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Umfangreichster Sprachatlas der Welt online

30.10.2003


Der erste und bis heute umfangreichste Sprachatlas der Welt wird am 1. November 2003 erstmals vollständig publiziert, und das im Internet (www.diwa.info): Georg Wenkers "Sprachatlas des deutschen Reichs" (Erhebungszeitraum: 1876-1887) wird damit nach über 100 Jahren der Wissenschaft und der interessierten Öffentlichkeit vollständig und kostenlos zur Verfügung gestellt. Mehr noch: Der Sprachatlas wird durch die unterschiedlichsten Online-Erweiterungen ausgebaut zu einem interaktiven dialektologischen Informationssystem. Mit seinen über 50.000 Erhebungsorten stellt Wenkers Atlas (1643 Karten) die einzige Gesamterhebung und kartographische Darstellung der Dialekte einer Sprache dar. Die Wenker-Karten mit ihrer nie mehr erreichten Anschaulichkeit sind ein kulturhistorisches Gut ersten Ranges und auch heute noch eine vorzügliche Informationsquelle zu den deutschen Dialekten. Aufgrund der Schwierigkeiten einer Farbreproduktion und aufgrund der ungeheuren Datenmenge konnte dieser umfassende und anschauliche Sprachatlas nie publiziert werden. Die heutigen technischen Möglichkeiten haben es jedoch ermöglicht, diesen Sprachatlas vollständig im Internet zu publizieren. Nun kann jeder Interessierte sich einen genauen Eindruck über die deutschen Dialekte verschaffen - auch die ehemaligen deutschen Gebiete Mittel- und Osteuropas sind erfasst. Aktuell wird der Atlas am Forschungsinstitut für deutsche Sprache in Marburg mit weiteren Informationen, z.B. mit bibliographischen Daten, mit Tonaufnahmen, Bildern, aber auch kulturhistorischen und sozialdemographischen Informationen verknüpft. Insbesondere diese Verknüpfung der sehr anschaulichen Karten mit Tonaufnahmen der Wenkersätze macht den Atlas dann auch für interessierte Laien besonders interessant. Damit wird das historische Werk nicht nur zu einem aktuellen Forschungsinstrument, sondern für die interessierte Öffentlichkeit zu einer interaktiven multimedialen Erlebniswelt.



Es ist nicht allzu häufig, dass Grundlagenforschung und Laieninteresse sich auf den gleichen Gegenstand beziehen: Die Dialekte des Deutschen sind jedoch ein solcher Gegenstand. Das einfache Faktum, dass es keine zwei Menschen gibt, die über genau dasselbe Sprachwissen verfügen, fasziniert sprachwissenschaftliche Laien und ist zugleich eine Herausforderung für die empirische und theoretische Linguistik. Marburg ist seit gut 125 Jahren ein weltweites Zentrum der Regionalsprachenforschung. Hier ist der erste und zugleich der einzige vollständige Dialektatlas einer Sprache erarbeitet worden. Und hier ist aktuell ein Kompetenzzentrum entstanden, das die Variation der Sprache im Raum nicht nur empirisch erfasst und zum Gegenstand sprachtheoretischer Reflexion macht, sondern darüber hinaus die Technik entwickelt, Erhebungsdaten und Forschungsresultate global im Internet zur Verfügung zu stellen. Das Projekt DiWA (Digitaler Wenker-Atlas), das aktuell an der Philipps-Universität bearbeitet wird, stellt sich dabei in den Dienst beider oben angesprochener Interessen: Es wird im Internet ein leistungsfähiges Instrument zur Erforschung der Regionalsprachen des Deutschen und zugleich ein dialektologisches Informationssystem angeboten, das auch für interessierte Laien nutzbar ist.



Im Forschungsinstitut für deutsche Sprache "Deutscher Sprachatlas" an der Philipps-Universität Marburg, das aus Wenkers ursprünglichem "Ein-Mann-Unternehmen" entstanden ist, wurde in der Zeit nach Wenker das gesammelte Material wissenschaftlich bearbeitet. Darüber hinaus wurden neue Fragestellungen formuliert und neue Datenerhebungen durchgeführt. Die Marburger Forschungsbeiträge haben die deutsche Dialektologie nachhaltig bestimmt. Auf den Wenkerschen Sprachatlas gründen sowohl die traditionelle Dialekteinteilung des Deutschen als auch entscheidende Erkenntnisse hinsichtlich der Laut- und Formengeschichte. Darüber hinaus hatte die "Marburger Schule" und ihre spezielle Methodologie Einfluss nicht nur auf die deutsche Dialektologie. Über die Forschungsaktivitäten des Instituts informiert die ständig aktualisierte Homepage unter .

Die Online-Publikation des Wenker-Atlasses war für die Wissenschaftler am Forschungsinstitut "Deutscher Sprachatlas" mehrfach motiviert: Zum einen waren die handgezeichneten historischen Karten in ihrem Bestand gefährdet, denn die Farben (oft wurden auf ein- und demselben Kartenblatt bis zu 22 Farben verwendet) begannen zu verblassen. Zum Zweiten war es absolut wünschenswert, die sehr anschaulichen Karten einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Und zum Dritten waren und sind die wissenschaftlichen Auswertungsmöglichkeiten des Atlasses noch nicht annähernd ausgeschöpft. Denn die heutige Technologie erlaubt es, Wenkers Sprachatlas nicht nur in digitaler Form zu publizieren, sondern die Aussagemöglichkeiten des Originals auch noch beträchtlich zu erhöhen. Für die nun folgenden Projektphasen (ab 1. November 2003) setzt sich der Digitale Wenker-Atlas zur Aufgabe, das elektronische Kartenwerk in eine leistungsfähige Datenbank zu integrieren und so den Wenker-Atlas zu einem polyfunktionalen dialektologischen Informationssystem mit variablem Nutzerprofil auszubauen.

Das Projekt DiWA, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird, ist zur Zeit eines der umfangreichsten geisteswissenschaftlichen Projekte in der Bundesrepublik. Im Land Hessen handelt es sich um das größte vergleichbare Forschungsprojekt der letzten 30 Jahre. Das Projektteam besteht aus den beiden Projektleitern Prof. Dr. Jürgen Erich Schmidt und Prof. Dr. Joachim Herrgen, sieben wissenschaftlichen bzw. technischen Mitarbeitern und siebzehn studentischen Hilfskräften. Zu den Kooperationspartnern, die am Gelingen des Projektes entscheidenden Anteil hatten, gehören neben der Deutschen Forschungsgemeinschaft das GIS-Labor der Philipps-Universität unter der Leitung von Dr. Karl-Heinz Müller, die Firma Graphic Science in Metzingen, die Staatsbibliothek Berlin und die Firma Hewlett Packard. Am Ende der ersten Projektphase, die am ersten April 2001 begonnen hat, sind nun (1. November 2003) alle Karten des Wenker-Atlasses online unter einsehbar. Unter dieser Adresse finden sich auch weitere Informationen zum Forschungsinstitut und zum DiWA-Projekt.

Der Atlas ist so eingerichtet, dass er mit einem gängigen WWW-Browser (am besten mit dem Microsoft Internet-Explorer) einfach zu benutzen ist. Die DiWA-Tools ermöglichen ein stufenloses Zoomen und Verschieben (freie Navigation) der Karten. Es gibt ein Kartenverzeichnis, das mit verschiedenen Registerfunktionen versehen ist, die die Kartensuche einfach machen. Allein die zügige Internet-Veröffentlichung eines Werkes, das über lange Zeit als unpublizierbar galt, ist eine erfreuliche Tatsache, jedoch erschöpft sich die besondere Leistungsfähigkeit von DiWA nicht in der bloßen elektronischen Herausgabe der Wenker-Karten. Die besondere Attraktivität des DiWA-Verfahrens besteht darin, dass die Karten in ein geographisches Informationssystem (GIS) integriert werden. Durch die Geokodierung der Karten können sie mit jeder beliebigen anderen elektronisch verfügbaren kartographischen Darstellung überblendet und somit verglichen werden. Eine eingebaute Transparenzfunktion ermöglicht die übergangslose Ein- und Ausblendung übereinandergelagerter Karten. Diese Transparenzfunktion ermöglicht den Vergleich mehrerer Wenker-Karten, um so Aufschluss über Dialekträume und über Koinzidenzen dialektaler Verschiedenheiten gewinnen zu können. Darüber hinaus lassen sich die Wenker-Karten mit Karten aus modernen, 100 Jahre nach Wenker erhobenen regionalen Dialektatlanten vergleichen, um so die Tendenzen des Sprachwandels erforschen zu können. Mit der Transparenzfunktion ist aber auch die Möglichkeit einer erweiterten, nicht nur sprachimmanenten Interpretation der Atlaskarten verbunden, denn der punktgenaue Vergleich der Wenker-Karten mit topographischem, kulturhistorischem oder auch sozialdemographischem Kartenmaterial wird so möglich. Und ein solcher Vergleich ermöglicht einen Einblick in das komplexe Beziehungsgeflecht aus Sprache, Raum und Gesellschaft. So können beispielsweise dialektgeographische und naturräumliche Informationen direkt aufeinander bezogen und ihre Zusammenhänge diskutiert werden. Es ist hier ein Forschungswerkzeug entstanden, das auf lange Zeit mit großem Gewinn linguistisch genutzt werden kann.
Die eigentliche wissenschaftliche Leistungsfähigkeit von DiWA liegt in den neuen sprachwissenschaftlichen Analysemöglichkeiten. Sehr interessant ist dabei schon der Vergleich zweier historischer Wenkerkarten durch hochpräzise Überblendung im Internet. Solche Datenaggregierung erlaubt es, dialektale Strukturen zu erkennen, die mehr als ein Einzelphänomen umfassen. Noch ergiebiger werden die neuen DiWA-Möglichkeiten aber dann, wenn die historischen Dialektdaten mit neueren Daten verglichen werden. Es ist das Ziel der folgenden Projektphasen, den Wenker-Atlas mit linguistischen, soziodemographischen, topographischen, bibliographischen und sonstigen Informationen zu verknüpfen und auszuweiten. Im Laufe der nächsten zwei Jahre werden alle Ortspunkte mausklicksensitiv zugänglich gemacht und u. a. mit den Original-Wenkerbogen (Dialektfragebogen vom Ende des 19. Jahrhunderts) sowie mit dialektalen Tonaufnahmen verknüpft. Wenkers Werk wird damit zu einem multi-dimensionalen dialektologischen Informationssystem und zu einem Analyseinstrument, das sich auch an interessierte Laien richtet. Die vielfältigen Analysemöglichkeiten, die DiWA schon heute ermöglicht und die in Zukunft weiter ausgebaut werden, können unter dem Link "Anwendungsbeispiele" auf den DiWA-Seiten eingesehen werden.

Insbesondere der Vergleich der historischen Wenker-Karten mit modernen Sprachdaten (etwa aus rezenten Regionalatlanten) macht DiWA zu einem Instrument, das sich zur Analyse von Sprachwandel über mehr als ein Jahrhundert eignet. Dabei handelt es sich um ein höchst innovatives methodisches Konzept, da es zuvor nicht möglich war, dialektales Datenmaterial über einen solchen Zeitraum und für mehr als nur wenige Einzelorte zu vergleichen. Ergiebig für einen solchen Vergleich sind besonders die aktuellen Sprachatlanten, die für bestimmte Teilregionen des Deutschen im 20. Jahrhundert erarbeitet worden sind. Diese Regionalatlanten, die es beispielsweise für Teile Bayerns, für das Mittelrheingebiet, für Südwestdeutschland, aber auch für das Elsass, für Lothringen und die Schweiz gibt, erhalten durch ihre systematische Rückbeziehung auf den Wenker-Atlas ihre historische Anbindung. Mit einem zeitlichen Abstand von rund 100 Jahren wird hier die Veränderung der deutschen Regionalsprachen für das gesamte 20. Jahrhundert einschätzbar.


GETTING STARTED
DIE KURZBEDIENUNGSANLEITUNG ZU DiWA

1. Über www.diwa.info kommen Sie auf die DiWA-Startseite.

2. Auf der DiWA-Startseite finden Sie links auf der Navigationsleiste einen Link zu den Wenkerkarten: Über Atlas / Kartenverzeichnis öffnet sich der Katalog mit den aktuell einsehbaren Karten. Wählen Sie eine Karte aus! Über Weiter werden Sie zu den verschiedenen Ansichtsmöglichkeiten geführt. Am einfachsten: "Diese Karte einzeln anzeigen" wählen. Dann sehen Sie sofort die ausgewählte Karte.

3. Falls Sie das erste Mal bei DiWA sind, wird beim Öffnen der ersten Karte automatisch ein Plug-In installiert, d.h. ein kleines Programm, das es Ihrem Browser ermöglicht, die Grafikdateien zu betrachten. (Stellen Sie dafür sicher, dass Sie auf Ihrem System "Administratorrechte" besitzen.)

4. Auf der Navigationsleiste unter Atlas / Hilfe bei Problemen finden Sie Hinweise zur Toolbar (Werkzeuge) des DiWA, die Ihnen die Navigation in den Karten ermöglicht. Um zum Beispiel eine Karte zu zoomen, wählen Sie das Lupensymbol, klicken dann mit der linken Maustaste auf die Stelle in der Karte, die Sie interessiert, und ziehen die Maus zu sich heran.

5. Weitere Ansichtsmöglichkeiten können Sie auch exemplarisch unter Atlas / Anwendungsbeispiele einsehen.


Technische Voraussetzungen
Grundsätzlich funktioniert DiWA an jedem "normalen" PC. Am besten und schnellsten funktioniert DiWA aber, wenn Sie über einen Netzwerkanschluss oder zumindest einen ISDN-Anschluss verfügen und wenn Sie als Browser den Microsoft Internet Explorer benutzen. Wenn es doch einmal Probleme geben sollte: Der DiWA-Webmaster (webmaster@diwa.info) steht mit Rat und Tat bereit.

Klaus Walter | idw
Weitere Informationen:
http://www.diwa.info

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