Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Eine sozialwissenschaftliche Untersuchung zum Alkoholkonsum im öffentlichen Raum

19.01.2010
Randständige wecken Betroffenheit, stossen aber auch auf Gleichgültigkeit

Alkoholabhängige Menschen, die sich vorwiegend in Gruppen im öffentlichen Raum aufhalten, sind meist männlich und schweizerischer Herkunft. Sie leiden oft an physischen und psychischen Krankheiten. Mehr als ein Drittel dieser Randständigen wurde im Verlauf seines Lebens sexuell missbraucht.

Zum diesem Schluss kommt eine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte sozialwissenschaftliche Untersuchung in fünf Deutsch- und Westschweizer Städten.

Wer sind die marginalisierten Menschen, die in Gruppen auf öffentlichen Plätzen leben und Alkohol konsumieren? Was denken sie über ihre Situation? Wie reagieren die Passantinnen und Passanten? Unterstützt vom Schweizerischen Nationalfonds hat ein Forschungsteam unter der Leitung von Corina Salis Gross und Gerhard Gmel im Jahr 2008 die einschlägigen Szenen in Bern, Zürich, Chur, Yverdon-les-Bains und Lausanne sowie die betreffenden städtischen Politiken untersucht. Die Sozialwissenschaftler interviewten 206 Randständige sowie über 1000 Passanten.

Die untersuchten Randständigen bestehen mehrheitlich aus Männern (73%). Je grösser die Stadt, desto homogener sind die Gruppen hinsichtlich der konsumierten Suchtmittel. In den Szenen der kleineren Städte (Chur, Yverdon) werden neben Alkohol zusätzlich Methadon, Heroin, Kokain und Benzodiazepine konsumiert. Fast ein Viertel der Untersuchten besitzt keine feste Unterkunft. Das Durchschnittsalter liegt bei 35 Jahren. Die meisten Randständigen sind schweizerischer Herkunft.

Negative Erfahrungen mit Passanten
Über ein Drittel der Untersuchten (35%) erlitt im Verlauf des Lebens mindestens einmal einen sexuellen Übergriff; bei den weiblichen Personen sind es sogar 67%. Zwei Drittel gaben an, in ihrem Leben mindestens einmal beinahe gestorben zu sein. Viele weisen einen schlechten physischen und psychischen Gesundheitszustand auf (Gelenk- und Knochenschmerzen, Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit). Das Betteln ist kaum ein Motiv für den Aufenthalt auf öffentlichen Plätzen. Als Grund für die Gruppenzugehörigkeit gaben viele nicht nur die Verfügbarkeit von Suchtmitteln, sondern vornehmlich emotionale Unterstützung (Trost, Verständnis) und sozialen Nutzen an (Informationsaustausch, Tipps im Umgang mit Behörden).

Fast die Hälfte der Randständigen berichtet von Beschimpfungen oder Aufforderungen, arbeiten zu gehen. In Zürich und Lausanne ist das häufiger der Fall als in den kleineren Städten. Viele der befragten Passanten empfinden es als störend, wenn sie den Gruppen nicht aus dem Weg gehen können. Der Anblick der Szene löst am häufigsten "Betroffenheit" oder "Mitgefühl" aus. "Wut" oder "Angst" nannte ein kleiner Teil. In der Deutschschweiz nannten viele Passanten "Gleichgültigkeit".

Unterschiedlicher Umgang mit den Randgruppen
Die Situation der Randständigen hat sich in den letzten Jahren verschärft, weil sie aufgrund der verstärkten Imagepflege der Städte und der Ökonomisierung des öffentlichen Raums - beispielhaft die Erweiterung der Bahnhöfe zu Einkaufszonen - an die Peripherie gedrängt werden. Die Nutzung des öffentlichen Raums ist stark reglementiert. Für die Randständigen bedeutet diese strukturelle Diskriminierung, dass sie ihren widerständigen und anarchischen Charakter einbüssen. So gehe - neben aller Tragik der einzelnen Biographien - die wichtige Funktion verloren, die Randständige für die Gesellschaft hätten, sagt Corina Salis Gross: einen anderen Lebensentwurf aufzuzeigen. Das sei früher auch deshalb eher möglich gewesen, weil sie einen subversiven Anspruch gehabt hätten.

Die 2008 durchgeführte Studie zeigt auch, dass die fünf untersuchten Städte verschieden mit den Randgruppen umgehen: Bern, die "Imagepflegende", hegt mit Repression und dem Anbieten von Alternativen ihr Bild als saubere Stadt, in der Sicherheit und Ordnung herrschen. Chur, die "Segregative", ignoriert die Randständigen und überlässt sie sich selbst. Zürich, die "Pragmatische", hält mit einem liberalen Ansatz die Szenen auf eine stadtverträgliche Weise unter Kontrolle. Lausanne, die "Uneinige", wird gelähmt von den Grabenkämpfen zwischen der Rechten und der Linken. Yverdon, die "Integrative", akzeptiert die Randständigen unter der Auflage, dass sie die Gesetze respektieren.

Die Alkoholszene von der übrigen Drogenszene trennen
Die Forschenden empfehlen, die Öffentlichkeit besser über die Situation der Randständigen zu informieren. Dass die Sozialarbeit in Bern und Zürich diese einerseits unterstützt, andererseits aber ordnungspolitisch tätig ist, erschwert die Betreuung. Die Forschenden empfehlen, die Alkoholszenen von den harte Drogen konsumierenden Gruppen zu trennen. Mittel dafür sind etwa Anlaufstellen für den geschützten Konsum. Wo dies nicht geschieht - wie in Lausanne, Yverdon und Chur -, ist die Gefahr gross, dass junge Alkoholabhängige in den Gebrauch illegaler Drogen einsteigen.
Kontakt:
Dr. Corina Salis Gross
Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung Zürich
Konradstrasse 321
CH-8031 Zürich
Tel.: ++41 31 631 35 74
E-Mail: corina.salisgross@isgf.uzh.ch
lic. phil. Florian Labhart
Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme
Av. Louis-Ruchonnet 14
CH-1000 Lausanne
Tel.: ++41 21 321 29 51
E-Mail: flabhart@sfa-ispa.ch

| idw
Weitere Informationen:
http://www.snf.ch

Weitere Berichte zu: Alkoholabhängige Alkoholkonsum Randständige Suchtmittel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Scharfe Röntgenblitze aus dem Atomkern

17.08.2017 | Physik Astronomie

Fake News finden und bekämpfen

17.08.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Effizienz steigern, Kosten senken!

17.08.2017 | Messenachrichten