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Eine Moorleiche bekommt ein Gesicht

14.08.2002




Untersuchungen am Forschungszentrum caesar zur Gesichtsrekonstruktion einer 2000 Jahre alten Moorleiche

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Am Bonner Forschungszentrum caesar wird Geschichte lebendig: In Kooperation mit dem Landesmuseum für Natur und Mensch Oldenburg vermessen die Wissenschaftler eine fast 2000 Jahre alte Moor­leiche mit holografischen Methoden. Außerdem werden sie aus Computer­tomografie-Daten des Kopfes durch Rapid-Prototyping-Verfahren ein Kunst­stoffmodell des Schädels erstellen. Die Untersuchungen sollen dazu dienen, in einem weiteren Schritt das Gesicht lebensnah zu rekonstruieren.

Der Tote, ein ca. 20 Jahre alter Mann, lebte zur Römerzeit und ist vermutlich zwischen 20 und 310 n. Chr. gestorben. Ein Torfarbeiter fand ihn im Jahr 1936 im Moor von Husbäke (Niedersachsen). Vermutlich ist er verunglückt, Verletzungen sind nicht sichtbar. Die Leiche wurde im Moor als Trockenmumie konserviert und ist relativ gut erhalten. Moorleichen sind die einzigen Quellen über den Menschen und sein Erscheinungsbild in Nordwestdeutschland aus der Zeit 200 v. Chr. bis 200 n. Chr. Sie geben wichtige Hinweise auf die Krankheiten, die Körperpflege, Ernährung und Tracht der damaligen Menschen.


Das Oldenburger Museum lässt die Moorleiche von Husbäke mit modernsten Methoden untersuchen. Zunächst werden in der Radiologischen Universitäts-klinik Bonn Computertomografie-Aufnahmen (CT) des Kopfes gemacht. Sie stellen Schicht für Schicht ein genaues Abbild der Schädelkno­chen dar. Die CT-Daten werden im Forschungszentrum caesar für das Rapid-Prototyping verwendet. Dieses Verfahren wird u.a. im Automobil- und Maschinenbau gerne eingesetzt, um schnell und kostengünstig Prototypen aus dreidimensionalen Datensätzen herzustellen. caesar nutzt diese Vorteile für neue Anwendungen im Bereich der Medizin. Aus den Daten baut die Rapid-Prototyping-Anlage Schicht für Schicht ein Kunststoffmodell des Schädels der Moorleiche auf. Die Arbeitsgruppe unter Leitung von Dr. Hermann Seitz und Carsten Tille verwendet das Stereolithografie-Verfahren, bei dem Kunststoff­harz durch Laserlicht ausgehärtet wird.

Außerdem soll die Oberfläche der Moorleiche dokumentiert und vermessen werden. Die caesar-Arbeitsgruppe "Holografie und Lasertechnologie" unter Leitung von Prof. Dr. Peter Hering hat ein holografisches Aufnahmeverfahren entwickelt, das z.B. bei Patienten in der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie zur Operationsvorbereitung eingesetzt werden kann. Mit einem gepulsten Laser­strahl wird ein Hologramm erzeugt und in einem zweiten Schritt die darin gespeicherte dreidimensionale Oberflächeninformation mit einer Digitalkamera schichtweise aufgezeichnet. Aus den so gewonnenen Daten kann ein 3D-Computermodell des Gesichtsprofils des Patienten rekonstruiert werden. Die Hologramme der Moorleiche dienen zur Dokumentation und könnten in ande­ren Museen als Exponat ausgestellt werden.

Ausgehend von allen gewonnenen Informationen soll später das Gesicht der Moorleiche naturgetreu nachgebildet werden. Das Landesmuseum für Natur und Mensch Oldenburg beherbergt fünf Moorleichen aus vor- und frühge­schichtlichen Zeiten. Drei davon sind in der Dauerausstellung "Weder See noch Land. Moor - eine verlorene Landschaft" ausgestellt, die den Besuchern umfangreiche Informationen über die Natur- und Kulturgeschichte der Region Nordwestdeutschland vermittelt.

Das internationale Forschungszentrum caesar (center of advanced european studies and research) aus Bonn hat 1998 die Arbeit aufgenommen. Mit inzwischen über 130 Mitarbeitern forschen interdisziplinäre Teams in den Bereichen Kommunikationsergonomie/Computerunterstützte Chirurgie, Materialwissenschaften/Nanotechnologie und Biotechnologie. Forschung und industrielle Anwendung gehen Hand in Hand: caesar entwickelt innovative Produkte und Verfahren und unterstützt die Wissenschaftler bei Firmenaus­gründungen.

Francis Hugenroth | Pressemitteilung

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