Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Migration ist eine Chance

24.03.2010
Deutsch-israelischer Forschungsverbund legt Ergebnisse zur Situation von Zuwanderern vor

Seit den 1980er Jahren haben Deutschland und Israel Migranten aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten aufgenommen. "Während die Mehrheit der Zuwanderer ihr Leben in der neuen Heimat meistert, haben sie dennoch mit vielfältigen Problemen zu kämpfen", sagt Prof. Dr. Rainer K. Silbereisen von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Dies zeige sich etwa beim Erreichen von Bildungsabschlüssen oder der Teilhabe an der Zivilgesellschaft, so der Entwicklungspsychologe.

Unter welchen persönlichen Voraussetzungen und gesellschaftlichen Bedingungen die Integration von Migranten gelingt, das hat der deutsch-israelische Forschungsverbund "Migration und gesellschaftliche Integration" untersucht. Das 2006 ins Leben gerufene Konsortium hat etwa 17.000 Personen in Deutschland und Israel befragt und die Situation junger Aussiedler und jüdischer Zuwanderer im Vergleich zu ethnischen Minderheiten und der einheimischen Bevölkerung analysiert. In dem mit rund 3,5 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Verbund sind Psychologen, Soziologen, Erziehungswissenschaftler und Sprachwissenschaftler von 11 deutschen und israelischen Universitäten beteiligt.

Heute (24. März) hat der Forschungsverbund, der von Prof. Silbereisen geleitet wird, die Ergebnisse seiner vierjährigen Arbeit vorgelegt. Demnach kann Migration eine Chance für eine positive Entwicklung junger Menschen sein. Es zeigte sich, dass manche Jugendliche, die in der ehemaligen Sowjetunion gewaltbereit waren, dieses Verhalten nach der Migration nach Deutschland oder Israel aufgegeben haben. Zwar ist ein radikaler Wechsel des Umfelds als Chance auf einen Wechsel der Entwicklungsperspektive bereits aus anderen Zusammenhängen bekannt. Für die besondere Situation der Diaspora-Migranten wurde dies jetzt jedoch erstmals gezeigt.

Eine weitere zentrale Fragestellung war die psychosoziale Entwicklung während wichtiger biografischer Übergänge von der Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter. "Diese Übergänge erfahren zu haben, bedeutet einen Gewinn an sozialer Motivation und Kompetenz sowohl für Migranten als auch Einheimische", sagt Prof. Silbereisen. Allerdings würden bereits bestehende Unterschiede zwischen Migranten und Einheimischen durch diese Erfahrungen nicht verringert.

Schlechtere Leistungen und berufliche Aussichten von Migranten verglichen mit Einheimischen erklären sich, so das deutsch-israelische Forscherkonsortium, vor allem durch Unterschiede im sozialen Status: Jugendliche Migranten streben demnach genauso wie ihre einheimischen Altersgenossen nach hohen beruflichen Zielen.

Für die soziale Identität von Migranten ist es außerdem wichtig, die jeweilige Landessprache zu beherrschen. Dieser Effekt ist in Israel jedoch stärker ausgeprägt als in Deutschland. Während sich Kinder russisch-sprachiger Eltern in Israel selbst eine rein israelische Identität zusprachen, bezeichneten sich Kinder in Deutschland eher als bikulturell russisch/deutsch.

Ein weiterer Komplex der Untersuchung hinterfragte das Verhältnis der Migranten zu gesellschaftlichen Werten, wie Leistung, Konformität oder Selbstbestimmung. Es zeigte sich, dass Werte aus der alten und der neuen Heimat bei Migranten je nach Lebensbereich unterschiedlich handlungsleitend sind. Jugendliche Migranten leben im Vergleich zu einheimischen Altersgenossen in einem ständigen Spannungsfeld teilweise divergierender Wertesysteme. Dies kann im Extremfall zu einem Zerfall ihres Wertesystems und zu geringer Lebenszufriedenheit führen.

"Mit unseren Ergebnissen liegen erstmals umfassende Erkenntnisse zur Situation verschiedener Migrantengruppen in Deutschland und Israel vor", fasst der Leiter des Konsortiums Silbereisen zusammen. Die Ergebnisse belegten, dass die Mehrheit der Zuwanderer und ethnischen Minderheiten sich in der Gesellschaft gut zurechtfindet. Herausforderungen für die Zukunft bestehen vor allem, so der Forschungsverbund, in der unterschiedlichen Verteilung an familiären Ressourcen in Form von Bildung, ökonomischer Lage und sozialen Kontakten zwischen den ethnischen Gruppen, die teils zu einer Ungleichstellung beitragen.

Eine detaillierte Zusammenfassung der Forschungsergebnisse ist unter: http://www.uni-jena.de/unijenamedia/FSUJena_Silbereisen_Zusammenfassung.pdf abrufbar. Zusätzliche Informationen sind zu finden unter: http://www.migration.uni-jena.de

Kontakt:
Prof. Dr. Rainer K. Silbereisen, Dr. Elke Schröder
Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Am Steiger 3 / Haus 1, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945201
E-Mail: rainer.silbereisen[at]uni-jena.de

Dr. Ute Schönfelder | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de
http://www.migration.uni-jena.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Organisch-anorganische Heterostrukturen mit programmierbaren elektronischen Eigenschaften

29.03.2017 | Energie und Elektrotechnik

Klein bestimmt über groß?

29.03.2017 | Physik Astronomie

OLED-Produktionsanlage aus einer Hand

29.03.2017 | Messenachrichten