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Innovationstreiber Informations- und Kommunikationstechnik

06.02.2004


Eine Schlüsselbranche für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit meldet sich zurück. Die Informations- und Kommunikationstechnik entwickelt sich wieder zum Impulsgeber für zahlreiche Branchen. Damit Deutschland möglichst rasch den Anschluss an die internationalen Wachstumsraten finden kann, unterstützen die Fraunhofer-Gesellschaft und der Branchenverband BITKOM die Innovationsoffensive und fordern, einen Schwerpunkt auf IuK zu setzen.


Die Informationstechnik und Telekommunikations-Wirtschaft (ITK), die nach dem Niedergang der New Economy im Jahr 2002 in ein tiefes Tal der Ernüchterung gefallen war, kehrt nun auf einen Wachstumspfad zurück. Die Erkenntnis wächst, dass die Informations- und Kommunikationstechnologien nach wie vor die Schlüsselrolle für die Leistungsfähigkeit jeder Industrienation spielen. Sie sind Motor tief greifender Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, durchdringen alle Branchen und verändern die meisten Geschäftspraktiken und Konsumgewohnheiten. Computertechnologie, Mobilkommunikation, Internet und elektronische Medien verschmelzen immer stärker zu einer neuen multimedialen Kommunikationstechnologie, die zum Katalysator einer gigantischen Globalisierung der Information wird.

Um Deutschland einen Spitzenplatz in diesen Schlüsseltechnologien zu sichern, fordern Wissenschaft und Wirtschaft den systematischen und zielgerichteten Ausbau zur Informations- und Wissensgesellschaft. Im Oktober hat der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien BITKOM ein Grundsatzpapier zur Innovationspolitik vorgelegt. BITKOM-Präsident Willi Berchtold appellierte dabei an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: »Deutschland liegt in zu vielen Rankings im Mittelfeld. Im Fußball würden wir uns damit nie und nimmer abfinden – warum beim Thema Innovation? Entwickeln wir den Ehrgeiz, zum Innovationsstandort Nr. 1 zu werden!«


Die Fraunhofer-Gesellschaft hat im Dezember zwölf Leit-Innovationen vorgestellt, die zeigen, wo sich Chancen für die deutsche Wirtschaft bieten. Alle diese Zukunftsfelder entspringen entweder aus den IuK-Technologien, hängen von ihnen ab, sind mit ihnen verbunden oder unterstützen ihre Verbreitung. »Als Enabler für andere Zukunftstechnologien spielen die Informations- und Kommunikationstechnologien eine überragende Rolle im Innovationsprozess«, betont Prof. Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. »Sie sind es vor allem, die helfen, das Innovationstempo zu erhöhen. Und »time to market« ist der entscheidende Faktor in einer globalisierten Welt. Erfolg hat nur, wem es gelingt, Innovationen als erster in marktreife Produkte umzusetzen. »Als größter Forschungsverbund im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik in Europa hat die Fraunhofer-IuK-Gruppe Thesen zu »Innovationspolitik und Innovationsmanagement für die Informations- und Kommunikationstechnologie« verabschiedet und unter dem Titel »Lösungen für eine Gesellschaft und Wirtschaft im Wandel« eine Reihe von Leitvisionen für den IT-Bereich entwickelt. Prof. José Encarnação, der Vorsitzende der Fraunhofer IuK-Gruppe, zu den Szenarien: »Die IuK-Technik stellt wesentliche Basistechnologien bereit, um den Wandel in die Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft aktiv zu gestalten.«

Inzwischen hat auch die Bundesregierung wichtige Schritte eingeleitet: Im Dezember hat sie den »Masterplan Informationsgesellschaft 2006« vorgestellt, der alle Förderprogramme und Initiativen für Internet, Telekommunikation, elektronische Medien und Computer bündeln soll. Im Januar hat Bundeskanzler Gerhard Schröder die Innovations-Offensive gestartet. »Endlich ist das Thema Innovation dort angekommen, wo es hingehört: im Zentrum des politischen Diskurses«, begrüßte Willi Berchtold die Initiative, an der die Fraunhofer-Gesellschaft maßgeblich beteiligt ist. Ihr Präsident engagiert sich intensiv im Kreis der »Partner für Innovation«, um rasch zu konkreten Fortschritten zu kommen. Hans-Jörg Bullinger ist überzeugt, »dass die Herausforderung, Deutschlands Innovationsfähigkeit zurückzugewinnen, nur durch gemeinsame und nachhaltige Anstrengungen von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gelöst werden kann«.

Zu Recht steht die Informations- und Telekommunikationstechnik im Zentrum der Innovationsoffensive. Mit 131 Mrd. Euro Umsatz und mehr als 750 000 Beschäftigten zählt sie in Deutschland zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen. Doch ihre gesamtwirtschaftliche Bedeutung geht weit über die Branche hinaus. In Deutschland hängen über die Hälfte der Industrieproduktion und über 80 Prozent der Exporte vom Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechniken ab.

Sie schaffen – in enger Verbindung mit der Produktionstechnologie, der Material- und Werkstofftechnologie, den optischen Technologien und der Mikrosystemtechnik – die Grundlagen künftiger Leistungsfähigkeit. Sie sind Innovationstreiber für viele Branchen, denn sie bringen neue Funktionen in die Produkte und machen sie intelligent, benutzerfreundlich und sicherer. Sie liefern Steuerungen, Test- und Prüfeinrichtungen für den Maschinen- und Anlagenbau, regeln Verfahrensabläufe in der Chemischen Industrie und bestimmen inzwischen in Kraftfahrzeugen alle wichtigen Funktionen – Antrieb, Kommunikation, Komfort, Sicherheit. Schon bald wird der Elektronikanteil an den Herstellungskosten eines Autos auf über 30 Prozent steigen. Und nicht zu vergessen, durch Informations- und Kommunikationstechnik lassen sich viele Bereiche der öffentlichen Verwaltung, des Bildungs- und Gesundheitswesen effizienter gestalten und Kosten in Milliardenhöhe einsparen.

Länder wie die USA, Finnland, Dänemark oder auch Irland haben bewiesen, dass eine konsequente wirtschaftliche Ausrichtung auf neue Informations- und Kommunikationstechnologien Wachstum sichern kann. In Deutschland scheint man die Bedeutung der Informations- und Kommunikationstechniken nicht ausreichend erkannt zu haben. Dies verdeutlicht die Fraunhofer-IuK-Gruppe an vier Thesen:

1. Der »Technology Push«, der bisher die Entwicklung vorangetrieben hat, wird abgelöst vom »Technology Pull«: Der Endkunde definiert, was er braucht, und die IT-Wirtschaft muss zeitnah die richtigen Angebote bereitstellen.

2. Heute werden in Europa weder Computer noch Basissoftwaresysteme entwickelt. Stattdessen entwickelt die europäische Softwareindustrie – mit der Ausnahme SAP – im wesentlichen Kundenlösungen.

3. Sowohl die IT-Wirtschaft als auch die Wissenschaft haben die USA als Meinungsführer und Taktgeber akzeptiert. Europa hat den Mut zu eigenen Zielsetzungen und Innovationen verloren. Die daraus folgende Technologieabhängigkeit ist weder politisch noch volkswirtschaftlich wünschenswert.

4. Die Entwicklung der Informationstechnik wird in immer stärkerem Maße von den Vorgaben und Erwartungen der IT-Industrie geprägt und nicht vom existierenden Bedarf. Der UMTS-Standard ist ein aktuelles Beispiel für solches Technologiemarketing, das nicht auf Bedarfsanalysen basiert.

»Wir betrachten die gegenwärtige Situation als unbefriedigend und befürchten Nachteile für den Standort Deutschland und Europa«, fasst Prof. Herbert Weber, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Software und Systemtechnik ISST die Analyse der Fraunhofer-IuK-Gruppe zusammen. Daraus ergeben sich eine Reihe von Forderungen: Neben einer starken sekundären ITK-Industrie gelte es, auch wieder eine starke primäre Industrie aufzubauen. Außerdem müsse man sich von den ausländischen ITK-Anbietern lösen und sich stärker an den Bedürfnissen der innovationsbereiten mittelständischen ITK-Industrie orientieren.

Die Computer-, Internet und Telekommunikationsbranchen haben in den vergangenen drei Jahrzehnten ein enormes Wachstum erzielt und Ende der neunziger Jahre sogar mehrfach zweistellige Zuwachsraten erreicht. Nach dem Zusammenbruch der New Economy, schweren Rückschlägen im Jahr 2002 und einer schwarzen Null im Vorjahr rechnet die ITK-Branche nun – auch in Deutschland – für das Jahr 2004 mit einem Wachstumsschub. »Die Stimmung in der ITK-Branche hellt sich auf. Die konjunkturellen Aussichten für 2004 sind viel versprechend«, kommentiert Willi Berchtold das Ergebnis des aktuellen BITKOM-Branchenbarometers. Danach erwartet sogar jedes zehnte Unternehmen ein kräftiges, zweistelliges Plus. Dies bestätigt die BITKOM Prognose, nach der im Jahr 2004 der ITK-Markt in Deutschland um zwei Prozent auf rund 134 Milliarden Euro Gesamtumsatz anwachsen wird. Besonders erfreulich ist, dass der Auftragseingang bereits im Jahr 2003 wieder angestiegen ist.

Zum Vergleich: Auf europäischer Ebene wurde die Trendwende schon im letzten Jahr erreicht. Nach einem Minus von 0,8 Prozent im Jahr 2002, wuchs der Markt im Jahr 2003 immerhin um ein Prozent. Im nächsten Jahr soll sich das Wachstum sogar um 3,1 Prozent beschleunigen und der Branche 609 Milliarden Euro Umsatz bringen. Nun gilt es, an der Belebung der europäischen ITK-Märkte zu partizipieren, um so schnell wie möglich Anschluss an die internationalen Wachstumsraten zu finden.

Die stärksten Wachstumsimpulse werden in Deutschland von den Mobilfunk- sowie den Internet- und Online-Diensten ausgehen. Mehr als drei Viertel dieser Unternehmen erwarten für 2004 steigende Umsätze. Auch der Markt für Telekommunikations-Infrastruktur zeigt nach drei sehr schwierigen Jahren wieder Zeichen der Erholung. Fast drei Viertel dieser Unternehmen erwarten 2004 ein besseres Geschäft. Generell verlagert sich die Nachfrage weg von Hardware hin zu Software und Services.

Die positive Umsatzentwicklung könnte auch für eine Stabilisierung im Arbeitsmarkt der ITK-Branche sorgen. Schon 2004 erwartet der Branchenverband BITKOM ein Ende des Arbeitsplatzabbaus und 2005 eine spürbare Belebung des Stellenangebots. Derzeitiges Problem: Verfügbare Arbeitskräfte sind falsch qualifiziert. Nur eine grundlegende Modernisierung des Bildungswesens kann dafür sorgen, das vorhandene Potenzial besser zu nutzen. Hierzu gehört die gesamtgesellschaftliche Aufgabe, technisch-naturwissenschaftliche Berufe und Studiengänge wieder attraktiver zu machen.

Größte Hemmnisse sind aus Sicht der ITK-Unternehmen neben der schwierigen Unternehmensfinanzierung die steuerlichen und gesetzlichen Regulierungen. Denn gerade die ITK-Wirtschaft mit ihrem hohen Innovationstempo benötigt Regelungen, die dieser Dynamik angemessen sind. »Wir brauchen ein vereinfachtes Steuerrecht, eine geringere Steuerlast und vor allem Kontinuität und Planungssicherheit«, mahnt BITKOM-Vizepräsident Jörg Menno Harms.

Die Fraunhofer-IuK-Gruppe sieht gute Chancen, sagt der Vorsitzende Prof. José Encarnação, »dass Deutschland mit einer Neuausrichtung der IuK-Forschung nicht nur den Anschluss an internationale Entwicklungen finden und halten, sondern auch eine federführende Rolle in der internationalen Entwicklung übernehmen kann«.

Von den zwölf Leit-Innovationen, die von der Fraunhofer-Gesellschaft als wichtige Themenfelder definiert wurden, stammen vier aus dem IuK-Bereich:

– Ambient Intelligence – elektronische Assistenz
– Intuitive Mensch-Maschine-Kooperation – Usability
– Simulierte Realität
– Digitale Medizin

Die IuK-Gruppe hat darüber hinaus weitere Themengebiete identifiziert, die für die Weiterentwicklung der ITK-Wirtschaft eine bedeutende Rolle spielen:

– E-Learning: Zugang zu Lerninhalten und organisiertem Wissen für jedermann
– Verkehr: mobile Gesellschaft
– Freizeit und Kultur: Freizeit neu erleben
– Katastrophenmanagement: Verhindern, Erkennen und Bekämpfen von Katastrophen
– E-Business: Unternehmen und Prozesse flexibel vernetzen
– E-Government: Behörden, Verwaltungen und Bürger vernetzen
– Produktion: Einheit von Logistik und IuK-Technologie
– Sicherheit: IT-Infrastrukturen zur Gewährleistung von Geschäfts-prozessen sichern
– Next Generation Internet: Kommunikationssysteme und Dienste für eine ganzheitliche Informationsversorgung
– Grid Computing: Ressourcen und Services aus der Steckdose

»Wenn Deutschland auf diesen Feldern Kompetenzen auf- und ausbaut, können gemeinsam mit der Wirtschaft umfassende, innovative Lösungen entwickelt werden, die den Standort Deutschland wettbewerbsfähig halten«, fasst Prof. Encarnação zusammen. Die Institute der IuK-Gruppe haben begonnen, sich zu Marktallianzen zusammenzuschließen, um in bestimmten Geschäftsfeldern wie etwa E-Government, E-Security oder Usability Synergien zu nutzen. Von dem gemeinsamen wissenschaftlichen Know-how profitieren Wirtschaft und Industrie ganz konkret, insbesondere durch Wirtschaftssummits, die gemeinsam mit BDI und BITKOM veranstaltet werden.

Franz Miller | Fraunhofer-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.fraunhofer.de

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