Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bessere medizinische Erstversorgung bei Katastrophen

02.12.2013
Bei Großunfällen dauert es oft viel zu lang, bis die Opfer richtig versorgt werden. Ein neues elektronisches System soll die Helfer bei der Sichtung der Betroffenen unterstützen und die Versorgung der Patienten beschleunigen.

Bei Naturkatastrophen, Terroranschlägen, Unfällen in Chemieanlagen oder Zugunglücken zählt jede Sekunde. Von der Koordination der Rettungsdienste hängen viele Menschenleben ab. Je besser die Einsatzkräfte miteinander kommunizieren, desto mehr Opfer können gerettet werden.


Die Kodierungen der Armbänder signalisieren die Schwere des Verletzungsgrads. Die Ersthelfer können umgehend entscheiden, ob das Opfer in ein Krankenhaus gebracht werden muss oder ob es vor Ort versorgt werden kann.
© Fraunhofer FIT

Je zügiger die Erstsichtung der Betroffenen erfolgt, bei der sie nach der Schwere ihrer Verletzungen gekennzeichnet werden, desto schneller können sie evakuiert und in umliegende Krankenhäuser verteilt werden.

Derzeit erfolgt die Erstsichtung, in der Fachsprache »Triage« genannt, mit Hilfe von farbigen Karten aus Papier, die die Ersthelfer den Opfern anhängen. Die Farbkodierungen (grün, gelb, rot, schwarz) kennzeichnen die Schwere der Verletzung und die Behandlungspriorität. Puls oder Atemfrequenz werden auf den Karten von Hand vermerkt. Die erhobenen Daten zeigen zwar, wie es dem Opfer ging, als die Retter es vorfanden. Aktualisiert werden können diese jedoch manuell nicht. Hinzu kommt, dass die Karten bei ungünstigen Witterungsbedingungen leicht beschädigt werden können.

Eine bessere medizinische Erstversorgung, ein optimiertes Notfallmanagement und ein effektiveres Vorgehen der Rettungskräfte bei Großunfällen soll daher im EU-Projekt BRIDGE vorangetrieben werden (www.bridgeproject.eu). Die EU unterstützt das Projekt mit 13 Millionen Euro. Verantwortlich für die technische Gesamtkoordination ist das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT in Sankt Augustin. Mit dem eTriage-System entwickeln die Forscher vom FIT ein System, das die Karten aus Papier ersetzen soll. Es übernimmt die Ortung der Verletzten und übermittelt deren Vitaldaten wie Puls, Atemfrequenz und Blutsauerstoff in Echtzeit an die Einsatzleitstellen.

Notfallmanagement mit GPS und RFID

eTriage besteht aus mehreren Komponenten: Anstelle der Papierkarten versehen Ersthelfer die Verletzten mit farbkodierten Armbändern aus leichtem, biegsamen Plastik. Diese Triage-Armbänder, Herzstück des Systems, umfassen einen GPS-Sensor, einen RFID-Chip sowie ein Netzwerkteil für die Kommunikation mit dem Datennetz. Unversehrte Personen erhalten lediglich das Armband mit dem GPS-Sensor, instabile Opfer und Schwerverletzte werden zudem mit am Körper angebrachten Sensoren ausgestattet, die die Vitaldaten an die Leitstelle senden. Das Armband dient als Schnittstelle und Netzwerkknoten. Die Daten können über ein ZigBee – ein langsames, aber weitreichendes und sparsames Funknetz – aber auch per WLAN oder über das Mobilfunknetz übertragen werden.

»Dies ist ein großer Vorteil, denn bei Katastrophen ist es oft die Kommunikation, die zuerst zusammenbricht. Wir benutzen die anderen Netze, wenn sie da sind, aber wenn nicht, dann bauen wir einfach unser unabhängiges, voll funktionierendes ZigBee-Netz. Die Infrastruktur dafür ist schon in den Armbändern enthalten. Sie funktioniert automatisch, man muss keine extra Arbeit hineinstecken«, erläutert Erion Elmasllari, Wissenschaftler am FIT. Am Gürtel der Ersthelfer angebrachte Triage-Relays dienen zudem als Zwischenspeicher, Datenbackup und -sender, sollte das ZigBee-Netz doch einmal ausfallen.

Die vom Triage-Armband übertragenen Daten werden auf einem Tablet PC oder Smartphone visualisiert. Eine Kartenansicht und eine Augmented-Reality-Ansicht verschaffen Ersthelfern und Einsatzleitern einen schnellen Überblick über die Lage vor Ort. Per Klick auf Icons, die farblich mit denen der Armbänder korrespondieren, erhalten sie alle Angaben über die Position der Opfer, den Gesundheitszustand, Verletzungsgrad und die Körpersignale. Die Retter erkennen sofort, wo sich die meisten Schwerverletzten befinden. Sie können umgehend entscheiden, in welche Krankenhäuser die Opfer gebracht werden müssen, ob eine Versorgung vor Ort ausreicht oder ob Hubschrauber angefordert werden müssen. »Mit unserem eTriage-System ist ein mit rot kategorisiertes schwerverletztes Opfer spätestens nach 30 Sekunden gemeldet und kann sofort abtransportiert werden. Bei der herkömmlichen Papier-Methode dauert es bis zum Abtransport oftmals bis zu 30 Minuten«, sagt Elmasllari.

Die Zuverlässigkeit des Systems konnten die Forscher live bei einer fünfstündigen Großkatastrophen-Übung unter Beweis stellen – einem simulierten Terroranschlag auf ein Fährterminal im Oktober dieses Jahres im norwegischen Stavanger. Bei dem Großeinsatz mit 350 Opfern, 50 Ersthelfern, 30 Krankenwagen, mehreren Hubschraubern und einer mobilen Leitstelle funktionierte das Zusammenspiel der Triage-Komponenten einwandfrei. Nächstes Etappenziel: In einem zweimonatigen Langzeittest bei einer Hilfsorganisation wollen die Forscher demonstrieren, wie sich mit eTriage die Patientenversorgung beschleunigen, Logistikprozesse verbessern und Rettungsabläufe optimieren lassen.

Erion Elmasllari | Fraunhofer Forschung Kompakt
Weitere Informationen:
http://www.fraunhofer.de/de/presse/presseinformationen/2013/dezember/bessere-medizinische-erstversorgung-bei-katastrophen.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Der Form eine Funktion verleihen
23.06.2017 | Institute of Science and Technology Austria

nachricht Zukunftstechnologie 3D-Druck: Raubkopien mit sicherem Lizenzmanagement verhindern
23.06.2017 | Universität Ulm

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften