Künstliches Augenlicht aus der Spielkonsole

Studierende der Universität Konstanz haben mithilfe des Videospiel-Sensors „Kinect“ eine Orientierungshilfe für Sehbehinderte geschaffen. Ihr Orientierungssystem NAVI erfasst mittels des Kinect-Sensors Objekte, Personen, Bewegungen und sogar codierte Informationsschilder vor seinem Träger.

Über einen Vibrationsgürtel werden die optischen Eindrücke präzise abgebildet und für Sehbehinderte spürbar gemacht; NAVI simuliert damit ein räumliches Sichtfeld. Durch codierte Hinweistafeln, die von NAVI erkannt und per Sprachausgabe vorgelesen werden, ist es darüber hinaus möglich, Routen durch Gebäude abzustecken, die einen Sehbehinderten selbstständig zum gewünschten Ziel führen. Große Beachtung erhielt das Orientierungssystem auf der Entwicklermesse MIX11 in Las Vegas, auf der die beiden Konstanzer Informatik-Studenten Michael Zöllner und Stephan Huber ihre Erfindung auf Einladung von Microsoft vorgestellt haben.

„Wir haben uns überlegt: Wie wäre es, wenn wir die Perspektive der Kinect umdrehen würden? Wenn wir sie keine Körper-Erfassung vornehmen lassen würden, sondern die Kinect einer Person auf den Kopf setzten, um sie die Umgebung erfassen zu lassen?“, skizziert Michael Zöllner die Geburtsidee des Orientierungssystems NAVI. Die Orientierungshilfe für Sehbehinderte entstand auf Anregung von Prof. Dr. Harald Reiterer, Professor für Mensch-Computer-Interaktion an der Universität Konstanz: „Das Projekt NAVI war eingebettet in eine Lehrveranstaltung, in der unkonventionelle Formen der Interaktion mit Technologien und der Umwelt entwickelt wurden“, erläutert Reiterer: „Das Projekt NAVI zeigt dabei in vorbildlicher Weise neue Möglichkeiten der Interaktion mit der Umwelt auf, die durch die Kombination von neuen Technologien für Menschen mit Sehbehinderung entstehen können.“

NAVI ist als Ergänzung zu GPS-gestützten Orientierungssystemen gedacht und soll diese – oder gar den Blindenstock – nicht ersetzen, sondern deren Möglichkeiten erweitern. „Die Stärken von NAVI liegen in seiner Objekterkennung, das können GPS-Systeme nicht oder nur begrenzt“, führt Stephan Huber aus. NAVI ist in seinem Einsatzgebiet auf Innenräume beschränkt, da der Kinect-Sensor infrarotempfindlich ist und daher nicht im Außenbereich einsetzbar ist. Gerade innerhalb von größeren öffentlichen Gebäuden erlaubt eine NAVI-Routenbeschilderung jedoch eine vorzügliche Wegfindung, da NAVI über eine Entfernungsmessung zu den codierten Hinweisschildern punktgenau feststellen kann, wann ein Wegsuchender abbiegen oder eine Tür öffnen muss. Die Erfinder sehen sich selbst als Ideengeber und schließen eine Kommerzialisierung von NAVI aus: „NAVI soll eine Inspiration sein für andere Entwickler, die neue Formen von Benutzerschnittstellen umsetzen“, bekräftigt Stephan Huber.

Der Sensor Kinect wurde von Microsoft ursprünglich als Steuerungshardware für die Videospielkonsole „Xbox 360“ entwickelt. Mittels eines Tiefensensors und einer Farbkamera erlaubt Kinect es, den Körper eines Spielenden optisch zu erfassen und seine Bewegungen ins Videospiel hinein zu übertragen. Rasch nach dem Erscheinen des Sensors entdeckten freie Entwickler, dass das Potential der Kinect weit über Videospielanwendungen hinausgeht, und entwarfen neue Einsatzmöglichkeiten für den Sensor. Jüngst veröffentlichte Microsoft im Juni 2011 ein frei zugängliches und nicht-kommerzielles „Software Development Kit“ (SDK) für Kinect und eröffnete damit freien Entwicklern die Möglichkeit, neue Anwendungskonzepte des Gerätes auszuarbeiten.

Weitere Informationen zum Projekt und ein Videomitschnitt der Präsentation von NAVI auf der Entwicklermesse MIX11 in Las Vegas, USA, unter:

http://hci.uni-konstanz.de/blog

Kontakt:
Universität Konstanz
Kommunikation und Marketing
Telefon: 07531 / 88-3603
E-Mail: kum@uni-konstanz.de
Prof. Dr. Harald Reiterer
Universität Konstanz
Mensch-Computer Interaktion
Universitätsstraße 10
78464 Konstanz
Telefon: 07531 / 88-3704
E-Mail: Harald.Reiterer@uni-konstanz.de

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Julia Wandt idw

Weitere Informationen:

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