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Tödliche Familiendramen kommen in allen sozialen Schichten vor

24.01.2013
Tötungsdelikte innerhalb von Familien mit anschliessendem Selbstmord des Täters kommen in der Schweiz in allen sozialen Schichten etwa gleich häufig vor.
Stressige Lebenssituationen wie Scheidungen, befristeter Aufenthaltsstatus oder enge Wohnverhältnisse sind Risikofaktoren, wie eine Studie der Universität Bern zeigt. Die Häufigkeit dieser – meist von Männern mit Schusswaffen begangenen – Delikte hat aber in den vergangenen 20 Jahren nicht zugenommen.

Rund sechs bis sieben tödliche Familiendramen gibt es pro Jahr in der Schweiz. Nun hat eine Gruppe um Radoslaw Panczak und Professor Matthias Egger des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern in einer Kohortenstudie über den Zeitraum 1991 bis 2008 erstmals die Risikofaktoren untersucht. Wie die im Januar in der Fachzeitschrift «PLoS ONE» veröffentlichten Resultate zeigen, hat sich die Häufigkeit solcher tödlichen Dramen in diesem Zeitraum nicht verändert.

Die Geschlechterrolle ist bei den Tötungsdelikten mit anschliessendem Suizid des Täters klar verteilt: In über 93 Prozent der untersuchten Fälle waren die Täter männlich, 84 Prozent der Opfer waren weiblich. In drei Viertel aller Familiendramen brachte ein Mann seine Ehefrau um, in weiteren acht Prozent tötete er neben der Frau auch ein oder mehrere Kinder.

Die Altersverteilung zeigt bei den Tätern Spitzen um 45 und 75 Jahre. «Neben den klassischen Eifersuchtsdramen gibt es in der älteren Generation auch Täter, die ihre schwer kranke Ehefrau aus Überforderung oder aus Mitleid töten», sagt Matthias Egger. Geschiedene Männer waren häufiger Täter als verheiratete, Nichtreligiöse häufiger als Katholiken. Keinen Einfluss hatte die Anwesenheit von Kindern im Haushalt, die Sprache oder eine städtische oder ländliche Umgebung.

Die Studie fand keinen Zusammenhang zwischen der sozialen Schicht und der Häufigkeit von tödlichen Familiendramen. Weder Bildung noch Beruf hätten laut den Forschenden einen Einfluss. Die Nationalität spielt ebenfalls keine Rolle. Mit einer Ausnahme: Ausländer mit einer befristeten Aufenthaltsbewilligung waren häufiger Täter. «Auch andere stressige Lebenssituationen wie Scheidungen oder enge Wohnverhältnisse erhöhen das Risiko», sagt Egger.

Fast immer Schusswaffen verwendet

Tatwaffe war in über 85 Prozent der Fälle eine Schusswaffe. Ob es sich dabei um Militärwaffen handelt, konnten die Forschenden nicht eruieren, da diese Angaben in den Sterbestatistiken fehlen. Laut Egger zeigen jedoch internationale Studien einen starken Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit von Schusswaffen und der Anzahl Familiendramen in einem Land. Die Zahl der Familiendramen in der Schweiz sei gemessen an der Einwohnerzahl höher als in anderen europäischen Staaten. Präventivmediziner Egger ist daher überzeugt: «Mit einem eingeschränkten Zugang zu Waffen könnten Familiendramen verhindert werden.»

In der weltweit ersten Kohortenstudie auf Bevölkerungsebene zum Thema der Tötungsdelikte mit anschliessendem Suizid wurden insgesamt 73 Vorfälle mit 158 Getöteten analysiert. Das Projekt ist Teil der vom Schweizerischen Nationalfonds und vom Bundesamt für Statistik unterstützten Schweizer Kohortenstudie (Swiss National Cohort).

Bibliographische Angaben:
Radoslaw Panczak, Marcel Zwahlen, Adrian Spoerri, Kali Tal, Martin Killias, Matthias Egger: Incidence and Risk Factors of Homicide–Suicide in Swiss Households: National Cohort Study, PLoS ONE 8(1): e53714. doi:10.1371/journal.pone.0053714

Nathalie Matter | Universität Bern
Weitere Informationen:
http://www.unibe.ch

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