Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Migration und Bildung: Was Lukas von Murat unterscheidet

13.03.2012
Woran liegt es, dass Schüler mit Migrationshintergrund in zentralen Fächern in der Schule schlechter abschneiden als ihre Klassenkameraden deutscher Herkunft? Das untersuchen Würzburger Bildungsforscher in einer neuen Studie, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung in den kommenden drei Jahren finanziert.

Das lässt sich wohl nicht vermeiden: Wer vom neuesten Forschungsprojekt Würzburger Bildungsforscher hört, muss unweigerlich an Thilo Sarrazin und seine äußerst umstrittene These vom Deutschland, das sich selbst abschafft, denken. Denn im Zentrum dieser Studie stehen Schulleistungen und Bildungslaufbahnen von Schülern mit Migrationshintergrund im Vergleich zu deutschen Schülern. Sarrazin hatte in seinem Buch Migranten muslimischer Herkunft eine „sehr niedrige Bildung“ attestiert.

Leistungsunterschiede sind da

Tatsächlich: „Der Nachweis durchschnittlich geringerer Kompetenzen von Schülern mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Schülern deutscher Herkunft ist in den Fächern Deutsch, Mathematik und den Naturwissenschaften hinreichend erbracht“, sagt Professor Heinz Reinders, Inhaber des Lehrstuhls Empirische Bildungsforschung an der Universität Würzburg und Leiter der Studie. Damit enden allerdings schon die Gemeinsamkeiten zwischen Sarrazin und dem Wissenschaftler.

Während Sarrazin über „Erbfaktoren“ als Hintergrund für ein „Versagen“ türkischer Migranten im deutschen Schulsystem spekuliert, wollen die Würzburger Forscher den Ursachen für diesen Unterschied mit wissenschaftlichen Methoden genauer auf den Grund gehen.

Die Familie macht den Unterschied

Eine ganze Reihe dieser Gründe sind bereits bekannt: „Bildung spielt in Familien mit Migrationshintergrund im Durchschnitt keine so große Rolle wie in deutschen Familien. Kindern aus diesen Familien fehlt es deshalb oft auch an der sprachlichen Kompetenz, um im Unterricht problemlos mithalten zu können“, sagt Reinders. Das Kind, das schon im Grundschulalter von seinen Eltern zum Ballett, Geigenunterricht und dem speziellen Angebot des städtischen Museums angemeldet wird, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit eher deutsche Eltern und nicht türkische.

Ein genauerer Blick auf die Verhältnisse sorgt allerdings für Überraschungen: Wenn das private Umfeld sich gleicht, bringen Migrantenschüler annähernd die gleichen Schulleistungen wie deutsche Schüler, wie aktuelle Studien zeigen. Dann können sich die Verhältnisse sogar umkehren: „Grundschüler türkischer Herkunft mit vergleichbaren Leistungen und Umfeld wechseln häufiger auf das Gymnasium als Gleichaltrige deutscher Herkunft“, sagt Reinders.

Auf der Suche nach weiteren Faktoren

Neben der Tatsache des Migrationshintergrunds und den Bedingungen im Elternhaus – in der Fachsprache „sozio-ökonomischer Status“ genannt – sind die Wissenschaftler auf der Suche nach weiteren Verantwortlichen für den Unterschied der beiden Schülergruppen. Dazu zählen vor allem sogenannte lern- und lernerfolgsrelevante Variablen, die in dem Forschungsprojekt untersucht werden sollen.

„Wir werden den Fokus auf das Streben der Schüler nach Bildung, ihr akademisches Selbstkonzept und ihre Lernmotivation legen“, sagt Reinders. Mit dieser Auswahl von Faktoren folgen die Wissenschaftler bisherigen Befunden der Lehr-Lernforschung; darüber hinaus lassen sich diese Faktoren aus den Pisa-Studien ablesen.

Die Studie

Wie werden die Bildungsexperten dabei vorgehen? „Wir wollen zunächst mit Hilfe der Daten der Pisa-Studie das Zusammenspiel von Streben nach Bildung, akademischem Selbstkonzept sowie Lernmotivation mit den jeweiligen Fachkompetenzen bei Migrantenschülern prüfen“, sagt Reinders. Dabei werden sie auch ein Auge auf den jeweiligen bildungsspezifischen Hintergrund in der Familie werfen. Darüber hinaus werden Reinders und seine Mitarbeiter eine Längsschnittstudie mit zwei Messzeitpunkten entwickeln. Ziel ist es dabei, ein Werkzeug zu konzipieren, das Vorhersagen über die Bildungskarriere von Migranten ermöglicht.

Die Studie „Kompetenzunterschiede und Bildungsgangwechsel bei Schülern mit Migrationshintergrund“ ist für eine Laufzeit von drei Jahren angelegt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert das Projekt mit 250.000 Euro.

Kontakt
Prof. Dr. Heinz Reinders,
T (0931) 318-5563,
heinz.reinders@uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten