Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Offen und experimentell: Clubs als „Probebühne“ für neue Formen des Zusammenlebens?

27.09.2010
Leben junge Migranten wirklich in ethnischen Gemeinschaften, abgeschottet nach außen, nur unter sich? Oder knüpfen sie ihre sozialen Bindungen nach ganz anderen Kriterien?

Das Team um die Frankfurter Soziologin und Kulturanthropologin Prof. Kira Kosnick untersucht, wie soziale Dynamiken in den ethnisch geprägten Clubszenen der drei europäischen Großstädte Berlin, London und Paris aussehen.

In der neuesten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (2/2010) berichtet sie über erste Ergebnisse ihrer Feldforschung, die mit mehr als 1,2 Millionen Euro über vier Jahre vom Europäischen Forschungsrat gefördert wird.

Während in Berlin türkisch-deutsche Clubnächte vor allem in Innenstadtbezirken wie Kreuzberg lokalisiert sind, finden afrokaribische Events in Paris überwiegend in den »banlieues«, den Vorstädten, statt. In London listen Asian Clubbing Guides sowohl Parties im Ausgehzentrum Soho wie auch in entfernteren Bezirken wie Ealing auf. Was ist alle diesen Veranstaltungen gemein?

Dazu Kosnick: „Sie wenden sich an ähnliche Zielgruppen: unterschiedliche Einwanderergruppen, die in den betreffenden Ländern und urbanen Regionen zahlenmäßig jeweils stark vertreten sind. Die Entstehung von migrantischen beziehungsweise postmigrantischen Clubszenen in Europa ist ein urbanes Phänomen der letzten zehn bis fünfzehn Jahre, das leicht als Phänomen der Trennung verschiedener Ethnien missverstanden werden könnte.“

Aber nur auf den ersten Blick bleiben junge Einwanderer oder junge Menschen aus Einwandererfamilien, die sogenannten „Postmigranten“, vorwiegend unter sich. Kosnick bezweifelt, dass es in der Clubszene solche Gemeinschaften im klassisch soziologischen Sinne als abgegrenzte Sozialgebilde mit klaren Grenzverläufen zwischen denen, die dazu gehören, und denen, die außen stehen, wirklich gibt. „Wir haben bereits im ersten Jahr unserer teilnehmenden Beobachtung festgestellt, dass sich jenseits der institutionellen Bindungen an Familie, Arbeitsplatz oder Schule in den Clubs lose Gesellungsgebilde konstituieren.“ Die Kontakte in den Clubs sind eher unverbindlich, unabgeschlossen und flüchtig, eigentlich so, wie es andere Soziologen schon für andere jugendkulturelle Szenen als „posttraditionale Vergemeinschaftung“ beschrieben haben.

In den Clubszenen verhandeln die jungen Leute auch kulturelle Normen – nicht abstrakt, sondern bezogen auf den Moment: Welche Aufmachung oder welcher Tanzstil gilt in welchem Kontext als sexy, ohne anstößig zu wirken? Wohin kann eine junge Frau aus einer Hindu-Familie mit einem Muslim ausgehen? Darf sich gleichgeschlechtliches Begehren in diesem öffentlichen Raum artikulieren und wie? Welche Formen der Kontaktaufnahme mit Fremden sind an welchen Orten möglich? Die Clubszenen werden zu experimentellen Räumen, in denen sich die jungen Leute mit unterschiedlichem Migrationshintergrund ausprobieren können.

Um Dynamiken und Netzwerke in den Clubszenen und urbanen Räumen in Berlin, London und Paris wissenschaftlich erfassen zu können, tauchen die Wissenschaftlerinnen in diese Szenen ein, machen mit und schauen sich gleichzeitig alles durch ihre wissenschaftliche Brille an. Dazu Meltem Acartürk, Doktorandin im Kosnick-Team, die sich inzwischen in der Kreuzberger Szene zu Hause fühlt: „Ethnografische Methoden sind dabei von größter Bedeutung: teilnehmende Beobachtung im Alltag sowie auf Veranstaltungen vor Ort, Gespräche mit Szenegängern und reflektierende Berichte über die eigene Positionierung als Forscherin.“

Das gesammelte Datenmaterial ist vielfältig: detaillierte Feldnotizen nach jedem Club- oder Barbesuch, aber auch nach relevanten Gesprächen, sei es „face-to-face“, über E-Mail- oder Chatverkehr nehmen den größten Part ein. Darüber hinaus verfolgen die Forscherinnen auch stadt- und kulturpolitische Entwicklungen, beobachten die sozioökonomischen Gegebenheiten in den jeweiligen Szenen. „Ab Januar 2011 beginnen wir die systematische Auswertung der Daten“, so Kosnick. Finanziert wird dieses umfangreiche Forschungsprojekt aus dem Starting Independent Researcher Grant« (Bereich »Social Sciences and Humanities), den der European Research Council (ERC) der Frankfurter Soziologin im Herbst 2008 zuerkannt hatte.

Die soeben erschienene Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (2/2010) widmet sich einer Vielzahl von soziologischen Forschungsthemen, die an der Goethe-Universität und dem Institut für Sozialforschung untersucht werden – aus aktuellem Anlass: 100 Jahre nach seiner Premiere im Oktober 1910 findet der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie wieder in Frankfurt statt. Die Jubiläumstagung vom 11. bis 15. Oktober an der Goethe-Universität hat das Rahmenthema „Transnationale Vergesellschaftungen“. In Zeiten des grenzüberschreitenden gesellschaftlichen Wandels und Wirtschaftslebens fragt die Soziologie nach den Auswirkungen der modernen Verflechtungen auf Staaten, Regionen und die einzelnen Menschen. Das Begleitprogramm enthält öffentliche Veranstaltungen zur Geschichte der Soziologie und zur Entwicklung der akademischen Disziplin in Frankfurt.

Informationen: Prof. Kira Kosnick, Soziologie mit dem Schwerpunkt Kultur und Kommunikation, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Campus Bockenheim, Tel. (069) 069-798-32926, kosnick@em.uni-frankfurt.de

„Forschung Frankfurt“ 2/2010 kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de und als pdf im Internet anschauen: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/2010/index.html

Ulrike Jaspers | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-frankfurt.de
http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/2010/index.html

Weitere Berichte zu: Clubs Clubszenen Dynamiken Kosnick Soziologie Soziologin emotionale Bindung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise