Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Toilette mit Hirn bewährte sich im Praxistext

20.05.2005


Eine Toilette zu benützen ist für viele körperlich beeinträchtigte Menschen mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Die Abhängigkeit von anderen Menschen schränkt die Selbstständigkeit ein und beeinträchtigt die Lebensqualität. Eine an der Technischen Universität Wien entwickelte "Toilette mit Hirn", die bereits den Praxistext im Multiple Sklerose Zentrum in der Caritas Socialis in Wien erfolgreich bestanden hat, bringt ein Mehr an Selbstständigkeit, Selbstwertgefühl und Würde in das Leben körperlich beeinträchtiger Menschen. Die "Toilette mit Hirn" wurde gestern bei einem Pressegespräch der Öffentlichkeit vorgestellt.



Die Forschungsgruppe der Rehabilitationstechnik (fortec) an der Technischen Universität (TU) Wien entwickelte gemeinsam mit neun anderen europäischen Partnern, potenziellen BenützerInnen und den PflegeexpertInnen der Caritas Socialis (Jänner 2002 bis März 2005) eine neuartige "intelligente" Toilette - Friendly Rest Room (FRR) - die sich automatisch an die individuellen Bedürfnisse der Benutzer anpassen kann. Die EU hat dieses Forschungsprojekt mit 2,1 Millionen Euro (bei einer Gesamtprojektsumme von knapp 2,9 Millionen Euro) im 5. Rahmenprogramm teilgefördert.

Neben universitären Partnern wie der TU Delft, der TU Wien, der Universitäten in Lund, Athen und Dundee sind auch die Firmen Clean Solution Kft, Debrecen und Landmark Design for Public, Rotterdam und vor allem Anwendervertreter wie EURAG - Bund der älteren Generation Europas, Graz, Siva (Italien) und Hagg (Griechenland) im EU-Konsortium vertreten.


Zwtl: Computerchip stellt "Toilettenposition" für BenützerIn ein

Soll eine Toilette wirklich "intelligent" sein, dann reicht ihre Flexibilität nicht nur von der Höhenverstellbarkeit der WC-Muschel bis hin zur Unterstützung beim "Transfer" vom Rollstuhl auf den WC-Sitz. Bei einer "Toilette mit Hirn" passt sich jede ihrer einzelnen Komponenten an die unterschiedlichsten Bedürfnisse körperlich beeinträchtiger Menschen an. Große Erleichterung können "intelligente" Toiletten bei jedem Grad der Behinderung bringen, bei einem verstauchten Fuß ebenso wie bei einer vollständigen Lähmung.

Paul Panek von fortec an der TU Wien skizziert die vom EU-Konsortium entwickelte Vision des Friendly Rest Rooms folgendermaßen: "Ziel ist es, dass halböffentliche Räume wie Krankenhäuser, Behörden, Museen, Flughäfen etc. mit intelligenten Toiletten ausgestattet werden. Über die EU-weit in diesem Projekt bereits angedachte Vernetzung und Speicherung der Benutzereinstellungen der Toilette, kann sich ein körperlich beeinträchtigter Mensch in jeder Behörde, in jedem Museum etc. durch das Öffnen der Toilettenanlage selbstständig und ohne Unterstützung bewegen." Das bedeutet ein Mehr an Lebensraum für Menschen mit körperlichen Einschränkungen und steigert deren Lebensqualität.

"Man muss sich das so vorstellen: Sie öffnen mit einer Smartcard berührungslos die Türe und schon beim Betreten der Toilette stellt sich diese automatisch auf die für ihre Person als optimal erachtete Höhe ein, schwenken - falls benötigt - Griffe und Haltestangen hervor, unterstützen Toilettensitz und flexibel steuerbare Haltestangen gebrechliche ältere Personen sowohl beim Niedersetzen als auch beim Aufstehen, beim Transfer vom Rollstuhl auf die Toilette und zurück. Nach dem Verlassen der Toilette sorgt ein vollautomatisches Reinigungssystem für optimale Hygiene, und die vielen nützlichen Hilfssysteme der intelligenten Toilette fahren wieder in einen unauffälligen Ruhezustand, in dem sie wie eine ’normale’ Toilette aussieht", erklärt Paul Panek von fortec.

Zwtl.: Labortests auf EU-Ebene bereits durchgeführt

Wenngleich diese Vision noch nicht vollständig umgesetzt ist, wurden schon sehr umfangreiche Labortests vieler neuartiger Toiletten-Komponenten (u.a. Sprachsteuerung, Sprachausgabe, Smart Cards Technologie) vom EU-Konsortium in mehreren europäischen Ländern durchgeführt. Dabei wurde besonderer Wert auf die intensive und ethisch korrekte Einbindung älterer Menschen und Personen mit einer Behinderung in die Labortests gelegt. Schließlich ging es nicht darum, ein zu Viel an moderner Technologie in eine Toilette zu packen, sondern darum, die neuartige Toilette für die AnwenderIn möglichst praktikabel und benutzerInnenfreundlich zu machen.

In Serie wird die "Toilette mit Hirn" noch bis Jahresende 2005 gehen. Für die Grundversion rechnet die ungarische Herstellerfirma Clean Solution Kft. mit einem Endverkaufspreis von 2.950,- Euro plus Installations- und Wartungskosten.

Zwtl: Praxistest für pflegebedürftige Menschen im Tageszentrum: Note "sehr gut"

35 BesucherInnen und PflegeexpertInnen prüften und testen einen der zahlreichen vom EU-Konsortium entwickelten Toiletten-Prototypen im Multiple Sklerose (MS) Tageszentrum der Caritas Socialis in Wien auf Herz und Nieren. Zum Praxistest Ramona Rosenthal, Leiterin des MS Tageszentrum: "Menschen, die bis jetzt ganz auf die Unterstützung Anderer beim Toilettengang angewiesen waren, entdecken mit diesem Prototypen eine erhöhte Selbstständigkeit. Die intelligente Toilette setzt an den Ressourcen der BenützerInnen an und ermöglicht, die Selbständigkeit trotz einer fortschreitenden Erkrankung wie MS länger aufrecht zu erhalten." Die Toilette erhielt im Praxistest die Note "sehr gut".

Durch das Höher-Fahren und Nach-Vorne-Neigen der Toilette wird das Aufstehen für viele Personen wesentlich einfacher. Während des Sitzens dagegen erlaubt die individuell durchführbare Höhenverstellbarkeit einen besseren Bodenkontakt der Füße. Dadurch kann der Körper stabiler gehalten werden, was wiederum die potenzielle Sturzgefahr beim Aufstehen von der Toilette wesentlich verringert. Das Auslösen des Schwesternrufes und der Wasserspülung ist mittels Handsteuerung der Toilette möglich. Dies vergrößert die Autonomie und Selbständigkeit der Anwender signifikant.

Robert Schlathau, Patientenvertreter im Vorstand der österreichischen MS-Gesellschaft betont die "Win-Win" Situation, die sich durch die Verwendung der "intelligenten" Toilette ergibt: "Derartige intelligente Systeme erhalten nicht nur die Selbstständigkeit der von Multiple Sklerose Betroffenen länger aufrecht, sondern bedeuten auch für die BetreuerInnen eine wesentliche Entlastung." Schlathau erwartet von der "intelligenten Toilette" auch einen volkswirtschaftlichen Nutzen und fordert eine verbindliche und rasche Umsetzung der Forschungsergebnisse auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene.

Mag. Karin Peter | idw
Weitere Informationen:
http://www.fortec.tuwien.ac.at/frr
http://www.tuwien.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Innovative Produkte:

nachricht Neu entwickelter Therapiesitz hilft beeinträchtigten Menschen
18.05.2017 | Jade Hochschule - Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth

nachricht Schnell schweben: Studierende konstruieren Transportkapsel
04.04.2017 | Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Innovative Produkte >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Höher - schneller - weiter: Der Faktor Mensch in der Luftfahrt

20.09.2017 | Veranstaltungen

Wälder unter Druck: Internationale Tagung zur Rolle von Wäldern in der Landschaft an der Uni Halle

20.09.2017 | Veranstaltungen

7000 Teilnehmer erwartet: 69. Urologen-Kongress startet heute in Dresden

20.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Drohnen sehen auch im Dunkeln

20.09.2017 | Informationstechnologie

Pfeilgiftfrösche machen auf „Kommando“ Brutpflege für fremde Kaulquappen

20.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Frühwarnsystem für gefährliche Gase: TUHH-Forscher erreichen Meilenstein

20.09.2017 | Energie und Elektrotechnik