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Umverteilung zwischen Generationen und Geschlechtern

16.09.2013
Welche Altersgruppen sind Nettozahler und welche sind Nettoempfänger? Eine Studie der TU Wien macht Geschlechterunterschiede sichtbar und berücksichtigt den Wert unbezahlter Arbeit.

Kinder werden von den Eltern versorgt, im Alter hoffen wir auf Versorgung durch den Staat. Irgendwo dazwischen müssen die Ressourcen erwirtschaftet werden, die es dann zwischen den Generationen umzuverteilen gilt.

An der TU Wien wurden nun im Rahmen des Projekts „Welfare, Wealth and Work for Europe - WWW for Europe“ Daten von mehreren europäischen Ländern analysiert: Angesichts der demographischen Entwicklung erscheint eine Pensionsreform in vielen Staaten unvermeidlich. Dabei darf man aber nicht nur finanzielle Transferleistungen berücksichtigen, auch unbezahlte Arbeit spielt bei der Umverteilung eine wichtige Rolle, vor allem die Kindererziehung. Während Männer einen größeren Teil der finanziellen Transfers zu tragen haben, leisten Frauen deutlich mehr unbezahlte Arbeit.

Netto zahlen oder netto empfangen?

Die mittlere Altersgruppe, die im Erwerbsleben steht, finanziert die anderen Altersgruppen mit. Um die Belastung der Bevölkerung im Erwerbsalter anzugeben wird oft einfach die Zahl der über 65-jährigen mit der Zahl der Menschen im Erwerbsalter in Relation gesetzt. Das ist aber nicht korrekt, sagt Alexia Fürnkranz-Prskawetz, Professorin für mathematische Ökonomie an der TU Wien. Ihre Forschungsgruppe hat statistisch erhoben, welche Werte in jedem einzelnen Lebensjahr erwirtschaftet werden und wie viel konsumiert wird. So lässt sich genau berechnen, in welchem Alter das durchschnittliche Einkommen den durchschnittlichen Konsum übertrifft.

In Österreich gibt es viele Lehrlinge, die schon sehr früh ein eigenes Einkommen haben. Daher erwirtschaftet man statistisch hier schon relativ früh – im Alter von 24 Jahren – mehr als man konsumiert. In Deutschland und Italien, ebenso wie in Finnland und im Vereinigten Königreich, findet dieser Übertritt vom Nettokonsumenten zum Nettoproduzenten erst mit 27 Jahren statt.

Für das Sozialsystem ist diese Zahl allerdings weniger entscheidend als die Altersgrenze, bei der das durchschnittliche Lohneinkommen wieder unter die durchschnittliche Konsum-Grenze sinkt und man in ökonomische Abhängigkeit gerät. In Österreich liegt diese Grenze im Durchschnitt bei 59 Jahren, in Deutschland bei 60. „Diese Altersgrenze muss nach oben verschoben werden, insbesondere angesichts der steigenden Lebenserwartung. Das wird nur durch höhere Zu- und Abschläge je nach Pensionsantrittsalter möglich sein.“, sagt Alexia Fürnkranz-Prskawetz. Schweden gilt hier international als Vorbild: Bis zum Alter von 63 Jahren erwirtschaftet die schwedische Bevölkerung im Durchschnitt mehr als sie konsumiert.

Geschlechterunterschiede

In Österreich und Deutschland geht nur etwa ein Drittel des Gesamt-Erwerbseinkommens an Frauen. In Schweden sind es 41%, in Finnland 43%. In Österreich arbeiten viele Frauen in Teilzeitjobs – Kindererziehung ist hier immer noch in erster Linie Frauensache. Der Übergang in die ökonomische Abhängigkeit am Ende der Berufskarriere findet bei Frauen früher statt als bei Männern: Nur bis zum Alter von 55 Jahren (Männer: 59) erwirtschaften Frauen mehr als sie konsumieren. (Deutschland: Frauen: 53, Männer: 61)

„Wenn man Umverteilung zwischen Generationen und Geschlechtern analysiert, muss man allerdings unbedingt auch die unbezahlte Arbeit miteinbeziehen“, betont Bernhard Hammer, Erstautor der Studie. Unbezahlte Leistungen wie Kinderbetreuung und Hausarbeit werden hauptsächlich von Frauen übernommen. Die TU-Forschungsgruppe bezog nun diese Leistungen in die Gesamtstatistik mit ein, bewertet mit einem Durchschnitts-Stundenlohn der jeweiligen Staaten.

Durch dieses Einbeziehen unbezahlter Arbeit wird der Unterschied zwischen Männern und Frauen in allen Staaten deutlich kleiner. In Österreich und Deutschland bleiben Frauen trotzdem noch spürbar unter dem von Männern erwirtschafteten Produktionswert. Allerdings ist dieser direkte Vergleich nur bedingt aussagekräftig: Wie unbezahlte Arbeit finanziell zu bewerten ist, lässt sich letztlich nicht objektiv festlegen.

Gerade jüngere Frauen leisten einen großen Teil der nichtbezahlten Arbeit. Daher ändert auch die statistische Miteinbeziehung unbezahlter Leistungen wenig am sehr frühen Übergang in die ökonomische Abhängigkeit: Ab einem Alter von 58 Jahren erwirtschaften Frauen in Österreich nach dieser Berechnung weniger als sie konsumieren. (Männer: 60, gesamt: 59. Deutschland: Frauen: 58, Männer: 62.)

Bei einer Reform des Sozialsystems müssen unbezahlte Leistungen auf jeden Fall berücksichtigt werden. Hausarbeit und Kindererziehung trägt zum allgemeinen Wohlstand genauso bei wie Erwerbsarbeit. Die Konsequenz muss sein, sowohl Erwerbsarbeit als auch unbezahlte Arbeit gerecht aufzuteilen. „Wir sollten Frauen besser ermöglichen, voll ins Berufsleben einzusteigen, aber uns darüber im Klaren sein, dass unsere Gesellschaft auch für die unbezahlte Arbeit aufkommen muss“, sagt Alexia Fürnkranz-Prskawetz.

Rückfragehinweise:

Prof. Alexia Fürnkranz-Prskawetz
Institut für Wirtschaftsmathematik
Technische Universität Wien
Argentinierstraße 8, 1040 Wien
T: +43-1- 58801-10530
alexia.fuernkranz-prskawetz@tuwien.ac.at
Mag. Bernhard Hammer
Institut für Wirtschaftsmathematik
Technische Universität Wien
Argentinierstraße 8, 1040 Wien
T: +43-1- 58801-105381
bernhard.hammer@tuwien.ac.at
TU Wien - Mitglied der TU Austria
www.tuaustria.at

Dr. Florian Aigner | Technische Universität Wien
Weitere Informationen:
http://www.tuwien.ac.at
http://www.foreurope.eu/fileadmin/documents/pdf/Workingpapers/WWWforEurope_WPS_no013_MS12.pdf

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