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Ökonomen auf der Suche nach einem neuen Menschenbild

05.07.2012
Der deutsche Nobelpreisträger für Ökonomie und weitere Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik erteilen eindimensionalen Auffassungen vom Menschen eine Absage

Studierende der Wirtschaftswissenschaften zeigen am Ende ihrer Ausbildung deutlich eigennützigere Verhaltensweisen als ihre Kommilitonen anderer Fachrichtungen. Erfüllen sie damit ein beliebtes Klischee oder zeigt sich hier in der Praxis die Wirkung eines Menschenbildes, das im Zentrum ihrer Disziplin steht?

Denn für die Theorie der Wirtschaftswissenschaften maßgebend ist ja das Bild des homo oeconomicus, nach dem der Mensch ein rein zweckrational entscheidendes und stets den eigenen Nutzen maximierendes Wesen ist. Doch was passiert, wenn in der Managerausbildung die Führungskräfte die von Ihnen Geführten tatsächlich als Nutzenmaximierer und Opportunisten sehen und so behandeln. Dies kann im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung dann tatsächlich zu einem egoistischen und opportunistischen Verhalten führen.

Die Frage, inwiefern Menschenbilder das tatsächliche Geschehen in der Wirtschaft prägen, diskutierten die Teilnehmer des Symposions „Menschenbild und Ökonomie“ vom 28. bis 30. Juni 2012 an der Universität Witten/Herdecke. Das Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung und Corporate Governance hatte hierzu namhafte Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Medizin, Ökonomie, Philosophie, Psychologie und Soziologie eingeladen, darunter den einzigen deutschen Wirtschaftsnobelpreisträger Reinhard Selten.

Im Zentrum des Interesses stand dabei insbesondere das für die Wirtschaftswissenschaften zentrale Bild des homo oeconomicus, das nicht erst seit der Finanzkrise im Kreuzfeuer der Kritik steht. Seine Grundannahmen widersprechen sowohl der individuellen Erfahrung als auch wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Festvortrag des Nobelpreisträgers Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Reinhard Selten, einem Pionier auf dem Gebiet der experimentellen Ökonomie, machte deutlich, dass menschliches Verhalten keineswegs durchgängig dem Rationalitätsprinzip folgt. Vielmehr strebt der Mensch als „satisfier not optimizer“ eher zufrieden stellende denn optimale Ergebnisse an.

Dass Rationalität nicht gleich Rationalität ist, zeigten auch die Beiträge von Prof. Dr. Dr. h.c. Gebhard Kirchgässner (Universität St. Gallen) und Prof. Dr. Michael Baurmann (Heinrich-Heine Universität Düsseldorf). Denn vor dem Hintergrund begrenzter Zeitressourcen kann es durchaus rational sein, auf Bauchgefühl und Daumenregeln zu vertrauen. Prof. em. Dr. Dr. h.c. Ekkehard Kappler schließlich erteilte mit seinem Vortrag „Menschenbilder müssen scheitern“ selbigen eine generelle Absage und verwies auf den Menschen als „nicht festgestelltes Tier“ im Sinne Nietzsches.

„Das Menschenbild des Homo oeconomicus wackelt, aber ein neues gibt es noch nicht“, so Prof. Dr. Michèle Morner, die Leiterin des Reinhard-Mohn-Instituts, die gemeinsam mit Prof. Dr. Uwe an der Heiden das Symposion ausrichtete.

Als abschließenden Höhepunkt brachte eine Podiumsdiskussion Wissenschaftler und Führungspraxis zusammen. Moderiert wurde sie von Dr. Uwe Jean Heuser, der nicht nur Experte für menschliches Verhalten im ökonomischen Kontext, sondern sogar ein Schüler des Nobelpreisträgers ist. Alle Bilder vom Menschen in der Wirtschaft - ob homo oeconomicus, homo sociologicus, homo neurobiologicus oder homo sapiens - werden sich immer wieder daran messen müssen, inwiefern sie Theorienbildung und praktischer Anwendung genügen. Dabei sollte – so der Tenor der Diskussion - nie außer Acht gelassen werden, dass das jeweils gewählte Menschenbild auch die Realität beeinflusst. Denn nichts präge eine Gesellschaft so sehr wie ihre Vorstellung vom Menschen. Auch wenn die Theorie vom homo oeconomicus gar keine Aussagen darüber machen wolle, wie der Mensch tatsächlich beschaffen ist oder sein sollte, so beeinflusse sie eben doch unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit, unsere Einstellungen und damit - gewissermaßen durch die Hintertür - unser Verhalten.

Weitere Informationen bei: Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung und Corporate Governance an der Universität Witten/Herdecke

Tel.: 02302 926-542, E-Mail: reinhard-mohn-institut@uni-wh.de, www.reinhard-mohn-institut.de

Zwei Bilder von der Tagung stellen wir bereit zum Download unter: http://www.uni-wh.de/universitaet/presse/presse-details/artikel/oekonomen-auf-der-suche-nach-einem-neuen-menschenbild/

Über uns:
Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) nimmt seit ihrer Gründung 1982 eine Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft ein: Als Modelluniversität mit rund 1.450 Studierenden in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Kultur steht die UW/H für eine Reform der klassischen Alma Mater. Wissensvermittlung geht an der UW/H immer Hand in Hand mit Werteorientierung und Persönlichkeitsentwicklung.

Witten wirkt. In Forschung, Lehre und Gesellschaft.

Kay Gropp | Universität Witten/Herdecke
Weitere Informationen:
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