Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sprachforscher bringen dem Computer bei, zwischen den Zeilen zu lesen

25.02.2015

Michael Wiegand von der Universität des Saarlandes arbeitet daran, dass der Computer in Zukunft wie ein Mensch Meinungen, Stimmungen und Gefühle aus Äußerungen herauslesen kann. 

Gemeinsam mit Forschern der Universität Hildesheim will der Sprachtechnologe dazu beitragen, dass Computer den Sinn von Texten automatisch besser verstehen und nicht von vornherein an Wortwitz oder Sprachspiel scheitern. Hierzu kombinieren sie verschiedene Sprachanalyseverfahren, um den Rechner mit Informationen zu füttern, die hinter Wörtern und Sätzen stecken. Die Forschung wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Höhe von 500.000 Euro gefördert, rund die Hälfte davon fließt an die Saar-Universität.

Schrecklich, dumm, schön, super – hinter diesen Wörtern steckt mehr: eine Wertung. Und sie können dazu noch überaus doppeldeutig sein: Schrecklich gut! Ganz schön schwer! Das hat ja super geklappt! – wenn in Wahrheit alles schiefgegangen ist. Sollen heutige Computer verstehen, was hier zwischen den Zeilen steht, sind sie „raus“. Fangfragen, Wortspiel, Ironie, mit denen Menschen Meinung, Stimmung oder Gefühl rüberbringen, werden für den Rechner zum Stolperstein – was sich bei automatischer Sprachübersetzung ebenso zeigt wie bei der Spracherkennung am Telefon.

„Wörter und linguistische Regeln zu kennen, ist eben nicht genug, um hinter den Sinn zu schauen. Hier setzen wir an: Wir wollen dem Computer die fehlende Information geben, damit er Äußerungen, die Meinungen enthalten, in Texten automatisch identifizieren und analysieren kann“, sagt Michael Wiegand. Der promovierte Computerlinguist forscht an der Saar-Uni am Lehrstuhl für Sprach- und Signalverarbeitung von Professor Dietrich Klakow.

Die Forscher arbeiten mit zwei Sprachen: Englisch und Deutsch. „Für die deutsche Sprache besteht großer Bedarf, weil auf diesem Gebiet noch kaum etwas existiert. Im Englischen gibt es bereits Forschungsergebnisse, die wir mit unserer Arbeit ergänzen wollen“, sagt Wiegand. So gewann Supercomputer „Watson“ 2011 im US-amerikanischen Fernsehquiz „Jeopardy“ gegen die menschlichen Kandidaten auch bei Fragen, bei denen quergedacht werden musste. Beim Quizlösen half Watson damals übrigens auch eine Computerlinguistin der Saar-Uni. „Aber davon, Meinung oder gar Ironie zu erkennen, ist Watson noch weit entfernt“, sagt Wiegand.

Bislang wird in der Forschung bei der so genannten „Sentimentanalyse“ vor allem auf große Textmengen gesetzt: Zum Beispiel zählen Analyseprogramme Wörter, die mehr verraten: Je nachdem wie häufig etwa „schlecht“ oder „traurig“ vorkommen, kann der Rechner schätzen, ob es im Text eher positiv oder negativ zugeht. Demgegenüber begeben sich Wiegand und seine Forscherkollegen in ihrem Projekt sozusagen auf „molekulare“ Ebene: „Wir schauen auf den einzelnen Satz und die Wörter, konzentrieren uns also auf die feingranulare Analyse. Dort bestimmen wir, wer im Text etwas sagt, das mit Meinung zu tun hat“, erklärt Wiegand. So ermitteln die Forscher, ob zum Beispiel mit den gewählten Worten in Wahrheit das Gegenteil gemeint ist und übersetzen es dann so für den Computer, dass er diese Information erkennen und verarbeiten kann.

Um den Sinn hinter den Wörtern für den Computer sichtbar zu machen, kombinieren sie verschiedene Techniken der Sprachanalyse, unter anderem auch solche, die die Wörter in Beziehung zu ihrem gewöhnlichen Kontext setzen, sowie ontologische Verfahren, also solche die dem Rechner verraten, wie was womit im Text zusammenhängt. Die Computerlinguisten erstellen zunächst von Hand eine Textsammlung, eine Ressource: Sie schreiben Wörtern ihre Bedeutungen zu, zum Beispiel werden dem Wort „dumm“ Informationen hinterlegt, die deutlich machen, dass es hier um eine Wertung geht. Diese manuelle „Annotation“, wie die Sprachwissenschaftler es nennen, werden sie automatisieren. Um zu überprüfen, ob die automatisierten Verfahren den Sinn richtig erfassen, vergleichen sie die Ergebnisse dann mit Hilfe ihrer manuell erfassten Textsammlung.

Ihre Ergebnisse wollen die Sprachtechnologen als lexikalische Ressource – also als eine Art „Wörterbuch“ für künftige computerlinguistische Forschung – zur Verfügung stellen. Ihr Projekt, das von der DFG gefördert wird, ist auf drei Jahre angelegt.

Hintergrund:
Der Campus der Universität des Saarlandes ist eine der Hochburgen der Sprachtechnologie. Die Fäden vieler internationaler Projekte laufen hier zusammen. Es wird erforscht, wie Mensch und Computer einander besser verstehen, wie Lügen im Internet entlarvt werden, ein neuer Sonderforschungsbereich untersucht die Informationsdichte sprachlicher Äußerungen. Ein Ziel des Exzellenzclusters „Multimodal Computing and Interaction“ ist es, Computersysteme zu bauen, die eine ähnliche Interaktion mit dem Benutzer ermöglichen, wie von Mensch zu Mensch. Die Forscher der Saar-Uni arbeiten eng mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und den beiden Max-Planck-Instituten für Informatik und Software-Systeme zusammen, die auf dem Campus ansässig sind.

Kontakt: Dr. Michael Wiegand: Tel.:0681 302 - 58 133,
E-Mail: michael.wiegand@lsv.uni-saarland.de

Ein Pressefoto für den kostenlosen Gebrauch finden Sie unter
http://www.uni-saarland.de/pressefotos. Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen.

Hinweis für Hörfunk-Journalisten: Telefoninterviews in Studioqualität sind möglich über Rundfunk-Codec (IP-Verbindung mit Direktanwahl oder über ARD-Sternpunkt 106813020001). Kontakt: 0681/302-2601, oder -64091.

Claudia Ehrlich | Universität des Saarlandes
Weitere Informationen:
http://www.uni-saarland.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Sicheres Bezahlen ohne Datenspur
17.10.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Saarbrücker Forscher erstellen digitale Objekte aus unvollständigen 3-D-Daten
12.10.2017 | Universität des Saarlandes

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise