jugendalter könnte eine biologisch sinnvolle Vorbereitung auf eine spätere Partnerschaft sein, denn die Jugendlichen lernen in Freundschaften auch Intimität und Autonomie zu verhandeln."

Nach Studien in westlichen Kulturen wird Freundschaft im frühen Erwachsenenalter weniger eng. Die ersten Auswertungen der Interviews mit den Neunzehnjährigen bestätigen, dass in beiden Kulturen Vertrauen und Intimität zwar wichtig bleiben, dass aber zugleich gesehen wird, dass Freundschaften in ein Netz aus anderen Beziehungen eingebettet sind und Raum für die Entfaltung von Individualität lassen müssen. Dabei betonen die chinesischen Befragten insbesondere den gesellschaftlichen Charakter von Freundschaft und sehen Freunde als eine Unterstützung im gesellschaftlichen Leben, als Helfer und Korrektoren. Die isländischen Befragten dagegen sehen Freundschaft als eine sehr private Beziehung, in der Freunde die Rolle von Therapeuten bei der Lösung persönlicher Problem einnehmen.

Kellers Untersuchungen zeigen, dass sich das Verständnis von sozialen Beziehungen und moralischen Regeln im Kontext unterschiedlicher gesellschaftlicher Sozialisation entwickelt, gleichzeitig jedoch universelle kognitive und emotionale Reifungsprozesse widerspiegelt. In allen Kulturen müssen Jugendliche die gleiche Entwicklungsaufgabe meistern, sich von den Eltern lösen und Gleichaltrigen zuwenden, auch wenn Rechte und Pflichten in diesen Beziehungen kulturell unterschiedlich definiert werden, betont die Psychologin. Daher ist sie darauf gespannt, die Vorstellungen über Freundschaft und Eltern-Kind Beziehungen im Kulturvergleich zu sehen.

Dr. Antonia Rötger | idw
Weitere Informationen:
http://www.mpib-berlin.mpg.de/dok/full/keller/dieentwi/index.htm

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