Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vielen Deutschen mangelt es an Zeit

31.07.2014

Alleinerziehende und Selbstständige sind besonders oft betroffen.

Vielen Menschen in Deutschland fehlt es an Zeit. Das zeigt eine Studie der Leuphana Universität Lüneburg, die in Kürze in der Fachzeitschrift „Journal of Economic Inequality“ erscheint. Die Forscher zeigen darin, dass zu wenig Zeit die Lebenszufriedenheit ähnlich beeinträchtigt wie zu wenig Geld.

Sie schlagen daher einen neuen Armutsbegriff vor, der auch den Mangel an Freizeit berücksichtigt. Nach dieser Definition liegt in Deutschland jeder achte Erwerbstätige unter der Armutsgrenze. Bei Alleinerziehenden ist jeder Fünfte betroffen, bei Selbstständigen sogar jeder Dritte.

Die Wissenschaftler haben für ihre Studie unter anderem Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) ausgewertet. Seit 1984 werden darin über 20.000 Menschen aus ganz Deutschland zu verschiedenen Themen befragt. Die Stichprobe ist nach dem Zufallsprinzip zusammengesetzt. Sie liefert daher ein repräsentatives Bild der Lebensumstände in Deutschland.

Die Teilnehmer machen unter anderem Angaben zu ihrem Einkommen sowie zu der Zeit, die sie täglich mit bestimmten Aufgaben verbringen. Außerdem geben sie zu Protokoll, wie sehr sie mit ihrem Leben zufrieden sind. Die Lüneburger Wirtschaftswissenschaftler Professor Dr. Joachim Merz und Tim Rathjen haben diese drei Parameter nun zueinander in Beziehung gesetzt. „Zu wenig Zeit zu haben, beeinträchtigt die Lebenszufriedenheit ganz ähnlich, wie zu wenig Geld zu haben“, fasst Merz einen Kernbefund der Analyse zusammen.

Zeitmangel lässt sich durch Geld zum Teil kompensieren

Ein zweites wichtiges Ergebnis: Zeitmangel lässt sich zumindest teilweise durch ein höheres Einkommen kompensieren – und umgekehrt. Wer viel verdient und nur wenig Freizeit hat, ist also im Schnitt ähnlich zufrieden wie jemand mit einem geringen Einkommen, aber viel Freizeit.

Merz und Rathjen haben aus diesen Zusammenhängen ein neues Armutsmodell entwickelt. Momentan zählt nach einer gängigen EU-Definition als arm, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in seinem Land verdient. „Wir haben in den SOEP-Daten nur diejenigen Befragten berücksichtigt, die mehr als 20 Stunden pro Woche arbeiten“, erläutert Merz. „Von diesen lagen zum Erhebungszeitpunkt rund 6,8 Prozent unter dieser Einkommensgrenze. Diese 6,8 Prozent sind die so genannten 'working poor': Sie sind im klassischen Sinne arm, obwohl sie mehr als 5 Stunden täglich arbeiten.“

Die neue Definition bezieht nun aber erstmals auch mit ein, wie viel persönliche Freizeit den Befragten zur Verfügung steht. „Dadurch rutschen einige Personen trotz ihres geringen Einkommens aus der Armutszone“, erklärt der Ökonom.

„Andererseits kommen aber Menschen hinzu, die zwar genug verdienen, denen aber durch Arbeit, Kindererziehung und andere Verpflichtungen so wenig Freizeit bleibt, dass sie nach unserer Definition dennoch als arm zu bezeichnen sind.“ Merz spricht von einer multidimensionalen Armutsdefinition (mit den Dimensionen Einkommen und Zeit). Nach ihr gelten 12,3 Prozent der Deutschen als arm – also fast doppelt so viele wie nach der Einkommens-fixierten Sichtweise.

Gefährdet: Alleinerziehende, Selbstständige, Kinderreiche

Um diese Zahl zu erhärten, nutzten die Forscher zusätzlich eine Umfrage aus den Jahren 2001/2002, die Zeitbudget-Erhebung des Statistischen Bundesamtes. Rund 35.000 Personen haben darin mittels detaillierter Zeittagebücher ihren Tagesablauf im Zehn-Minuten-Rhythmus erfasst.

„Mit Hilfe dieser Daten können wir sehr genau sagen, welche Personengruppen besonders häufig multidimensional arm sind“, sagt Merz. Alleinerziehende etwa haben oft ein vergleichsweise geringes Einkommen. Gleichzeitig sind sie jedoch durch Arbeit und Erziehungsaufgaben so in Anspruch genommen, dass sie nach der neuen Definition überproportional häufig unter die Armutsgrenze sinken. Mehr als 19 Prozent waren 2001/2002 betroffen. Kinderreiche Familien sind ebenfalls gefährdet; Paare mit drei oder mehr Kindern fielen zu 31,6 Prozent unter die neue Armuts-Definition.

Unter Selbstständigen lag die Quote mit 29,4 Prozent ähnlich hoch. Das liegt vor allem an ihren langen Arbeitszeiten: „Fast zwei Drittel der erfassten Selbstständigen sind 'zeit-arm'“, erläutert Merz. „Ihnen steht weniger als 60 Prozent der Freizeit zur Verfügung, die die Befragten im Mittel angaben.“

Und noch ein Schluss lässt sich aus den Daten ziehen: Vor multidimensionaler Armut schützt (ähnlich wie vor Einkommens-Armut) am besten eine gute Ausbildung. Bei den Befragten mit Hochschulabschluss lag die multidimensionale Armuts-Quote nur bei 9,4 Prozent.

Merz, J. , & Rathjen, T. (2014). Multidimensional time and income poverty: Well-being gap and minimum 2DGAP poverty intensity - German evidence. Journal of Economic Inequality, 1-26; DOI: 10.1007/s10888-013-9271-6

Kontakt:
Prof. Dr. Joachim Merz
Forschungsinstitut Freie Berufe, Leuphana Universität Lüneburg
Telefon: 04131/677-2051
E-Mail: merz@uni.leuphana.de

Henning Zuehlsdorff | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.leuphana.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Deutschland wächst – aber nicht überall
24.04.2018 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: AchemAsia 2019 in Shanghai

Die AchemAsia geht in ihr viertes Jahrzehnt und bricht auf zu neuen Ufern: Das International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production findet vom 21. bis 23. Mai 2019 in Shanghai, China statt. Gleichzeitig erhält die Veranstaltung ein aktuelles Profil: Die elfte Ausgabe fokussiert auf Themen, die für Chinas Prozessindustrie besonders relevant sind, und legt den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Innovation.

1989 wurde die AchemAsia als Spin-Off der ACHEMA ins Leben gerufen, um die Bedürfnisse der sich damals noch entwickelnden Iindustrie in China zu erfüllen. Seit...

Im Focus: AchemAsia 2019 will take place in Shanghai

Moving into its fourth decade, AchemAsia is setting out for new horizons: The International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production will take place from 21-23 May 2019 in Shanghai, China. With an updated event profile, the eleventh edition focusses on topics that are especially relevant for the Chinese process industry, putting a strong emphasis on sustainability and innovation.

Founded in 1989 as a spin-off of ACHEMA to cater to the needs of China’s then developing industry, AchemAsia has since grown into a platform where the latest...

Im Focus: Li-Fi erstmals für das industrielle Internet der Dinge getestet

Mit einer Abschlusspräsentation im BMW Werk München wurde das BMBF-geförderte Projekt OWICELLS erfolgreich abgeschlossen. Dabei wurde eine Li-Fi Kommunikation zu einem mobilen Roboter in einer 5x5m² Fertigungszelle demonstriert, der produktionsübliche Vorgänge durchführt (Teile schweißen, umlegen und prüfen). Die robuste, optische Drahtlosübertragung beruht auf räumlicher Diversität, d.h. Daten werden von mehreren LEDs und mehreren Photodioden gleichzeitig gesendet und empfangen. Das System kann Daten mit mehr als 100 Mbit/s und fünf Millisekunden Latenz übertragen.

Moderne Produktionstechniken in der Automobilindustrie müssen flexibler werden, um sich an individuelle Kundenwünsche anpassen zu können. Forscher untersuchen...

Im Focus: First real-time test of Li-Fi utilization for the industrial Internet of Things

The BMBF-funded OWICELLS project was successfully completed with a final presentation at the BMW plant in Munich. The presentation demonstrated a Li-Fi communication with a mobile robot, while the robot carried out usual production processes (welding, moving and testing parts) in a 5x5m² production cell. The robust, optical wireless transmission is based on spatial diversity; in other words, data is sent and received simultaneously by several LEDs and several photodiodes. The system can transmit data at more than 100 Mbit/s and five milliseconds latency.

Modern production technologies in the automobile industry must become more flexible in order to fulfil individual customer requirements.

Im Focus: ALMA entdeckt Trio von Baby-Planeten rund um neugeborenen Stern

Neuartige Technik, um die jüngsten Planeten in unserer Galaxis zu finden

Zwei unabhängige Astronomenteams haben mit ALMA überzeugende Belege dafür gefunden, dass sich drei junge Planeten im Orbit um den Säuglingsstern HD 163296...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz – Schafft der Mensch seine Arbeit ab?

15.06.2018 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Asteroidenforschung in Garching

13.06.2018 | Veranstaltungen

Meteoriteneinschläge und Spektralfarben: HITS bei Explore Science 2018

11.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

EMAG auf der AMB: Hochproduktive Lösungen für die vernetzte Automotive-Produktion

15.06.2018 | Messenachrichten

AchemAsia 2019 in Shanghai

15.06.2018 | Messenachrichten

Dem Fettfinger zu Leibe rücken: Neuer Nanolack soll Antifingerprint-Oberflächen schaffen

15.06.2018 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics