Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Unsichtbare Haftnotizen

02.02.2005


Mobilfunknutzer werden Nachrichten zukünftig wie unsichtbare Haftnotizen - sozusagen elektronische Post-its- an beliebigen Orten hinterlassen können. Virtuelle Botschaften mit Ortsbezug lassen sich somit dort ablegen, wo man sie braucht. Forscher von Siemens haben jetzt die technischen Voraussetzungen und Computerprogramme für diesen "Digital-Graffiti-Service" geschaffen.

... mehr zu:
»Digital »Graffiti »SMS »Server

Haftnotizen sind ungemein praktisch. Sie verraten, dass man nur kurz Einkaufen oder Mittagessen ist, oder dienen als Gedächtnisstütze. In die Luft kleben lassen sich die gelben Zettelchen allerdings nicht. Mit den virtuellen Notizen aus den Forschungslabors von Siemens Corporate Technology in München aber wird das zukünftig möglich sein. Die Spezialisten um Dieter Kolb haben Computer-Programme entwickelt, die Mobilfunkbotschaften bestimmten Orten zuordnen. Per Handy kann der Nutzer an einem beliebigen geographischen Punkt eine Nachricht hinterlassen - das so genannte Digital Graffito, eine Art SMS, die an einem Ort haften bleibt. Erreicht der Empfänger den definierten Punkt, erscheint die Nachricht auf seinem Display. Anders als die klassische SMS wandert die Nachricht also nicht zum Adressaten, sondern erreicht diesen nur dann, wenn dieser an der entsprechenden Stelle den für das Graffito definierten Umkreis betritt. Ein weiterer Unterschied: Die Nachricht kann auf Wunsch nicht nur von einer Person, sondern von mehreren Mobilfunknutzern gelesen werden - wie ein echtes Graffito, das an einer Hauswand prangt. Das ermöglicht eine ganze Reihe neuer Anwendungen - etwa für Angebote und Werbenachrichten, die viele Kunden lesen sollen, oder für Verabredungen mit Freunden.

Wer sich beispielsweise mit seinen Bekannten zum Bummeln in der Stadt verabredet hat, hinterlässt unterwegs einfach ein Digital Graffito - etwa am verabredeten Treffpunkt: "Schaue mir schon ein paar Musik-CDs im Kaufhaus gegenüber an, kommt doch nach." Wer seinen Freunden per SMS dieselbe Botschaft übermitteln wollte, müsste jedem eine eigene Nachricht schicken. Das wäre deutlich aufwändiger. Vor Geschäften ließen sich Werbebotschaften platzieren, die auf Sonderangebote aufmerksam machen. Wer Lust zum Einkaufen hat, aktiviert diesen Werbemodus und schlendert von Angebot zu Angebot. Menschen in Eile schalten ihn einfach ab. Dass das System funktioniert, haben die Siemens-Entwickler mit einem Prototypen gezeigt, der in Kooperation mit der Universität Linz und dem Ars Electronica Center in Linz entstanden ist. Letztlich basiert die Digital-Graffiti-Technik auf bewährten Kommunikationssystemen. Zunächst tippt der Nutzer seine Botschaft in ein mobiles Gerät ein, sein Notebook, das Mobiltelefon oder ein PDA. Per Funkverbindung wird die Nachricht dann zu einem Server gesendet. Hier wird sie gespeichert, dem geographischen Punkt zugeordnet und zum Abruf bereitgehalten. Nähert sich eine Person dem entsprechenden Ort, sendet der Server die Nachricht ab. Das ist möglich, weil Mobiltelefone ihre Positionen in regelmäßigen Abständen an die Funkzentrale melden. Wie beim Empfang einer SMS ertönt auf Wunsch ein Signal. Aufgabe der Forscher war es, die Software für die neue Funktion zu entwickeln. So mussten sie zunächst entsprechende Serverprogramme zur Verwaltung und Weiterleitung der Daten kreieren. Und auch die Verarbeitung der Botschaften im mobilen Gerät sowie Anwenderprogramme gab es in der Form bislang nicht. Darüber hinaus verfügen die Digital Graffiti über Spezialfunktionen - etwa ein Verfallsdatum. Eine Botschaft wie "In 30 Minuten bin ich zurück" kann man mit einem virtuellen Zählwerk koppeln. Nach der vorgegebenen Zeit erlischt die Nachricht automatisch. Verspätet sich der Sender, kann er aber jederzeit auf den Server zugreifen, um seine Nachricht auf den aktuellen Stand zu bringen und zum Beispiel den angegebenen Zeitraum zu verlängern. Derzeit müsste man eine zweite SMS hinterherschicken, um Freunden Bescheid zu geben.


Ein Schwerpunkt der Forschungsarbeit war die Entwicklung verschiedener Darstellungsarten digitaler Graffiti. Den Spezialisten kam es dabei vor allem darauf an, handelsübliche Geräte zu verwenden, um eine schnelle Realisierung des neuen Nachrichtensystems zu ermöglichen. Wie sich zeigte, genügen ein Mobiltelefon mit Kamerafunktion und einige wenige Zusatzgeräte, um die Botschaften nicht nur in Schrift, sondern im Bild der Umgebung sichtbar zu machen. Der Clou: Die reale Welt wird dabei mit den virtuellen Botschaften überlagert (Augmented Reality (AR)). Mit der Handykamera kann der Nutzer die Umgebung erfassen. In dieses Kamerabild wird dann das Digitale Graffito eingeblendet - eine Funktion, die beispielsweise für touristische Anwendungen sinnvoll ist. So lassen sich digitale Botschaften an Sehenswürdigkeiten heften, um über das Bauwerk zu informieren. Der Radius, in dem die Nachricht zu empfangen ist, lässt sich gezielt vom Verfasser der Nachricht einstellen. Reale Gebäude, die weithin sichtbar sind - etwa die Akropolis in Athen - können mit einem großen Radius von mehreren Kilometern umgeben werden. Auch weit entfernte Touristen können das Graffito dann lesen.

Um das entsprechende Graffito korrekt einzublenden, muss das mobile Endgerät natürlich zunächst wissen, wo es sich befindet, und im Falle der AR-Darstellung zusätzlich, in welche Richtung die Kamera gehalten wird. Zu diesem Zweck koppelten die Forscher das Gerät mit einem GPS-Empfänger, der per Satelliten-Ortung die Position auf wenige Meter genau bestimmt. Ferner knüpften sie ein streichholzschachtelkleines Gerät an, das die Lage im Raum mit einem kleinen elektronischen Kompass und Beschleunigungssensor ermittelt. Das so aufgerüstete Handy weiß also genau, wo es sich befindet und wie es ausgerichtet ist und kann so die empfangenen Graffiti exakt dem Live-Bild überlagern.

Natürlich lässt sich das Graffiti-Verfahren auch in geschlossenen Räumen anwenden, in denen die Signale der GPS-Satelliten nicht empfangen werden können. Hier kommen dann andere Verfahren zur Positionsbestimmung zum Tragen. So kann man z.B. in Museen Graffiti, etwa als Hintergrundinformation zu einem Gemälde, auf seinem mobilen Endgerät empfangen und darstellen. Die Verbindung zu einem Server kann in diesen Fällen über Funkstandards wie etwa WLAN, Bluetooth oder GPRS hergestellt werden. Derzeit gehen die Entwickler davon aus, dass das Graffiti-System in rund zwei Jahren in Betrieb geht. Zunächst sind Anwendungen für den Tourismus und im Ausstellungsbereich denkbar.

Guido Weber | idw
Weitere Informationen:
http://www.siemens.de

Weitere Berichte zu: Digital Graffiti SMS Server

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft
27.04.2017 | Kompetenzzentrum - Das virtuelle Fahrzeug Forschungsgesellschaft mbH

nachricht Ergonomie am Arbeitsplatz: Kamera erkennt ungesunde Bewegungen
24.04.2017 | IPH - Institut für Integrierte Produktion Hannover gGmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie