Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Uni Kassel lässt Beweiswert elektronischer Dokumente in 12 Gerichtsverfahren prüfen

28.11.2006
In 12 simulierten Gerichtsverfahren - von der Vorlesung der Anklageschrift bis zur Urteilsverkündung - werden am 4. und 5. Dezember elektronische Dokumente von Juristen der jeweiligen Profession auf ihren Beweiswert geprüft.

Sofern die von der Forschungsgruppe TransiDoc gefundenen Lösungen zur beweiskräftigen Signatur diesen Praxistest bestehen, könnten die simulierten Verfahren eine Wende an deutschen Gerichten einläuten, wo elektronische Dokumente bisher so gut wie keine Rolle spielten.

Ein Fallbeispiel: Einige Jahre nach Einführung der elektronischen Aktenführung klagt Herr Rasant gegen die Eira-Klinik auf Schadenersatz. Nachdem er sich bei einem Motorradunfall einen komplizierten Beinbruch zugezogen hatte, leidet er nun, Jahre später, an schwerer Arthrose. Herr Rasant ist fest davon überzeugt, dass sein Leiden auf einen Behandlungsfehler seitens der Klinik zurückzuführen ist. Streitentscheidend im Prozess ist das Ergebnis der auf die Operation folgenden Nachuntersuchung, über deren Inhalt sich die Parteien nicht einig sind. Kläger und Beklagte stützen ihre jeweiligen Behauptungen auf verschiedene Versionen des damals erstellten, elektronisch signierten Untersuchungsberichts. Beide Versionen sind das Ergebnis einer Transformation des Ausgangsdokumentes. Das Gericht muss nun entscheiden, welchem Dokument es glaubt.

"Bei der Transformation der elektronischen Dokumente - etwa von Word in PDF - geht die elektronische Signatur verloren und damit die Prüfbarkeit des Dokuments hinsichtlich seiner Unverfälschtheit und Herkunft. Damit verliert das Dokument auch seine ursprüngliche Beweiskraft vor Gericht. Die Transformation stellt ein Grundlagenproblem des elektronischen Geschäftsverkehrs und der elektronischen Verwaltung dar", so Professor Alexander Roßnagel, der mit dem Projekt "TransiDoc - Rechtssichere Transformation signierter Dokumente" an der Universität Kassel den rechtswissenschaftlichen Teil des komplexen Forschungsvorhabens leitet. Eine Transformation von Dokumenten wird erforderlich, wenn die Lesbarkeit des elektronischen Dokuments trotz vielfachen Versionenwechsels sichergestellt, das Dokument in ein elektronisches Archiv eingestellt oder eine Papierurkunde in ein elektronisches Dokument umgewandelt werden soll. Da die Zahl der Datenformate stetig ansteigt, ist die Rechtssicherheit in diesem Bereich zunehmend gefährdet. Beispielsweise benutzen Architekten über hundert verschiedene elektronische Formate für ihre Pläne, Baubehörden können aber nur zwei oder drei Formate verarbeiten, sodass die Dokumente beim Eingang in der Behörde transformiert werden müssen.

Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) geförderte Projekt TransiDoc untersucht seit zwei Jahren Lösungen für Transformationsprobleme zum Beispiel in der Medizin bei der Digitalisierung von Patientenakten, der elektronischen Antragsbearbeitung in der öffentlichen Verwaltung oder im Arbeitsumfeld von Notaren und Rechtsanwälten. Entsprechend gehören Fachleute der einzelnen Bereiche zu den Projektpartnern: Beteiligt sind das Zentrum für Informations- und Medizintechnik des Uni-Klinikums Heidelberg (ZIM), die InterComponentWare AG (ICW), die Curiavant Internet GmbH, die Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung an der Universität Kassel (provet) sowie die Bundesnotarkammer als assoziierte Partnerin. Konsortialführer ist das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnik (SIT) in Darmstadt.

In einem interdisziplinären Ansatz haben die Projektpartner gemeinsam nicht nur technische, sondern auch organisatorische Lösungsvorschläge erarbeitet. In einem zweiten Schritt sind sodann Werkzeuge zur Erzeugung, Bearbeitung und Prüfung von Lösungen entstanden. Leitgedanke ist dabei die Entwicklung eines "Transformationssiegels" für elektronische Daten. Anhand dieses Siegels sollen spätere Gutachter wie bei einer Beglaubigung genau nachvollziehen können, was wann wie mit dem Dokument geschah. Provet bearbeitet den rechtwissenschaftlichen Teil dieses Forschungs- und Entwicklungsprojekts.

Um zu testen, inwieweit diese Konzepte geeignet sind, mit den elektronisch signierten Dokumenten auch noch nach einer Transformation Beweis zu erbringen, haben provet und SIT eine Simulationsstudie entwickelt, die im November und Dezember 2006 durchgeführt wird. Richter, Rechtsanwälte und Gutachter unterziehen in zwölf gerichtlichen Verfahren, deren Streitgegenstand realistischen Streitfällen nachgestellt ist, die entwickelten Konzepte und prototypischen Lösungen dem Härtetest der prozessualen Auseinandersetzung. Das Ergebnis der Simulationsstudie erlaubt eine Einschätzung, ob Herr Rasant den einleitend vorgestellten Fall in der Realität gewinnen würde. Als Höhepunkt der Simulationsstudie finden am 4. und 5. Dezember die mündlichen Gerichtsverhandlungen zu den Streitfällen statt.

Hinweis für die Redaktionen:
Die simulierten Gerichtsverhandlungen finden statt am 4. Dezember von 11 bis 18 Uhr und am 5. Dezember von 9 bis 16 Uhr im Tagungszentrum "Haus der Kirche", Wilhelmshöher Allee 330 in Kassel statt. Die Verhandlungen sind öffentlich; Bildaufnahmen sind gestattet. Eine Zusammenfassung der ersten Ergebnisse der Simulationsstudie gibt Prof. Dr. Alexander Roßnagel am 5. Dezember um 15.30 Uhr, Raum 114.
Universität Kassel
Daniel Wilke
Fachbereich Wirtschaftswissenschaften
tel (0561) 804 6093
e-mail d.wilke@uni-kassel.de

Ingrid Hildebrand | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-kassel.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Ergonomie am Arbeitsplatz: Kamera erkennt ungesunde Bewegungen
24.04.2017 | IPH - Institut für Integrierte Produktion Hannover gGmbH

nachricht TU Ilmenau entwickelt Chiptechnologie von morgen
20.04.2017 | Technische Universität Ilmenau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Im Focus: Making lightweight construction suitable for series production

More and more automobile companies are focusing on body parts made of carbon fiber reinforced plastics (CFRP). However, manufacturing and repair costs must be further reduced in order to make CFRP more economical in use. Together with the Volkswagen AG and five other partners in the project HolQueSt 3D, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) has developed laser processes for the automatic trimming, drilling and repair of three-dimensional components.

Automated manufacturing processes are the basis for ultimately establishing the series production of CFRP components. In the project HolQueSt 3D, the LZH has...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Ballungsräume Europas

26.04.2017 | Veranstaltungen

200 Weltneuheiten beim Innovationstag Mittelstand in Berlin

26.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Wie digitale Technik die Patientenversorgung verändert

26.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Akute Myeloische Leukämie: Ulmer erforschen bisher unbekannten Mechanismus der Blutkrebsentstehung

26.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Naturkatastrophen kosten Winzer jährlich Milliarden

26.04.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Zusammenhang zwischen Immunsystem, Hirnstruktur und Gedächtnis entdeckt

26.04.2017 | Biowissenschaften Chemie