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Streiten für den Zusammenhalt: Studie zeigt Verlauf von Fehden

20.09.2012
Göttinger Wissenschaftler untersuchen Mechanismen von Bestrafung und Rache

Langjährige Nachbarschafts- oder Familienfehden verlaufen in der Regel nach ähnlichen Mustern: Frei nach dem biblischen Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ versuchen die zerstrittenen Parteien, sich gegenseitig zu schaden und damit für empfundenes Unrecht zu rächen. Der Ausgangspunkt des Streits gerät dabei oft in Vergessenheit.

Wissenschaftler der Universität Göttingen und des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Biologie in Plön haben dieses Verhalten nun auch experimentell nachgewiesen. Die Teilnehmer der Studie hatten die Möglichkeit, ihre Mitspieler in einem kooperativen Spiel zu bestrafen. Fühlten diese sich ungerecht behandelt, rächten sie sich bei nächster Gelegenheit mit einer ebenso hohen „Vergeltungsbestrafung“. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift PLOS ONE erschienen.

Zusammenhalt und Zusammenarbeit sind notwendig, damit eine Gesellschaft funktioniert. Die Möglichkeit, Mitglieder einer Gesellschaft zu bestrafen, gilt in der Evolutionsbiologie als wichtiger Mechanismus, um kooperatives Verhalten zu fördern. Rächt sich jedoch der Bestrafte, geht der eigentliche Zweck der Bestrafung verloren. Der Mechanismus ist in diesem Fall von Nachteil für die Gemeinschaft, weil er für alle Beteiligten mit Aufwand verbunden ist. Kommt es dann zu wechselseitigen Bestrafungen, spricht man von einer Fehde oder Vendetta – ein bekanntes Beispiel aus der Literatur ist der langjährige Streit zwischen den Familien Montague und Capulet in William Shakespeares Romeo und Julia. Wissenschaftliche Untersuchungen konzentrierten sich bislang allerdings hauptsächlich auf die Folgen einzelner Bestrafungsakte und weniger auf die Folgen von multiplem Strafen und Zurückstrafen.

In der Studie der Göttinger Verhaltensbiologen verfügten die knapp 140 Teilnehmer über ein bestimmtes Budget. Das am Ende der Studie verbleibende Geld wurde den Teilnehmern bar ausgezahlt. Wollten sie einen anderen Teilnehmer bestrafen, mussten sie einen bestimmten Betrag zahlen, der Bestrafte zahlte gleichzeitig eine vergleichsweise höhere Summe. Der Akt des Bestrafens stellte somit für alle Beteiligten eine Belastung dar und warf sie vor allem im Vergleich zu den Teilnehmern, die von einer Bestrafung absahen, finanziell zurück. Dennoch konnten die Wissenschaftler zeigen, dass Menschen sich auch unter experimentellen Bedingungen auf Bestrafungsvendetten einlassen. „Fühlte sich der bestrafte Teilnehmer ungerecht behandelt, rächte er sich in der nächsten Runde des Spiels mit einer ebenso hohen Vergeltungsstrafe, obwohl die Nachteile bekannt waren“, erläutert die Leiterin der Studie, Dr. Katrin Fehl vom Courant Forschungszentrum „Evolution des Sozialverhaltens“ der Universität Göttingen.

Einige Teilnehmer entwickelten im Laufe der Studie außerdem eine Strategie, sich ohne das Risiko einer längeren Fehde zu rächen: Obwohl sie die Anzahl der geplanten Spielrunden nur erahnen konnten, zögerten sie ihre Rache so weit wie möglich hinaus, um durch das Ende des Spiels einer möglichen weiteren Vergeltung zu entgehen. Darüber hinaus bestand die Gruppe der Teilnehmer, die sich entschlossen, eine Fehde während des Spiels selbstständig zu beenden, überraschenderweise zu gleichen Teilen aus Spielern, die sich vorher kooperativ als auch unkooperativ gezeigt hatten. „Das zeigt, dass selbst die destruktive Fehdenbestrafung unter Umständen positive Auswirkungen auf die Zusammenarbeit innerhalb einer Gesellschaft haben kann“, so Dr. Fehl.

Originalveröffentlichung: Katrin Fehl et al. I dare you to punish me – Vendettas in games of cooperation. PLOS ONE 2012. Doi: http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0045093.
Kontaktadresse:
Dr. Katrin Fehl
Georg-August-Universität Göttingen
Courant Forschungszentrum „Evolution des Sozialverhaltens“
Kellnerweg 6, 37077 Göttingen, Telefon (0551) 39-14682
E-Mail: katrin.fehl@bio.uni-goettingen.de

Thomas Richter | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-goettingen.de/de/3240.html?cid=4283
http://www.uni-goettingen.de/de/265268.html

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