Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erleichterung für Blinde und Sehbehinderte im Straßenverkehr

17.12.2014

Forschungsprojekt »InMoBS« stellt Smartphone-App und Infrastruktur im Praxistest vor

Blinde und sehbehinderte Verkehrsteilnehmer können auf mehr Mobilität hoffen: ein Smartphone könnte zukünftig mithilfe einer speziellen App zu einem Assistenzsystem für die sichere und komfortable Navigation im Stadtverkehr werden. Einen Prototypen und einen Online-Routenplaner sowie die dazugehörige technische Infrastruktur wurden in den vergangen drei Jahren im Rahmen des Forschungsprojektes „InMoBS" von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Technischen Universität Braunschweig, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt Braunschweig und dem Industriepartner Siemens entwickelt und erprobt.


Gerhard Renzel vom Blinden- und Sehbehindertenverband überquert die Kreuzung Rebenring/Pockelsstraße mithilfe des Prototypen.

TU Braunschweig

Mit Smartphone und App: mehr Mobilität für Blinde und Sehbehinderte

Für Blinde und Sehbehinderte findet die Teilnahme am öffentlichen Leben zumeist schon in Fragen der Mobilität ihre Grenzen. Bereits alltägliche Besorgungen, wie der Weg zum Bäcker oder ein Arztbesuch, fordern sie weit mehr als ihre sehenden Mitmenschen. Der so genannte Langstock ist ihnen dabei ein wichtiger Begleiter. Künftig könnte ein weiteres Hilfsmittel etwas mehr Erleichterung verschaffen und dazu mehr Mobilität ermöglichen: Denn für blinde und sehbehinderte Verkehrsteilnehmer, erklärt Projektkoordinator Steffen Axer von der TU Braunschweig, beschränke sich der Aktionsraum meist auf vorher eingeübte Wege. Mit dem nun entwickelten Assistenzsystem, bestehend aus einer Smartphone-Applikation und einem Routenplaner, könnte man diese Wege nun komfortabler und unbekannte Wege sicherer beschreiten, so Axer weiter.

Bekannte und neue Wegstrecken könnten mit dem „InMoBS“-System am Heimcomputer individuell geplant und auf dem Smartphone mittels der ebenfalls barrierefreien App abgerufen werden. „Barrierefreie Apps sind bei Blinden und Sehbehinderten mittlerweile wertvolle Helfer und fast alle Smartphones verfügen über GPS-Empfänger und Vibrationsalarm, so dass wir mit unserer Software gut auf diese Plattform aufsetzen konnten.“, erklärt Jörg Belz und ergänzt „Die Navigationsdaten werden durch die App umgesetzt und über das Smartphone als Vibration und Ansage an den Nutzer ausgegeben.“ Außerdem, so der für die App-Entwicklung zuständige DLR-Ingenieur, könne man auch wichtige Wegpunkte abspeichern und Umgebungsinformationen abrufen.

Erleichterung auch beim Überqueren von Kreuzungen

Kreuzungen gelten für Blinde und Sehbehinderte Verkehrsteilnehmer als besondere Gefahrenpunkte, erläutert Roland Wunder, der sich seitens des Industriepartners Siemens mit technischen Lösungen zum sichereren Überqueren von Ampelkreuzungen auseinandergesetzt hat. „Mittels W-LAN kann das Smartphone an diesen sensiblen Verkehrsknotenpunkten das Ampelsignal abrufen, mit den hinterlegten Kartendaten kombinieren und an den Nutzer ausgeben“, erklärt Wunder. „Auf diese Weise kommen auch bei vielen Umgebungsgeräuschen die wichtigen Informationen beim Nutzer an“, ergänzt der Siemens-Experte für kooperative Verkehrssysteme.

Zur Erprobung konnte die von Wunder und Kollegen entwickelte Lösung als Baustein in die Braunschweiger „Anwendungsplattform Intelligente Mobilität“ des DLR integriert werden und steht damit auch Zukünftig weiteren Projekten zur Verfügung. „Wir freuen uns, dass wir einen Beitrag zum ‚InMoBS‘-System leisten konnten. Unser Projektbeitrag verbessert als Bestandteil des AIM-Testfelds künftig auch die Möglichkeiten für die Erforschung und Entwicklung kooperativen Verkehrssysteme für Blinde und Sehbehinderte“, fasst Roland Wunder zusammen.

Wichtige Grundlagen gelegt, weitere Forschung nötig

„Mit ‚InMoBS‘ haben wir nicht nur die vorhandene Plattformen wie etwa Smartphone und Lichtsignalanlage zusammengeführt und für die Anforderungen blinder und sehbehinderter Verkehrsteilnehmer untersucht. Unser Projekt hat mit einem funktionierenden Prototypen und entsprechender Serverinfrastruktur die Grundlagen für ein künftiges Assistenzsystem gelegt.“ Dennoch, so Axer, sei bis zum Erreichen der Anwendungsreife noch einige Forschungsarbeit zu leisten.

Beispielsweise musste die spezielle Serverstruktur, die sich hinter App und Routenplaner verberge, erst einmal mit entsprechendem Kartenmaterial versorgt werden. Dabei, so der Projektkoordinator weiter, konnte man nicht einfach auf kommerzielle oder freiverfügbare Kartendaten zurückgreifen. „Unser System benötigt hochgenaue digitale Karten, die wir in zusätzlichen Arbeitsschritten erstellen mussten. Hier wollen wir in Zukunft die bestehenden Prozesse optimieren und auf größere Verkehrsnetze adaptieren. Ebenso müssen Ortungstechnologien im städtischen Umfeld zuverlässiger arbeiten und günstiger werden. Ein nächster wichtiger Schritt ist auch die Einbindung des öffentlichen Verkehrs in die App“, so der Projektleiter abschließend.

Zum Forschungs- und Entwicklungsprojekt „InMoBS“

Das Forschungs- und Entwicklungsprojekt „Innerstädtische Mobilitätsunterstützung für Blinde und Sehbehinderte“ (InMoBS) wurde unter der Leitung des Instituts für Verkehr und Stadtbauwesen und mit Beteiligung der Abteilung Ingenieur- und Verkehrspsychologie der Technischen Universität Braunschweig sowie in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt am Standort Braunschweig, dem Industriepartner Siemens sowie den Ingenieurbüros Transver und OECON durchgeführt. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie vom 01. Januar 2012 bis zum 31. Dezember 2014 mit einer Summe von rund 1,9 Millionen Euro gefördert. Ferner waren Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband und die ITS Niedersachsen GmbH als Unterauftragnehmer an dem Projekt beteiligt.

Kontakt
Steffen Axer M. Sc.
Institut für Verkehr und Stadtbauwesen
Hermann-Blenk-Straße 42
38108 Braunschweig
Tel.: 0531/391-66806
E-Mail: s.axer@tu-braunschweig.de
www.tu-braunschweig.de/ivs

Weitere Informationen:

http://blogs.tu-braunschweig.de/presseinformationen/?p=7803
http://www.inmobs.de/
http://www.siemens.com/presse/mobility/Forschungsprojekt-InMoBS

Stephan Nachtigall | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Das Gehirn mit „Legosteinen“ modellieren
16.06.2017 | Universität Luxemburg - Université du Luxembourg

nachricht Dehnungsmessung – schnell und vielseitig wie nie
14.06.2017 | Fraunhofer-Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Im Focus: Forscher entschlüsseln erstmals intaktes Virus atomgenau mit Röntgenlaser

Bahnbrechende Untersuchungsmethode beschleunigt Proteinanalyse um ein Vielfaches

Ein internationales Forscherteam hat erstmals mit einem Röntgenlaser die atomgenaue Struktur eines intakten Viruspartikels entschlüsselt. Die verwendete...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

Forschung zu Stressbewältigung wird diskutiert

21.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Individualisierte Faserkomponenten für den Weltmarkt

22.06.2017 | Physik Astronomie

Evolutionsbiologie: Wie die Zellen zu ihren Kraftwerken kamen

22.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Spinflüssigkeiten – zurück zu den Anfängen

22.06.2017 | Physik Astronomie