Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn die schrecklichen Bilder nicht mehr verschwinden wollen

13.06.2002


Psychotherapie und spezielle Techniken helfen bei der Bewältigung des akuten Traumas


Wie Blitzlichter tauchen die entsetzlichen Eindrücke wieder auf; bereits ein Geruch lässt das Geschehene zurückkehren. Übererregbarkeit, Schlafstörungen und Gedächtnisprobleme, Depressionen und andere Beschwerden sind Ausdruck einer "psychotraumatischen Belastungsstörung (PTBS)", die sich als Langzeitfolge eines akuten Traumas einstellen kann.

Psychotherapeutische Behandlung kann traumatisierten Menschen helfen, schlimme Erfahrungen zu verarbeiten, und damit langfristigen psychische Schäden vorbeugen. Bei einer Tagung am Universitätsklinikum Heidelberg haben Experten der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie darauf hingewiesen, dass es erfolgreiche Techniken der Verarbeitung gibt, die unmittelbar eingesetzt werden können. Doch mangelt es bei Großereignissen wie dem Zugunglück von Eschede oder dem Amoklauf in Erfurt an der Koordination, die alle Betroffenen umgehend einer qualifizierten Betreuung zuführt. Anders in den USA und Luxemburg: Dort wurden als Konsequenzen aus Katastrophenfällen sowohl für die Organisation als auch für die fachliche Betreuung zuständige Ansprechpersonen in einem Ministerium bestellt, die bei Bedarf aktiv werden. Die Psychotraumatologen forderten bei ihrer Tagung, dass auch Deutschland sich auf den Ernstfall vorbereitet und jedes Bundesland zuständige Personen benennt.


Traumatisierte Menschen müssen geschützt werden

"Nicht jeder traumatisierte Mensch entwickelt eine Langzeitstörung, aber jedem sollte professionelle Hilfe angeboten werden," erklärte Privatdozent Dr. Günter Seidler, Leiter des Forschungsschwerpunkts Psychotraumatologie und Leitender Oberarzt an der Psychosomatischen Universitätsklinik Heidelberg. Fast die Hälfte aller vergewaltigten Frauen leiden an einer PTBS, nach Gewaltverbrechen sind etwa 25 Prozent der Opfer betroffen, nach Unfällen 15 Prozent. "Entscheidend ist nicht nur die unmittelbare Behandlung, sondern auch der Schutz der traumatisierten Personen", sagt Seidler. Denn in der sensiblen Phase nach dem akuten Trauma drohen "Nach-Traumatisierungen", etwa durch erneuten Kontakt mit dem Täter, durch die Medien, Polizeibefragungen, Arbeitgeber oder Behörden, die sich der großen Verwundbarkeit des trau
matisierten Opfers mitunter nicht bewusst sind.

Die Therapie zielt darauf ab, die Informationsverarbeitung im Gehirn zu normalisieren. Denn vergleichbar dem abgestürzten Computer kann das Gehirn die Fülle der Informationen nicht mehr verarbeiten: Wichtige Verbindungen sind unterbrochen, Informationsfetzen kreisen im Gehirn, Sinneseindrücke werden nicht mehr miteinander verbunden, die Einbindung des Ereignisses in die Biographie geht verloren.

Doch gibt es Wege aus dem Chaos: Zusammen mit dem Psychotherapeuten werden nun Techniken erlernt, mit deren Hilfe der Betroffene sein eigenes Leben wieder in den Griff bekommt. Durch psychoimaginative Übungen werden Bilder hervorgerufen, die den Katastrophenbildern entgegenwirken. Auch die sogenannte EMDR-Methode (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) kann dem Patienten helfen, wie mehrere Studien belegt haben: Der Patient ruft sich das traumatische Ereignis vor Augen, seine Verarbeitung wird durch rhythmische Augenbewegungen gefördert. Dabei werden traumähnliche Prozesse in Gang gesetzt, und die unverbundenen Erinnerungsfetzen werden zu ganzheitlicher Erinnerung verschmolzen. Zurück bleibt das Wissen von einem schrecklichen Ereignis, aber die Bilder hören auf zu kreisen.

Leitlinie empfiehlt Konfrontation in geschützten therapeutischen Bedingungen

Die zuständigen psychotherapeutischen und psychosomatischen Fachgesellschaften in Deutschland haben eine Leitlinie für die Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen entwickelt. "Die Therapie der Wahl ist die Rekonfrontation mit dem auslösenden Trauma mit dem Ziel der Durcharbeitung und Integration unter geschützten therapeutischen Bedingungen", heißt es dort. Traumabearbeitung sollte frühzeitig durch speziell qualifizierte Psychotherapeuten erfolgen. Nicht zu empfehlen ist eine Therapie, die sich allein auf Psychopharmaka stützt. Auch die Traumakonfrontation muss in einen abgestimmten Gesamtbehandlungsplan eingebettet sein.

Wenn die Verarbeitung des akuten Ereignisses gelungen ist, kann auch die Trauer einsetzen. "Trauer ist ein physiologischer Vorgang, der meist zur Rückkehr ins Leben führt", erklärt Seidler. Doch bevor sie dieses Stadium erreichen, sind viele traumatisierte Menschen zunächst darauf angewiesen, dass ihnen professionelle Hilfe angeboten wird.

Ansprechpartner:
Priv.-Doz. Dr. med. Günter H. Seidler
Ltd. Oberarzt der Abteilung Psychosomatik der
Psychosomatischen Universitätsklinik Heidelberg
Thibautstraße 2
69115 Heidelberg
Tel.: 06221/565801
E-Mail: Guenter_Seidler@med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/index.html

Weitere Berichte zu: Belastungsstörung PTBS Psychotherapeut Psychotraumatologie Trauma

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Studie für Patienten mit Prostatakrebs: Einteilung in genomische Gruppen soll Therapie präzisieren
21.08.2017 | Universitätsklinikum Heidelberg

nachricht Fake News finden und bekämpfen
17.08.2017 | Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie SIT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Im Neptun regnet es Diamanten: Forscherteam enthüllt Innenleben kosmischer Eisgiganten

21.08.2017 | Physik Astronomie

Ein Holodeck für Fliegen, Fische und Mäuse

21.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Institut für Lufttransportsysteme der TUHH nimmt neuen Cockpitsimulator in Betrieb

21.08.2017 | Verkehr Logistik