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Wie verändern sich traditionelle Gesellschaften durch den Kontakt mit der Moderne?

06.11.2013
Der Schatz aus dem Archiv

Wie verändern sich traditionelle Gesellschaften durch den Kontakt mit der Moderne? Das lässt sich nur sagen, wenn man weiß, wie sie vorher ausgesehen haben. Für die bäuerliche Kultur des Chancay-Tales in Peru ist das nun einfacher geworden: Mit Hilfe der Universität Bonn hat ein peruanischer Anthropologe jetzt 50 Jahre alte Aufzeichnungen aus dieser Region dem Vergessen entrissen.

Jahrhundertelang hat das kleine Bauerndorf irgendwo im Gebirge friedlich vor sich hingeschlummert. Friedlich pflegten die Einwohner ihre uralten Traditionen. Dann kam eine Straße. Dann der elektrische Strom. Dann der erste Fernseher. Und heute, nur wenige Jahre später, erkennen die Einwohner sich selbst nicht mehr wieder. Wie sich angestammte Gesellschaften durch den Einfluss der weltweiten Einheitskultur verändern, ist ein Forschungsgegenstand der Anthropologie – und für solche Untersuchungen bedarf es der Beschreibung, wie solche Gesellschaften aussahen, bevor Straße, Strom und Fernseher kamen.

„Die ethnographische Lücke füllen“, nennt das der Anthropologe Dr. Juan Javier Rivera Andía. Für seine eigene Heimat, die peruanischen Anden, hat er genau dies unternommen: Er hat die lange verschollenen Aufzeichnungen eines Fachkollegen wiederentdeckt und herausgegeben. Die letzten Steinchen dieses akademischen Puzzles legte er bei einem Forschungsaufenthalt an der Universität Bonn, nämlich am Institut für Archäologie und Kulturanthropologie: „Die dortige Abteilung für Altamerikanistik hat seit langem einen bedeutenden Ruf in Bezug auf die Erforschung der Anden-Kulturen.“ Unterstützt wurde Dr. Rivera Andías Bonner Aufenthalt durch die Alexander-von-Humboldt-Stiftung.

Die frühesten Dokumente stammen von 1962

Die wiederentdeckten Aufzeichnungen stammen von dem peruanischen Anthropologen und Musiker Alejandro Vivanco Guerra (1910-1991). Sie überliefern Alltagsbräuche und Musik, Mythen und Legenden, kulturelles und religiöses Leben der bäuerlichen Kultur im Tal des Chancay-Flusses: Der ist knapp 120 Kilometer lang und mündet etwa 60 Kilometer nördlich von Lima in den Pazifik. „Mindestens drei Mal zwischen 1962 und 1982“ bereiste Vivanco diese Region, sagt Dr. Rivera Andía. Ob es weitere Forschungsreisen gab, ist nicht sicher, weil drei Notizhefte (von wahrscheinlich 15) noch immer verschollen sind. Alejandro Vivanco war nicht der einzige Forscher, der das Chancay-Tal untersuchte – aber speziell seine Arbeit weckte das Interesse Dr. Rivera Andías. Vivanco war nämlich „der einzige Forscher, der tatsächlich die Sprache der Menschen dort sprach“: das Quechua, die frühere Sprache des Inkareiches und noch immer drittmeistgesprochenes Idiom Südamerikas.

Schon das jetzt vorliegende Dutzend von Vivancos Notizbüchern zu finden, geriet laut Dr. Rivera Andía zu „einer Art Schatzsuche“. Als er im Jahre 1999 selbst eine erste Reise ins Chancay-Tal unternahm, fiel dem Forscher auf, „dass Vivanco über seine Feldstudien nur sehr wenig publiziert hatte – und ich fragte mich, warum.“ Dr. Rivera Andía war überzeugt, dass Vivanco irgendwelche Aufzeichnungen hinterlassen haben musste, obwohl es darauf zunächst keinerlei echten Hinweis gab. „In keiner Veröffentlichung, in keinem Vortrag hatte zuvor irgendjemand die Existenz solcher Aufzeichnungen erwähnt.“ Dr. Rivera Andía forschte nach Hinterbliebenen des heute auch in Peru fast vergessenen Wissenschaftlers und machte schließlich seine Witwe ausfindig – und in deren Haus fanden sich Vivancos Dokumente tatsächlich.

Knifflige Übersetzung aus dem Quechua

Dr. Juan Javier Rivera Andía hat die zwölf Notizbücher Seite für Seite ebenso ins Reine geschrieben wie die vielen Musikbeispiele, die Vivanco (ein passionierter Spieler der indianischen „Quena“-Flöte) in der Chancay-Region aufgezeichnet hat. Der Forscher rekonstruierte den Reiseweg, dem sein Vorgänger folgte, und wenn Informationen zu einzelnen Themengebieten über die Hefte verstreut waren, trug er sie zu Tabellen und Listen zusammen – zum Beispiel darüber, von welchen eingeborenen Gewährsleuten Vivanco seine Informationen empfing. Ein besonders kniffliger Teil der Editionsarbeit war, die von Vivanco überlieferten Quechua-Wörter (zum Beispiel Orts- und Geländenamen) zu übersetzen – denn der spezielle Quechua-Dialekt der Chancay-Region ist heute fast völlig ausgestorben.

„Fast alles, was wir über das kulturelle Erbe dieser Region heute wissen, stammt von Alejandro Vivanco“, sagt der peruanische Experte. Vivancos Aufzeichnungen sind „ein akkurates Bild einer indigenen Kultur, die durch die Modernisierung der Gesellschaft sehr schnelle und tiefgehende Veränderungen erfährt.“ Dass dieses Wissen kein zweites Mal verlorengeht, ist inzwischen sichergestellt: Vivancos Notizhefte sind nun in der Bibliothek der Päpstlichen Katholischen Universität von Peru in Lima verwahrt.

Publikation: Alejandro Vivanco Guerra: Una etnografía olvidada en los Andes. El Valle del Chancay (Perú) en 1963. Edición de Juan Javier Rivera Andía. Consejo Superior de Investigaciones Cientificas. 344 S., 44 Euro

Kontakt:

Dr. Juan Javier Rivera Andía
E-Mail: jjriveraandia@gmail.com

Johannes Seiler | idw
Weitere Informationen:
http://editorial.csic.es/
http://www.uni-bonn.de/

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