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Informatik für verfallene Tempel

24.02.2005


Informatiker um Prof. Hans Georg Bock vom Interdisziplinären Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen der Universität Heidelberg entwickeln Programme zur Rekonstruktion alter Tempelanlagen in Kambodscha - Unterstützt von der Daimler-Benz-Stiftung - Weiterhin gesucht: Sponsoren für kambodschanische Studenten



Ein Land, das spätestens seit 1979, als die Vietnamesen die Roten Khmer vertrieben, aus den aktuellen Nachrichten weitestgehend verschwunden ist. Während beispielsweise sein großer Nachbar Vietnam ein beständig hohes Wirtschaftswachstum von um die acht Prozent aufweist, hat das Entwicklungsland Kambodscha mit großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. So hatten die dortigen Universitätsinstitute für Architektur und Archäologie bis vor kurzem nicht einmal einen Telefonanschluss, geschweige denn einen Zugang zum Internet.

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Dies hat sich durch die Initiative von Professor Hans Georg Bock vom Interdisziplinären Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen der Universität Heidelberg allerdings geändert. Mit Hilfe der Gottlieb Daimler- und Karl Benz-Stiftung konnte er zumindest dafür sorgen, dass Telefon und Internetanschluss den Archäologen und Architekten an der Royal University of Fine Arts in Pnom Penh zur Verfügung stehen. Die Initiative des Mathematikers und Informatikers Bock kommt nicht von ungefähr, denn schließlich haben es ihm die berühmten Tempel von Angkor angetan, allerdings aus wissenschaftlicher Sicht. Welches Interesse hat aber ein Mathematiker an alten Tempelanlagen?

Die Erklärung liegt im heutigen Zustand dieser Tempel aus dem 9. bis 13. Jahrhundert. Die sind nämlich nicht nur durch das tropische Klima sehr stark der Verwitterung ausgesetzt. Auch teilweise Absenkungen des Untergrundes haben zum Zerfall der aus über 70 Haupttempeln bestehenden Anlage, die eine Fläche von 400 Quadratkilometern einnimmt, geführt. Hinzu kommt, dass die Steine ohne Mörtel einfach aufeinander gesetzt wurden und sogar Bäume zwischen den Steinen hindurchwachsen. Heute kümmern sich Archäologen- und Restauratorenteams aus zehn verschiedenen Nationen, darunter auch aus Deutschland, um die Tempel, damit sie erhalten bleiben und restauriert werden.

Hier setzt die Arbeitsgruppe um Professor Bock an. Einer seiner Doktoranden entwickelte nämlich eine Software, um verfallene Tempel am Computer dreidimensional zu rekonstruieren. Logisch, dass dieses Programm auch in Angkor zum Einsatz kommt. Aber nicht nur Tempel lassen sich damit rekonstruieren. Die Software soll auch bei der Suche nach den am meisten gefährdeten Stellen in den alten Tempeln helfen, um die dringlichsten Restaurierungsarbeiten herauszufinden.

Die Verbindungen nach Kambodscha sollen allerdings nicht auf Doktoranden und Professoren beschränkt bleiben. "Schon diesen Monat wird eine Gruppe von etwa 15 Studenten der Universität Heidelberg mit Studenten in Kambodscha in Kontakt treten, um gemeinsam Tempel zu rekonstruieren", erläutert Bock. Die Grundlagen hierfür sind ja auch geschaffen, denn mit einem Internetanschluss geht dies jetzt relativ problemlos und kostengünstig. Zur ersten Kontaktaufnahme werden einige Studenten aus Heidelberg bereits Ende März nach Kambodscha reisen. Mit den dortigen Kommilitonen sollen dann Pläne aufgestellt werden, wann welcher Tempel in Angriff genommen wird.

Problematisch ist dabei weniger die Finanzierung der hiesigen Studenten als die der kambodschanischen. So ist Professor Bock noch auf der Suche nach einem Sponsor. "Ein Stipendium von 20 bis 30 Euro im Monat wäre für einen Studenten in Kambodscha schon eine große Unterstützung", beschreibt der Mathematiker die dortigen Verhältnisse.

"Angkor virtuell wieder entstehen zu lassen", ist ein Fernziel von Hans Georg Bock. Dafür wurde schon für das Nationalmuseum in Phnom Penh ein eigenes Computer gestütztes Archivierungs- und Dokumentationssystem entwickelt. "Bisher gibt es dort nur Fotos", erläutert Professor Bock. Mit neuen Methoden sollen in Zukunft die Statuen und andere Ausstellungsobjekte auch dreidimensional erfasst werden. Damit kann beispielsweise der Kopf einer Statue, der sich in Paris befindet, mit dem in Kambodscha befindlichen restlichen Körper am Computer zusammengefügt werden.

Auch virtuelle Museumsausstellungen werden schließlich möglich. Der Einsatz moderner Computer gestützter Methoden spart somit nicht nur Kosten, sondern eröffnet den kambodschanischen Wissenschaftlern ganz neue Möglichkeiten bei Restaurierung und Erhalt ihres berühmten Weltkulturerbes. Und so bekommt die Feststellung des Mathematikers Bock, dass Entwicklungsländer Wissenschaftliches Rechnen erst recht benötigen, seine volle Bedeutung.

Dr. Michael Schwarz | idw
Weitere Informationen:
http://www.iwr.uni-heidelberg.de

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