Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Projekt beleuchtet die psychosoziale Situation von Kindern von an Krebs erkrankten Eltern

23.07.2002


Einen wichtigen, aber bisher weitgehend vernachlässigten Studienbereich stellt die Situation von Kindern, deren Eltern an Krebs erkrankt sind, dar. Die wenigen existierenden Untersuchungen, vor allem aus dem angloamerikanischen Raum, deuten darauf hin, dass einerseits die Lebenssituation der betroffenen Kinder - abhängig von deren Alter - durch dieses familiäre Ereignis wesentlich beeinflusst wird. Andererseits fühlen sich die erkrankten Eltern sowie das medizinische Fachpersonal im Hinblick auf eine kindgerechte krankheitsvermittelnde Kommunikation gegenüber den Kindern oft hilflos und überfordert. Ein Projekt im Fachbereich Sozialwesen der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg unter Leitung von Prof. Dr. Gerhard Trabert (Professor für Medizin und Sozialmedizin) beleuchtet die Situation von Kindern, deren Eltern (oder ein Elternteil) an Krebs erkrankt sind. Von Studierenden wurde ein Flyer und eine Homepage (www.kinder-krebskranker-eltern.de) entwickelt, die von den Studierenden anlässlich einer Pressekonferenz präsentiert wurde. Unterstützt wurde das Projekt mit insgesamt über 12.000 Euro von der Firma Hoffmann-La Roche AG.

Nach Schätzungen in den Vereinigten Staaten liegt die Quote betroffener Kinder und Jugendlicher, die durch die Belastung der elterlichen Erkrankung selbst Krankheitssymptome unterschiedlichster Art zeigen, zwischen 5 und 15%. Daten für Deutschland liegen derzeit nicht vor, man könne jedoch analog zu den Auslandsdaten von entsprechenden Zahlen Betroffener auch in Deutschland ausgehen, so Prof. Dr. Gerhard Trabert. Nach einer Untersuchung in Großbritannien erkrankt jede zwölfte Frau im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs, bei 30% dieser Patienten wird diese Erkrankung diagnostiziert, während die Kinder noch zu Hause leben. In Deutschland stellt sich die Situation ähnlich dar. Hier erkranken jedes Jahr ca. 350.000 Menschen neu an Krebs (davon ca. 40.000 an Brustkrebs).

Die vorliegenden Untersuchungsergebnisse deuten auf zahlreiche Aspekte hin, die bei einer solchen Erkrankung eines Elternteils (oder beider Eltern) zu beachten sind:


  • Betroffene Patienten empfinden das Vermitteln der Krebserkrankung und das hieraus geprägte intrafamiliäre Miteinanderumgehen als äußerst wichtig, aber auch als belastend.
    ... mehr zu:
    »Elternteil

  • Die betroffenen Kinder werden oft sehr spät, unzureichend und teilweise auch falsch bezüglich der Erkrankung des Vaters oder der Mutter informiert.
  • Die betroffenen Kinder reagieren während der Diagnosestellung sowie im weiteren Krankheitsverlauf, besonders von krebskranken Eltern, die sich im "Präterminalstadium" (Endphase einer nicht mehr heilbaren Krebserkrankung) befinden, mit unterschiedlichen Verhaltensauffälligkeiten (u. a. sind sie depressiver und ängstlicher). Außerdem ist das Selbstwertgefühl und die soziale Kompetenz reduziert.
  • Das Ausmaß der Angstgefühle von betroffenen Kindern scheint von der Form sowie der Intensität der Kommunikation der Eltern über die Erkrankung mit ihren Kindern abhängig zu sein.

  • Acht Hauptsymptome einer gestörten Bewältigung werden hierbei immer wieder aufgeführt: Repressive Symptome wie Daumenlutschen, Trennungsangst, Enuresis (Bettnässen); depressive Symptome mit ohne Suizidalität; Angstsymptome; Konzentrations- und Lernstörungen; Zwangssymptome; Konversionssymptome; Verwahrlosung, Drogenmissbrauch; Überanpassung ("pathologische Unauffälligkeit").
  • Die psychische und soziale Entwicklung der Kinder kann erschwert und nachhaltig geschädigt werden.
  • Studien zur Mutter-Kind-Beziehung bei an Brustkrebs erkrankter Mütter zeigen, dass sich die Beziehung in 25% der Fälle verschlechtert.
  • Töchter erkrankter Mütter sind mehr belastet als Töchter oder Söhne erkrankter Väter.
  • Kommunikationsmöglichkeiten der Kinder mit dem gesunden Elternteil scheinen von wesentlicher Bedeutung zu sein.
  • Eine intrafamiläre Auseinandersetzung mit den Facetten der Krankheit scheint sowohl für den Patienten als auch für die betroffenen Kinder und Jugendlichen sehr wichtig zu sein. So übernehmen betroffene Töchter krebskranker Mütter vermehrt familiäre Pflichten, wodurch unter anderem Probleme der Verselbständigung deutlich werden.
  • Eine angemessene Unterstützung ("Coping") der Eltern insbesondere des erkrankten Elternteils gelingt Jugendlichen besser als Kindern.
  • Eltern unterschätzen häufig die Belastung ihrer Kinder.
  • Englische Wissenschaftler fordern, dass Ärzte bzw. paramedizinisches Fachpersonal bereits in einem frühen Erkrankungsstadium mit den Eltern, also auch mit den Patienten, besprechen müssen, was und wie diese ihren Kindern das Erkrankungsgeschehen vermitteln.
  • Es fehlt an pädagogisch didaktischem Lehr- und Informationsmaterial.
  • Es besteht eine unzureichende Untersuchungsdatenlage und ein großer wissenschaftlicher Studienbedarf.

Dem Mangel an geeignetem Lehr- und Informationsmaterial will Prof. Dr. Gerhard Trabert mit dem durchgeführten Projekt "Mir sagt ja keiner was!" entgegenwirken. Zwei Semester lang widmeten sich fünf Studentinnen des Schwerpunktes Gesundheitshilfen im Fachbereich Sozialwesen der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg (Sandra Thiel, Jasmin Axmann, Nicole Gutmann, Magda Gawlinski und Kerstin Aye) und eine Studentin der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg (Sandra Dehn) diesem Thema. Die Studierenden haben Informationen zu diesem Thema zusammengetragen und aufbereitet. Das Ergebnis ist die Homepage www.kinder-krebskranker-eltern.de sowie ein Flyer - gedruckt wurde er mit Unterstützung der Firma Hoffmann-La Roche AG, die die Kosten in Höhe von rund 10.000 Euro übernahm. Homepage und Flyer bieten insbesondere betroffenen Eltern Rat und Hilfe zum Umgang mit diesem Thema und versuchen den Dialog zwischen Erwachsenen (Eltern, Erkrankten, erkrankten Eltern) und Kindern zu fördern und zu unterstützen.
Die Landeszentrale für Gesundheit in Bayern e. V. will 20.000 der Flyer bayernweit verschicken. Die Firma Hoffmann-La Roche AG hat sich zur Übernahme der Kosten (rund 2.000 Euro) auch für den Druck dieser Flyer bereit erklärt.

Für die Firma Hoffmann-La Roche hat gesellschaftliches Engagement eine lange Tradition. Nicht nur mit Medikamenten sondern auch beispielsweise mit Aufklärungskampagnen setzt sich Roche gemeinsam mit nationalen und internationalen Organisationen dafür ein, dass sich das Wissen im Gesundheitsbereich verbessert. "Die Unterstützung der "Flüsterpost" ist in diesem Zusammenhang etwas ganz Besonderes. Eine Krebserkrankung an sich, welcher Art auch immer, stellt eine ganz besondere Belastung für den Betroffenen oder die Betroffene selbst, aber auch für die Familie und Partnerschaft dar", hob Dr. Ute Riedel als Firmenvertreterin die Bedeutung des Projektes heraus. Das Engagement von Roche begann mit einer Unterstützung des Märchenbuches "Als der Mond vor die Sonne trat" von Prof. Dr. Trabert , daran schloss sich die Zusammenarbeit mit der "Flüsterpost" und den Studenten der Fachhochschule Nürnberg an durch die Finanzierung von Postern und Flyern, aber auch öffentliche Lesungen, mit denen mehr Aufmerksamkeit erzielt werden soll. "Weitere gemeinsame Aktivitäten werden sicherlich folgen", kündigte Dr. Riedel an.
Der Flyer ist anzufordern bei der Bayerischen Krebsgesellschaft Nürnberg, Keßlerplatz 5, 90489 Nürnberg, Tel. 0911/49533.


Rückfragen richten Sie bitte an Prof. Dr. Gerhard Trabert, E-Mail: gerhard.trabert@fh-nuernberg.de

oder Tel. 0911/5880-2543. Auch der Flyer kann unter der angegebenen E-Mail-Adresse angefordert werden.

Thoralf Dietz | idw

Weitere Berichte zu: Elternteil

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Entzündungshemmende Birkeninhaltsstoffe nachhaltig nutzen
03.07.2017 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

nachricht Blick unter den Gletscher
12.06.2017 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten