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Schleichender Niedergang auf dem Lande

28.11.2011
Deutschlands Bevölkerung schrumpft und altert. Besonders davon betroffen sind ländliche Gemeinden. Je kleiner die Orte und je weiter entfernt sie von wichtigen städtischen Zentren liegen, desto schwieriger ist die Lage. Dies belegt eine neue Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zur „Zukunft der Dörfer“.

Etwa 800.000 Einwohner hat Deutschland seit 2002 verloren. Bis 2050 dürften sich die Verluste auf mindestens zwölf Millionen summieren. Ländliche Gebiete leiden besonders unter dieser demografischen Entwicklung, weil es dort nicht nur an Nachwuchs mangelt, sondern auch weil insbesondere junge Menschen die Dörfer und Kleinstädte verlassen.

Alte Arbeitsplätze, nicht nur in der Landwirtschaft, gehen verloren und neue entstehen überwiegend in den Metropolregionen. Die weitere Entwicklung folgt in gewisser Weise einem Automatismus, denn wo überwiegend ältere Menschen leben, ist nicht damit zu rechnen, dass künftig wieder viele Kinder geboren werden. Ebenso unwahrscheinlich ist, dass neue Jobs in Massen auf dem Lande entstehen. Damit stellt sich für eine wachsende Zahl von Dörfern die Existenzfrage.

Die Dörfer haben ihre historische Funktion, das Wohnen in der Nähe ländlicher Arbeitsplätze, weitgehend verloren. Im Fünfjahreszeitraum von 2003 bis 2008 haben zwei Drittel der ländlichen Gemeinden Deutschlands mehr als ein Prozent ihrer Bevölkerung eingebüßt. Besonders dramatisch ist die Entwicklung in Ostdeutschland, wo fast zwei Drittel der ländlichen Gemeinden sogar mehr als fünf Prozent ihrer Bewohner verloren haben. Im Westen Deutschlands sind vor allem Gemeinden im westlichen Rheinland-Pfalz, in Nordhessen, in Südostniedersachsen und im nördlichen Bayern betroffen.

Doch es ist nicht allein der Unterschied zwischen Stadt und Land, der die wirtschaftliche und demografische Entwicklung von Kommunen bestimmt, es ist vor allem die geografische Lage. Im Westen Deutschlands können sich Klein- und Mittelstädte sowie ländliche Gemeinden, die nicht mehr als 20 Minuten Fahrentfernung von Oberzentren entfernt liegen, also von Großstädten mit wichtigen kulturellen und staatlichen Einrichtungen, demografisch stabil halten. Je weiter hingegen die Entfernung einer Gemeinde zum Oberzentrum, umso stärker fällt tendenziell der Bevölkerungsrückgang aus. Ländliche Gemeinden im Westen, die weiter als 40 Minuten Fahrzeit vom nächsten Oberzentrum entfernt liegen, verloren zwischen 2003 und 2008 im Mittel knapp zwei Prozent ihrer Einwohner.

In Ostdeutschland, wo die Einwohnerzahl insgesamt stark rückläufig ist, besitzen die Oberzentren weit weniger Strahlkraft als im Westen. Hier schrumpfen umliegende Siedlungen auch schon innerhalb von 20 Minuten Fahrentfernung. Mittelstädte, Kleinstädte und ländliche Gemeinden verlieren aber auch in Ostdeutschland tendenziell umso mehr Bevölkerung, je weiter sie vom Oberzentrum entfernt liegen. Abgelegene ländliche Gemeinden in mehr als 60 Minuten Fahrentfernung von Oberzentren büßten zwischen 2003 und 2008 durchschnittlich fast sieben Prozent ihrer Bevölkerung ein.

Für die enormen Bevölkerungsverluste des entlegenen ländlichen Raumes ist nicht nur die Abwanderung verantwortlich, sondern auch der Mangel an Geburten. Jahrhundertelang waren auf dem Lande die Kinderzahlen hoch genug, dass der Bevölkerungsüberschuss das Wachstum der Städte speisen konnte, ohne dass dabei die Dörfer ausgeblutet wären. Doch dieser Prozess ist in den vergangenen Jahrzehnten zum Stillstand gekommen. Die Geburtenrate ist auch im ländlichen Raum deutlich unter das bestandserhaltende Niveau gesunken. Zusätzlich wandern mit den jungen Menschen die potenziellen Familiengründer Richtung Großstadt ab. Während großstadtnahe Regionen heute die geringsten Sterbefallüberschüsse verzeichnen, ist die Differenz zwischen Geburten und Sterbefälle umso größer, je abgelegener eine Gemeinde ist.

Für das Leben in den betroffenen Regionen bedeutet dieser Trend schlechtere Lebensbedingungen bei steigenden Preisen. Nicht nur, weil Immobilien in Schrumpfgebieten massiv an Wert verlieren, sondern auch weil überall Schulen und Geschäfte geschlossen werden, Busse und Bahnen ihre Dienste einschränken und die ärztliche Versorgung immer schwieriger wird. Gleichzeitig erzielen die Kommunen weniger Einnahmen und sie müssen ihre zum Teil sogar steigenden Kosten für Trinkwasser, für Abwasser- und Müllentsorgung, für Straßenunterhalt und Ämter auf immer weniger Bürger umlegen.

Die neue Studie des Berlin-Instituts fordert deshalb, die unterschiedlichen regionalen Entwicklungsbedingungen politisch zu akzeptieren und sich von der grundgesetzlich angemahnten „Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen“ zu verabschieden. Dünn besiedelte ländliche Regionen brauchen andere, gelockerte gesetzliche Standards für ihre Infrastruktureinrichtungen als wachsende oder urbane Regionen. Die explodierenden Kosten der Daseinsvorsorge aufgrund immer höherer bürokratischer und technischer Anforderungen würden ansonsten ein Leben auf dem Lande vielerorts unbezahlbar machen.

Die Studie „Die Zukunft der Dörfer“ entstand unter Mitwirkung und durch finanzielle Förderung der Stiftung Schloss Ettersburg.

Stephan Sievert | idw
Weitere Informationen:
http://www.berlin-institut.org/
http://www.berlin-institut.org/publikationen/studien/die-zukunft-der-doerfer.html

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