Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ungleiche Nachbarn

17.09.2009
Das neue Discussion Paper des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung "Ungleiche Nachbarn" zeigt, dass die demografische Entwicklung in Deutschland und Frankreich gegensätzlich verläuft - mit enormen Langzeitfolgen. Bis Mitte des Jahrhunderts dürfte Frankreich mehr Einwohner haben als Deutschland.

Wer bei Kehl am Rhein oder bei Saarbrücken die Grenze zu unserem westlichen Nachbarn überschreitet, betritt ein Land mit einer grundsätzlich anderen demografischen Entwicklung: Während in Deutschland seit 1972 Jahr für Jahr mehr Menschen sterben als geboren werden, die Bevölkerung lange Zeit nur aufgrund von Zuwanderung gewachsen ist und seit 2003 sogar schrumpft, steigt die Einwohnerzahl Frankreichs kontinuierlich an - 2008 um rund 350.000. Dieses Wachstum von 0,5 Prozent im Jahr fußt zu vier Fünfteln auf einem Geburtenüberschuss und nur zu einem Fünftel auf Migration.

Nach den Vorausberechnungen der nationalen statistischen Ämter hat Deutschland bis 2050 angesichts eines wachsenden Geburtendefizits einen Bevölkerungsschwund von acht bis 14 Millionen zu erwarten. Frankreich dürfte im gleichen Zeitraum acht Millionen Einwohner hinzugewinnen. Damit wird es wahrscheinlich, dass Frankreich um die Mitte des Jahrhunderts mehr Einwohner haben wird als Deutschland, obwohl die "Grande Nation" heute noch um 20 Millionen Einwohner zurückliegt. Weil die Bevölkerung Frankreichs darüber hinaus deutlich jünger bleiben wird als die deutsche, ist auch zu erwarten, dass sich die Wirtschaftskraft beider Lände zugunsten Frankreichs verschieben wird. Dies ist die Aussage des neuen Diskussionspapiers "Ungleiche Nachbarn" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

Hintergrund der divergierenden Entwicklung ist vor allem eine generell andere Familienpolitik in den beiden Staaten. Sie hat in Frankreich eine lange Tradition und beruht auf dem 1939 verabschiedeten "Code de la Famille". Dieser Kodex wurde unter anderem eingeführt, weil die Franzosen Sorge hatten, von dem damaligen Erzfeind Deutschland im Hinblick auf die Bevölkerungszahl überholt zu werden. Die 1939 eingeführte Politik sollte anfangs noch die klassische Familie mit einer Hausfrau und einem erwerbstätigen Ehemann unterstützen helfen, wurde aber seit den 1970er Jahren konsequent an die neuen gesellschaftlichen Gegebenheiten einer Zwei-Verdiener-Gemeinschaft angepasst. Schon sehr früh gab es gute Betreuungsmöglichkeiten auch für die unter dreijährigen Kleinen. Deshalb konnte in Frankreich die Erwerbsquote von Frauen kontinuierlich ansteigen, ohne dass es dabei wie in Deutschland zu einem starken Rückgang der Kinderzahlen kam.

Zwar hatten die Frauen in beiden Ländern zu Zeiten des Nachkriegs-Babybooms mehr Kinder als heute. Aber während in Deutschland die Fertilitätsrate seit Mitte der 1970er Jahre nachhaltig eingebrochen ist und seither um einen Wert von etwa 1,4 Kindern je Frau pendelt, hat sie in Frankreich nie 1,7 unterschritten und ist in der jüngeren Vergangenheit sogar wieder deutlich auf etwa zwei angestiegen. Weil in Deutschland heute die stark dezimierten Generationen der in den 1970er Jahren und später geborenen Frauen im fertilen Alter sind, beschleunigt sich der Abwärtstrend: In Deutschland hat sich die Zahl der Neugeborenen seit den 1960er Jahren von 1,35 Millionen auf weniger als 700.000 pro Jahr halbiert. Wegen der stetig kleiner werdenden Mütterjahrgänge wird sie sehr wahrscheinlich weiter sinken. In Frankreich werden seit längerem konstant mehr als 750.000 Kinder geboren - Tendenz steigend.

Auch in der Zuwanderung unterscheiden sich die beiden Nachbarländer: So verzeichnet Frankreich seit über 40 Jahren eine Netto-Migration von maximal 200.000 Personen pro Jahr. Deutschland hingegen hatte bei der Einwanderung erhebliche Ausschläge nach oben - zu Zeiten der Gastarbeiterwanderung, aber auch nach Ende des Kalten Krieges, als rund drei Millionen Aussiedler und, als Folge der Jugoslawienkriege, viele Flüchtlinge ins Land kamen. Mittlerweile ist die Attraktivität Deutschlands als Zuwanderungsland jedoch markant gesunken. 2008 konnten die Statistiker gerade noch ein Wanderungsüberschuss von 4.800 Menschen registrieren. Frankreich nahm im gleichen Jahr 67.000 Menschen mehr aus anderen Ländern auf als abwanderten, vorwiegend Familiennachzügler aus Nordafrika. In Frankreich bekommen sowohl die Einheimischen wie auch die ausländischen Bürger mehr Kinder als die entsprechenden Bevölkerungsgruppen in Deutschland.

Doch auch Frankreich bleibt nicht von dem Trend der gesellschaftlichen Alterung verschont. Nicht nur weil die Lebenserwartung in beiden Ländern kontinuierlich ansteigt - in Frankreich liegt sie mit 84,4 Jahren für Frauen und 77,5 Jahren für Männer sogar deutlich höher als in Deutschland. Dort haben Frauen 82,3 und Männer 76,9 Lebensjahre vor sich. Sondern auch, weil die Franzosen heute weniger Kinder bekommen als früher. Auch dort wird eine kinderreiche durch eine vergleichsweise kinderarme Generation ersetzt, wenngleich auf höheren Niveau als in Deutschland. Deshalb dürfte in Deutschland der Anteil der unter 20-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von 19,5 Prozent 2007 bis 2050 auf 15,1 Prozent sinken, in Frankreich aber von 24,7 auf 21,9 Prozent. Der Anteil der über 64-Jährigen hingegen dürfte bei den Deutschen von 19,9 auf 33,2 Prozent steigen. In Frankreich stiege der Anteil der Personen in dieser Altersgruppe lediglich von 16,5 auf 26,2 Prozent.

Bei rund zwei Kindern je Frau bleibt die Zahl der Personen im Alter von 20 bis 64 Jahren in Frankreich bis 2050 nahezu konstant. In Deutschland hingegen wird die Zahl dieser potenziellen Erwerbspersonen um fast 15 Millionen sinken. Es ist zu erwarten, dass diese Entwicklung Folgen für die Wirtschaftskraft beider Länder haben wird. Während Deutschland sein Nachbarland beim Bruttoinlandsprodukt derzeit noch deutlich übertrifft, ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in beiden Ländern schon heute sehr ähnlich. Angesichts der Alterung könnte Frankreich Mitte des Jahrhunderts nicht nur demografisch sondern auch wirtschaftlich vor Deutschland stehen. Der Knappheit an Arbeitskräften wird die deutsche Wirtschaft nur durch massive Investitionen in Bildung, durch Innovationen und Produktivitätssteigerungen begegnen können.

Aufgrund der fortschreitenden demografischen Alterung wird die Finanzierbarkeit von Gesundheitssystem und Rentenversicherung in beiden Ländern zu einer enormen Herausforderung. Vor allem in Frankreich stellt die niedrige Erwerbstätigkeit der 55- bis 64-Jährigen ein immer größeres Problem dar. Während hierzulande die Rente mit 67 beschlossene Sache ist, streitet man in Frankreich trotz höherer Lebenserwartung noch immer darüber, ob es zumutbar ist, länger als bis 60 zu arbeiten.

Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Dr. Reiner Klingholz (klingholz@berlin-institut.org, 0 30 - 31 01 75 60) sowie Stephan Sievert (sievert@berlin-institut.org, 0 30 - 31 10 26 98) zur Verfügung.

Dr. Margret Karsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.berlin-institut.org/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Atome rennen sehen - Phasenübergang live beobachtet

Ein Wimpernschlag ist unendlich lang dagegen – innerhalb von 350 Billiardsteln einer Sekunde arrangieren sich die Atome neu. Das renommierte Fachmagazin Nature berichtet in seiner aktuellen Ausgabe*: Wissenschaftler vom Center for Nanointegration (CENIDE) der Universität Duisburg-Essen (UDE) haben die Bewegungen eines eindimensionalen Materials erstmals live verfolgen können. Dazu arbeiteten sie mit Kollegen der Universität Paderborn zusammen. Die Forscher fanden heraus, dass die Beschleunigung der Atome jeden Porsche stehenlässt.

Egal wie klein sie sind, die uns im Alltag umgebenden Dinge sind dreidimensional: Salzkristalle, Pollen, Staub. Selbst Alufolie hat eine gewisse Dicke. Das...

Im Focus: Kleinstmagnete für zukünftige Datenspeicher

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Chemikern der ETH Zürich hat eine neue Methode entwickelt, um eine Oberfläche mit einzelnen magnetisierbaren Atomen zu bestücken. Interessant ist dies insbesondere für die Entwicklung neuartiger winziger Datenträger.

Die Idee ist faszinierend: Auf kleinstem Platz könnten riesige Datenmengen gespeichert werden, wenn man für eine Informationseinheit (in der binären...

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Nierentransplantationen: Weisse Blutzellen kontrollieren Virusvermehrung

30.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zuckerrübenschnitzel: der neue Rohstoff für Werkstoffe?

30.03.2017 | Materialwissenschaften

Integrating Light – Your Partner LZH: Das LZH auf der Hannover Messe 2017

30.03.2017 | HANNOVER MESSE