Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

„Transnationale Mütter“ und „Euro-Waisen“

20.09.2010
Polinnen kümmern sich um pflegebedürftige Menschen in Deutschland, in Polen machen das Ukrainerinnen; um die zurückgelassenen schulpflichtigen Kinder sorgen sich Omas und andere weiblich Familienangehörige.

Die Forscher sprechen von „Care Chain“, einer Pflegekette, die soziale Ungleichheit im globalen Maßstab fortschreibt. Die Frankfurter Gender-Forscherin Prof. Helma Lutz untersucht mit ihrem Team, wie es diese Migrantinnen, die zwischen ihren Familien und ihren Arbeitsorten häufig hin- und herpendeln, gelingt, die Versorgungslücken in ihren Familien schließen.

Zudem haben die Frankfurter Forscherinnen analysiert, wie die Abwesenheit der Mütter in der öffentlichen Debatte dieser osteuropäischen Ländern skandalisiert wird. Über Details dieser Studie berichtet die Wissenschaftlerin in der neuen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (2/2010).

Heute übernehmen etwa 100.000 bis 145.00 Osteuropäerinnen meist illegal die Pflege und Versorgung von alten Menschen in Deutschland. Fast alle müssen ihre Familie im Herkunftsland zurücklassen und empfinden es als ihre Aufgabe, vorher zu organisieren, wer sich zu Hause um die Kinder kümmert. Nur selten beteiligen sich die Väter, dazu die Frankfurter Soziologin: „Zwar hat der Staatssozialismus die hohe Motivation zur weiblichen Erwerbstätigkeit geschaffen und auch heute wird von der Gesellschaft die Migrationsbereitschaft der Frauen gefördert, doch dem steht ein unverändert traditionelles Familien- und Männlichkeitsbild gegenüber, das die Abwesenheit der Mütter normativ abwertet.“

Diese „transnationalen Mütter“ – 65 Frauen haben Helma Lutz und ihr Team in Polen und in der Ukraine interviewt – übernehmen aus der Ferne die Verantwortung für die Familie, auch wenn Großmütter den Haushalt versorgen und nicht nur um die Enkel sondern auch den Schwiegersohn kümmern. Viele Väter ziehen sich zurück, was mit der „Krise des männlichen Selbstverständnisses“ verbunden ist, so Lutz: „Ehemänner und Väter verlieren nicht nur ihre traditionelle Ernährerfunktion, sondern sie gewinnen selbst dann kein soziales Prestige, wenn sie die Rolle der betreuenden Mutter übernehmen, da ein solcher Wechsel der Genderkodierung tendenziell mit einem Statusverlust verbunden ist.“ Väter flüchte nicht selten in den Alkoholkonsum, was dazu führen kann, dass halberwachsenen Töchter ihre Geschwister und ihren Vater versorgen.

Die im Westen arbeitenden Mütter sind zwar physisch abwesend, mit den neuen Informationstechnologien können sie jedoch Kontakt zu ihren Angehörigen, insbesondere den Kindern halten. „Virtuelles Emotionsmanagement“ nennen das die Forscherinnen: Die „Skype-Mütter“ nehmen so auf Familienentscheidungen Einfluss, sind in die täglichen Abläufe zu Hause eingebunden und leisten sogar gelegentlich Hausaufgabenhilfe via Skype. Doch gleichzeitig lernen die Kinder, ihre Mütter nicht mit schlechten Nachrichten aus der Schule und mit familiären Problemen zu behelligen, um sie nicht zu beunruhigen.

Und wie reagiert die polnische und ukrainische Öffentlichkeit auf die zunehmende Zahl von Müttern, die migriert, um im Westen besser zu verdienen? Bis 2008 waren die Auswirkungen auf die zurückbleibenden Familienmitglieder kein Thema in den Medien, stattdessen wurden die positiven Folgen für Staat und Individuen durch die Deviseneinnahmen betont. Plötzlich schlug das (Ver-)Schweigen in lebhaftes Interesse um. „Euro-Waisen“ wurde rasch ein modisches Schlagwort, das in nahezu allen Presseartikeln und schließlich auch in wissenschaftlichen Artikeln auftauchte, ohne je klar definiert oder kritisch reflektiert zu werden. Dazu die Gender-Forscherin: „Damit werden Kinder als schutzlos zurückgelassene Quasi-Waisen identifiziert und als Opfer der elterlichen Jagd nach Euros betrachtet.

In der Ukraine hatte zunächst die Regionalpresse im westlichen Teil des Landes, der im Gegensatz zum Osten stark von weiblicher Erwerbsmigration betroffen ist, den Begriff der ‚sozialen Waisen’ geprägt. In Skandalartikeln wurde berichtet, dass emigrierende Eltern ihre Kinder angeblich auf der Straße oder in Heimen hinterließen. Als Beleg wurden statistische Daten herangezogen, wie etwa die von 7,5 bis 9 Millionen zurückgelassener Kinder, womit man die geschätzte Anzahl der im Ausland arbeitenden Ukrainerinnen und Ukrainer leichtfertig auf die Anzahl der betroffenen Kinder überträgt.“

Die so eben erschienene Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (2/2010) widmet sich einer Vielzahl von soziologischen Forschungsthemen, die an der Goethe-Universität und dem Institut für Sozialforschung untersucht werden – aus aktuellem Anlass: 100 Jahre nach seiner Premiere im Oktober 1910 findet der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie wieder in Frankfurt statt. Die Jubiläumstagung vom 11. bis 15. Oktober an der Goethe-Universität hat das Rahmenthema „Transnationale Vergesellschaftungen“. In Zeiten des grenzüberschreitenden gesellschaftlichen Wandels und Wirtschaftslebens fragt die Soziologie nach den Auswirkungen der modernen Verflechtungen auf Staaten, Regionen und die einzelnen Menschen. Das Begleitprogramm enthält öffentliche Veranstaltungen zur Geschichte der Soziologie und zur Entwicklung der akademischen Disziplin in Frankfurt.

Informationen: Prof. Helma Lutz, Ewa Palenga-Möllenbeck, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Campus Bockenheim, Tel. (069) 798- 22053, lutz@soz.uni-frankfurt.de, e.pm@em.uni-frankfurt.de

„Forschung Frankfurt“ 2/2010 kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de

Ulrike Jaspers | idw
Weitere Informationen:
http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/2010/index.html

Weitere Berichte zu: Abwesenheit Helma Soziologie Ukrainerinnen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht Sterblichkeit durch Rauchen für ostdeutsche Frauen bald höher als für westdeutsche
10.05.2017 | Max-Planck-Institut für demografische Forschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochspannung für den Teilchenbeschleuniger der Zukunft

24.05.2017 | Physik Astronomie

3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind

24.05.2017 | Physik Astronomie

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten