Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Risikobereitschaft im Alter: Wie sich Elend und Not auswirken

08.01.2016

Studie untersucht Zusammenhang in 77 Ländern: Mit dem Alter nimmt die Bereitschaft, ein körperliches, soziales, rechtliches oder finanzielles Risiko einzugehen, ab. Das legen bisherige Studien nahe. Doch gilt dies für alle Menschen? Oder gibt es weltweit Unterschiede zwischen den Ländern und Kulturen? Und welche Rolle spielen dabei Faktoren wie Armut oder Einkommensungleichheit? Diese Fragen untersuchten Wissenschaftler der Universität Basel und des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Die Studie dazu wurde in der Fachzeitschrift “Psychological Science“ veröffentlicht.

In den meisten Ländern nimmt die Neigung, im Alltag Risiken einzugehen, mit dem Alter ab. So zum Beispiel in Deutschland, Russland oder den USA. In diesen Ländern weisen zudem Männer im Durchschnitt eine deutlich stärkere Neigung zu Risikobereitschaft auf als Frauen.

Jedoch gibt es ebenso Länder, in denen sich die Neigung, Risiken einzugehen, im Alter nicht verändert und zugleich weniger Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen. Dazu zählen unter anderem Nigeria, Mali und Pakistan.

Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler der Universität Basel und des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, deren Studie auf Daten aus 77 Ländern basiert.

Nachdem die Wissenschaftler feststellten, dass die Neigung zur Risikobereitschaft nicht überall gleichermaßen mit dem Alter abnimmt, verglichen sie zusätzlich die vorherrschenden Lebensumstände in diesen Ländern miteinander – so beispielsweise die wirtschaftliche und soziale Armut, die Mordrate, das Pro-Kopf-Einkommen oder auch die Einkommensungleichheit.

Die Ergebnisse zeigten einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Situation in einem Land und der Neigung der dort lebenden Menschen, Risiken einzugehen. Ob Menschen dazu neigen, sich auch im Alter Risiken auszusetzen, hängt von den äußeren Umständen ab.

„Wir konnten zeigen, dass in Ländern mit großer Armut und schwierigen Lebensumständen die Neigung zu Risikobereitschaft auch im Alter unverändert hoch bleibt“, sagt Rui Mata, Assistenzprofessor und Leiter des Zentrums für „Cognitive and Decision Sciences“ an der Universität Basel.

„Ein Grund könnte sein, dass die Menschen in Ländern, in denen die Ressourcen knapp sind, stärker miteinander konkurrieren müssen als Menschen in reichen und sozialen Ländern“, sagt Rui Mata. Dies gelte für Männer wie Frauen gleichermaßen und erkläre die geringeren Geschlechterunterschiede.

„Die Ergebnisse unterstreichen, dass für die Untersuchung von Phänomenen menschlicher Entwicklung das Zusammenspiel von Mensch und Umwelt berücksichtigt werden muss“, sagt der Autor Ralph Hertwig, Direktor des Forschungsbereichs „Adaptive Rationalität“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

„Für die Entscheidungsforschung bedeutet das, dass die individuelle Risikoneigung nicht, wie oftmals in der Ökonomie unterstellt wird, als konstant in der Zeit angesehen werden kann. Unsere Studie zeigt vielmehr, dass Menschen — und dies gilt über viele Kulturen hinweg — dazu neigen, mit zunehmenden Altern weniger Risiken einzugehen. Gleichzeitig hängt diese Anpassungsleistung aber auch von den lokalen Lebensbedingungen und existentiellen Erfordernissen ab“, betont Ralph Hertwig.

Für ihre Studie analysierten die Forscher Daten des „World Values Survey“ (siehe Kasten), einer internationalen Erhebung, die Wertevorstellungen und Anschauungen von Menschen aus der ganzen Welt zusammenführt. Dafür verglichen sie insgesamt 147.118 Antworten von Menschen im Alter zwischen 15 und 99 Jahren — darunter 52 Prozent Frauen — aus insgesamt 77 Ländern.

Im Fokus der Untersuchung stand die Neigung zur Risikobereitschaft. Jeder Befragte sollte angeben, wie sehr er zu abenteuerlustigen und riskanten Aktivitäten neigt. Dafür nutzten die Befragten eine Skala von eins, das trifft voll und ganz auf mich zu, bis sechs, das trifft überhaupt nicht auf mich zu.

In weiterführenden Untersuchungen nutzen die Forscher Längsschnittdaten des Sozioökonomischen Panels (SOEP). Ziel ist es, individuelle und altersbedingte Veränderungen in der Risikobereitschaft in verschiedenen Lebensbereichen und über die Zeitspannen von bis zu zehn Jahren verfolgen zu können.

„Das ist die erste Studie, die Menschen von jung bis alt über einen längeren Zeitraum befragt, um Änderungen in der Risikobereitschaft zu untersuchen. Der Fokus liegt hier vor allem auf den Bereichen Finanzen, Gesundheit, Beruf, Freizeit und Soziales“, sagt Anika Josef, Erstautorin der Folgestudie und Doktorandin am Forschungsbereich „Adaptive Rationalität“ des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.


The World Values Survey
Seit 1981 führen internationale Sozialwissenschaftler die soziokulturellen, moralischen, religiösen und politischen Werte verschiedener Kulturen der Welt in einer umfassenden Erhebung, dem „World Values Survey“, zusammen. Diese besteht aus nationalen repräsentativen Erhebungen aus fast 100 Ländern. Basis der Erhebungen sind Fragebögen. Für die vorliegende Studie wurden Daten aus den Jahren 2008 und 2014 aus 77 Ländern genutzt.

Originalstudie
Mata, R., Josef, A. K., & Hertwig, R. (2016). Propensity for Risk Taking Across the Life Span and Around the Globe. Psychological Science. Advance online publication. doi: 10.1177/0956797615617811

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung wurde 1963 in Berlin gegründet und ist als interdisziplinäre Forschungseinrichtung dem Studium der menschlichen Entwicklung und Bildung gewidmet. Das Institut gehört zur Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V., einer der führenden Organisationen für Grundlagenforschung in Europa.

Weitere Informationen:

https://www.mpib-berlin.mpg.de/de/presse/2016/01/risikobereitschaft-im-alter-wie...

Nicole Siller | Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Deutschland wächst – aber nicht überall
24.04.2018 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Why we need erasable MRI scans

New technology could allow an MRI contrast agent to 'blink off,' helping doctors diagnose disease

Magnetic resonance imaging, or MRI, is a widely used medical tool for taking pictures of the insides of our body. One way to make MRI scans easier to read is...

Im Focus: Fraunhofer ISE und teamtechnik bringen leitfähiges Kleben für Siliciumsolarzellen zu Industriereife

Das Kleben der Zellverbinder von Hocheffizienz-Solarzellen im industriellen Maßstab ist laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE und dem Anlagenhersteller teamtechnik marktreif. Als Ergebnis des gemeinsamen Forschungsprojekts »KleVer« ist die Klebetechnologie inzwischen so weit ausgereift, dass sie als alternative Verschaltungstechnologie zum weit verbreiteten Weichlöten angewendet werden kann. Durch die im Vergleich zum Löten wesentlich niedrigeren Prozesstemperaturen können vor allem temperatursensitive Hocheffizienzzellen schonend und materialsparend verschaltet werden.

Dabei ist der Durchsatz in der industriellen Produktion nur geringfügig niedriger als beim Verlöten der Zellen. Die Zuverlässigkeit der Klebeverbindung wurde...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: Innovatives 3D-Druckverfahren für die Raumfahrt

Auf der Hannover Messe 2018 präsentiert die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), wie Astronauten in Zukunft Werkzeug oder Ersatzteile per 3D-Druck in der Schwerelosigkeit selbst herstellen können. So können Gewicht und damit auch Transportkosten für Weltraummissionen deutlich reduziert werden. Besucherinnen und Besucher können das innovative additive Fertigungsverfahren auf der Messe live erleben.

Pulverbasierte additive Fertigung unter Schwerelosigkeit heißt das Projekt, bei dem ein Bauteil durch Aufbringen von Pulverschichten und selektivem...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: innovative 3D printing method for space flight

At the Hannover Messe 2018, the Bundesanstalt für Materialforschung und-prüfung (BAM) will show how, in the future, astronauts could produce their own tools or spare parts in zero gravity using 3D printing. This will reduce, weight and transport costs for space missions. Visitors can experience the innovative additive manufacturing process live at the fair.

Powder-based additive manufacturing in zero gravity is the name of the project in which a component is produced by applying metallic powder layers and then...

Im Focus: IWS-Ingenieure formen moderne Alu-Bauteile für zukünftige Flugzeuge

Mit Unterdruck zum Leichtbau-Flugzeug

Ingenieure des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) in Dresden haben in Kooperation mit Industriepartnern ein innovatives Verfahren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Konferenz zur Marktentwicklung von Gigabitnetzen in Deutschland

26.04.2018 | Veranstaltungen

infernum-Tag 2018: Digitalisierung und Nachhaltigkeit

24.04.2018 | Veranstaltungen

Fraunhofer eröffnet Community zur Entwicklung von Anwendungen und Technologien für die Industrie 4.0

23.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Der lange Irrweg der ADP Ribosylierung

26.04.2018 | Biowissenschaften Chemie

Belle II misst die ersten Teilchenkollisionen

26.04.2018 | Physik Astronomie

Anzeichen einer Psychose zeigen sich in den Hirnwindungen

26.04.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics