Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Sprachenpolitik im Einwanderungsland Schweiz

17.02.2009
Immer mehr Menschen, die in der Schweiz leben und hier arbeiten, verstehen die lokale Sprache nicht oder nur schlecht.

Der Staat sollte seine Politik deshalb auf die neue Sprachenvielfalt ausrichten, indem er das Erlernen der Landessprachen fördert, aber auch vermehrt Übersetzungshilfen anbietet. Zu diesem Schluss kommt eine juristische Studie des Nationalen Forschungsprogramms "Sprachenvielfalt und Sprachkompetenz in der Schweiz" (NFP 56).

Sprachkenntnisse bezeichnet man heute oft als Schlüssel für die Integration von Zugewanderten. Auch die Schweizer Gesetzgebung sieht in Sprachkenntnissen zunehmend das ausschlaggebende Kriterium für den Umgang mit Ausländerinnen und Ausländern.

So erlaubt das neue Ausländergesetz den Behörden, das Erteilen einer Aufenthaltsbewilligung an die Bedingung zu knüpfen, dass der Betreffende einen Sprachkurs besucht. Die Niederlassungsbewilligung soll zukünftig nur noch erteilt werden, wenn der Ausländer über gute Sprachkenntnisse verfügt.

Problematisch dabei ist einerseits, dass das Aufzwingen von Sprachkursen mit den Grundrechten kollidieren kann, wie die Juristen Alberto Achermann und Jörg Künzli in ihrer im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms "Sprachenvielfalt und Sprachkompetenz in der Schweiz" (NFP 56) erstellten Studie aufzeigen. Andererseits kann man Angehörige von EU-Staaten nicht zur Integration verpflichten, was zu Rechtsungleichheit unter den Immigranten führt. Daher wäre vermehrt auf positive Anreize zu setzen, dass etwa, wer eine Amtssprache beherrscht, die Niederlassungsbewilligung schneller erhält.

Eine neue Sprachenpolitik
Das Schweizer Rechtssystem kennt kein allgemeines Recht auf Übersetzung. Bund und Kantone sind nicht verpflichtet, mit der Bevölkerung in einer anderen als einer Amtssprache zu kommunizieren. Aus den Grund- und Menschenrechten lässt sich zwar kein allgemeines Recht auf Übersetzung ableiten, doch im Bildungs- und im Sozialhilfebereich sowie im Gesundheitswesen ist eine allgemein funktionierende Kommunikation unerlässlich.

In gewissen Fällen besitzen Zugewanderte aus rechtsstaatlicher Sicht sehr wohl ein Recht auf Übersetzung - beispielsweise im Vorfeld medizinischer Eingriffe oder wenn der Staat zum Schutz des Lebens verpflichtet ist, die notwendigen Informationen möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, etwa bei der Deklaration lebensgefährlicher Produkte. Eine vorausschauende Sprachenpolitik sollte nicht bloss auf Verpflichtungen im Rahmen des Ausländerrechts setzen. Deshalb ist eine weiter greifende Sprachförderungspolitik notwendig.

Englisch als Teil-Amtssprache?
Die Forschenden empfehlen den staatlichen Akteuren, im Sinne der vom neuen Ausländergesetz postulierten Chancengleichheit sprachliche Hindernisse abzubauen. Spitäler sollten professionelle Übersetzungshilfen beiziehen und Merkblätter in verschiedenen Sprachen anbieten.

Vor schulischen Selektionsentscheiden könnten fremdsprachige Kinder privilegiert unterrichtet werden. Der Staat sollte die lokale Amtssprache bei der familienexternen Kinderbetreuung, auf Kindergartenstufe oder für Unterstützung auf Gymnasialstufe verstärkt vermitteln.

Zu prüfen ist laut den Autoren, die englische Sprache zur Teil-Amtssprache aufzuwerten, d.h. der Staat würde mit der Bevölkerung punktuell vermehrt auf Englisch kommunizieren. Dies käme den von der Wirtschaft begehrten hochqualifizierten Arbeitskräften entgegen, die mit ihrer Familie nur eine begrenzte Zeit hier leben und kaum zum Erlernen einer Landessprache zu verpflichten sind.

Die Einführung der Teil-Amtssprache würde zudem die Rechtswirklichkeit nachvollziehen, da bereits mehrere Bereiche der Arbeitswelt, besonders bei international ausgerichteten Unternehmen, vom Englischen durchdrungen sind.

Kontakt:
Dr. Alberto Achermann
Advokatur und Consulting
Lorrainestrasse 10
CH-3013 Bern
Tel. +41 (0) 31 332 52 19
Mobile + 41 (0)79 310 86 34
E-Mail: alberto.achermann@bluewin.ch
Nationales Forschungsprogramm "Sprachenvielfalt und Sprachkompetenz in der Schweiz" (NFP 56)

Die traditionelle Viersprachigkeit der Schweiz ist längst zur Vielsprachigkeit geworden. Dies wirft für Schule und Gesellschaft Probleme auf. Andererseits aber eröffnet das sprachliche Kapital der Schweiz grosse Chancen, da die internationalen Verflechtungen Sprachenkenntnisse nötiger denn je machen. Die Vielfalt der Sprachen stellt heute neue Fragen an Schule, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und auch an jedes einzelne Individuum. Das vom Bundesrat in Auftrag gegebene NFP 56 erforscht und entwickelt seit 2006 die Grundlagen zur Erhaltung, Förderung und Nutzung der Sprachenvielfalt in der Schweiz.

Presse- und Informationsdienst | idw
Weitere Informationen:
http://www.nfp56.ch
http://www.snf.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten