Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Weg hat auch ein Ziel

10.11.2005


Geoinformatiker der Universität Münster versucht, Navigationssysteme an das menschliche Denken anzupassen



Computer erleichtern das Leben ungemein. Doch ihr binäres Innenleben ist nur in den seltensten Fällen dem Menschen angepasst. Wo ein Rechner nur mit Einsen und Nullen operiert, setzen Menschen Intuition ein. Die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine funktioniert nicht immer reibungslos, wie jeder, der schon einmal einem Navigationssystem vertraut hat, bestätigen kann. Die umständlichen Wegbeschreibungen an die Denkweise von Menschen anzupassen, ist ein Ziel des Geoinformatikers Prof. Dr. Martin Raubal von der Universität Münster. Er nutzt kognitionswissenschaftliche Methoden, die bisher in der Geoinformatik noch nicht eingesetzt worden sind.



"Das Problem ist, dass viele Dinge, die von Menschen benutzt werden, nicht für den Menschen gebaut sind", skizziert Raubal. Ein Beispiel dafür sind viele elektronische Routenplaner, die auf einfachen Längenangaben beruhen. "Doch Menschen orientieren sich nicht daran, ob 32 Meter weiter eine Kreuzung kommt, wie es ihnen vom Navigationssystem vorgegeben wird. Sie finden sich über andere Merkmale, wie etwa Landmarken, in der Umgebung zurecht, mit denen wiederum Computer nichts anfangen können", hat der Wissenschaftler beobachtet.

Mit einem webbasierten Test hat Raubal mit Forschungspartnern versucht, herauszufinden, wie sich Menschen räumlich orientieren. Anhand von 360-Grad-Aufnahmen einer Kreuzung sollten Probanden angeben, welche Fassaden ihnen sofort ins Auge fielen. Eine Rolle spielten dabei Fassadengröße, -form, -farbe, die Sichtbarkeit und die Beschilderung der Fassade. Entscheidend war auch, ob die Tests mit Tag- oder Nachtaufnahmen durchgeführt wurden. "Sind Gebäude beleuchtet, werden sie natürlich ganz anders wahrgenommen als jene, die im Schatten liegen", so Raubal.

Bei der Auswertung der rund 100 Testbögen zeigte sich, dass die Probanden jeweils sehr unterschiedliche Landmarken bevorzugten. "Das hängt beispielsweise davon ab, ob jemand die Gegend bereits kennt oder wie die Struktur des jeweiligen Gebietes ist", erläutert Raubal. "Sind die Fassaden sehr einheitlich, wird Farbe plötzlich zu einem sehr wichtigen Kriterium". Aber auch individuelle Einschränkungen beeinflussen, woran sich Menschen orientieren: Ein Farbenblinder wird nicht wahrnehmen, ob eine Fassade leuchtend gelb gestrichen ist, ein Rollstuhlfahrer wird vor allem darauf achten, wo die Bordsteine niedrig sind.

Sein Ziel ist es nun, Datenbanken zu nutzen, in denen nicht nur Längenangaben gespeichert sind, sondern auch die Daten von Fassaden. Diese sollen dann automatisch dem jeweiligen Nutzer angepasst werden, sobald dieser ein Profil eingegeben hat. Der Rechner wählt dann jene Landmarken zur Wegebeschreibung, die für den individuellen Nutzer besonders prägnant sind. Was einfach klingt, erfordert in der Realität viel Umsicht. So bewegen sich Blinde beispielsweise anders durch den Raum, weil sie stets genügend Bewegungsfreiheit für ihren Blindenstab benötigen. Ihre Landmarken sind nicht visueller, sondern akustischer Natur. "Ein surrender Ventilator an der Decke eines Cafés wird beispielsweise einem Sehenden gar nicht auffallen, für einen Blinden kann er aber ein wichtiger Orientierungspunkt sein", sagt Raubal.

Auch nicht gehandicapte Menschen unterscheiden sich in der Art und Weise, wie sie sich Wege einprägen. Unabhängig von der Art der Landmarken gibt es aber auch nicht den optimalen Weg für alle. Blinde und Rollstuhlfahrer bräuchten Wege möglichst ohne Hindernisse, die aber für beide Gruppen schon wieder unterschiedlich ausfallen. Fußgänger navigieren anders als Radfahrer oder Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel.

Raubal nutzt Theorien aus der Psychologie. "Diese sind aber häufig noch nicht entsprechend formalisiert, um sie auf den Rechner übertragen zu können", sagt er. In einer Kooperation mit der Universität Toronto entwickelt er ein System zur Entscheidungsunterstützung von Menschen bei der räumlichen Suche und Orientierung. Denn der Weg hat ja auch ein Ziel. So sollen beispielsweise Hotelsuche und Wegbeschreibung miteinander kombinierbar sein, entsprechend den Bedürfnissen des Nutzers. "Der kann einmal in seinem Profil angeben, welche Kriterien ihm wichtig, welche weniger wichtig sind", erklärt Raubal. So wird der Geschäftsreisende andere Präferenzen haben als der Tourist. Die vielen Detailinformationen, die dazu für die jeweilige Stadt notwendig sind, können natürlich nicht auf einem einfachen tragbaren Pocket-PC vorgehalten werden. Nach Vorstellung von Raubal könnten die einzelnen Touristinformationen die Daten auf einem Server bereithalten und diese via Mobilfunknetz übermitteln.

Brigitte Nussbaum | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenster.de/
http://ifgi.uni-muenster.de/templ-js.php?l=de&i=2_ueberblick/r205_kennung_raubal

Weitere Berichte zu: Fassade Landmarke Navigationssystem Rechner

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Cybersicherheit für die Bahn von morgen
24.03.2017 | Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie SIT

nachricht Schutz vor Angriffen dank flexibler Programmierung
22.03.2017 | FZI Forschungszentrum Informatik am Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise