Anzeige
Geforscht wird mit Nachdruck, denn das Krankheitsbild ist vielschichtig und die Behandlungsmethoden sind noch immer beschränkt. Um dem Problem beizukommen, denken Ärzte und Politiker immer wieder auch über finanzielle Anreize zum Abnehmen oder zur gesünderen Ernährung nach. Doch lassen sich ausgerechnet Gewichtsprobleme finanziell lösen?
Der Gesundheitsökonom Professor Hans-Helmut König steht Ideen wie Fettsteuer und Zahlungen für verlorene Pfunde kritisch gegenüber. Letztlich sei es weniger das Geld, sondern vielmehr die erworbene Bildung, die schlank mache.
Professor König ist Leiter des Forschungsprojekts "Ökonomie von Übergewicht und Adipositas" des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) AdipositasErkrankungen Leipzig.
Herr Professor König, Sie sind Gesundheitsökonom. Macht Geld schlank?
In den Industriestaaten kommen Übergewicht und Adipositas bei Personen mit niedrigem Einkommen deutlich häufiger vor.
Insofern könnte man zu dem Schluss kommen, dass Geld schlank macht. Eine denkbare Begründung wäre, dass hochkalorische, fettreiche Lebensmittel vergleichsweise billig sind und die Haushaltskasse weniger belasten als etwa Obst und Gemüse, bei denen die Kosten pro Kalorie deutlich höher liegen. Wichtiger ist jedoch in diesem Zusammenhang, dass höhere Einkommen in der Regel eine Folge des erworbenen Bildungsgrades sind. Bildung beeinflusst auch relevante Einstellungen wie das Gesundheitsbewusstsein oder das Ernährungs- und Bewegungsverhalten.
Man kann schon sagen, dass im Allgemeinen das Gesundheitsbewusstsein und damit verbundene gesunde Verhaltensweisen in höheren Bildungsschichten stärker ausgeprägt sind. Soziale Netzwerke können gesundheitsbewusstes Verhalten zusätzlich verstärken. Letztlich macht also weniger das Einkommen als vielmehr die erworbene Bildung schlank. Mehr Geld kann jedoch mehr Möglichkeiten für einen gesunden Lebensstil bieten. Wer mehr Geld verdient, kann sich zum Beispiel ein Haus mit Garten und viel Raum für Bewegung leisten. Und er kann natürlich auch gesündere und oftmals teurere Lebensmittel kaufen.
Halten Sie es denn prinzipiell für möglich, sinnvoll und erfolgversprechend, ökonomische Anreize in die Behandlung von Adipösen zu integrieren?
Die Ergebnisse entsprechender Studien sind bisher leider nicht sehr überzeugend: Es gibt diverse Studien, in denen der Effekt von finanziellen Anreizen auf den Gewichtsverlust analysiert wurde - größtenteils in Kombination mit Verhaltensprogrammen - die nach 12 bzw. 18 Monaten keinen signifikanten Effekt hinsichtlich der Gewichtsreduktion gezeigt haben. Personen, denen finanzielle Anreize angeboten wurden, haben also nicht deutlich mehr Gewicht verloren als Personen, denen man keine finanziellen Anreize geboten hat. Generell hängt die Wirkung solcher Programme aber sicherlich von deren genauen Ausgestaltung und nicht zuletzt von der Höhe der finanziellen Anreize ab. Hier besteht aber noch weiterer Forschungsbedarf. Sind die finanziellen Anreize sehr hoch, so sind die Programme möglicherweise effektiver, aber auch teurer. Dann könnte es sein, dass sich solche Programme einfach nicht rechnen im Vergleich zu verfügbaren Alternativen, wie etwa Verhaltensprogramme ohne finanzielle Anreize oder auch steuerliche Maßnahmen.Wie sähe ein Finanzierungsmodell aus? Ich meine, irgendwoher muss das Geld ja kommen.
Für die Finanzierung eines solchen Programms ließen sich wohl am ehesten Institutionen gewinnen, die von den Effekten profitieren würden. Das könnte sich eventuell für ein Unternehmen lohnen, wenn die Kosten eines solchen Programms durch gesteigerte Produktivität der Mitarbeiter überkompensiert würden. Auch für die Krankenversicherung könnte solch ein Programm interessant sein, wenn sich dadurch medizinische Versorgungskosten einsparen lassen.
Verlassen wir die Subjektebene und schauen uns die ganze Gesellschaft an: In Dänemark gibt es seit diesem Juli eine Fettsteuer. In der Begründung heißt es, Fett schade der Gesundheit, gehöre zu den Hauptursachen für viele Volkskrankheiten und trage so im Gesundheitssystem jährlich zu enormen Kosten bei. Mit der Steuer wolle man daher das Einkaufsverhalten der Verbraucher lenken. Wäre das für Deutschland denkbar? Und: Wäre das die Lösung allen Übels?
Durch eine Besteuerung wird der Preis erhöht, was in der Regel die Nachfrage senkt. Grundsätzlich hat sich dieser Ansatz insbesondere bei Tabakprodukten bewährt. Besonders bei Jugendlichen, die aufgrund ihres geringen Einkommens empfindlicher auf Preissteigerungen reagieren, erzielte die Besteuerung einen Nachfragerückgang. Im Gegensatz zu Tabak und Alkohol sind Fette aber ein wichtiger Bestandteil vieler Grundnahrungsmittel. Die Besteuerung bzw. deren Effekte sind demnach ungleich komplexer und können auch unbeabsichtigte Folgen beinhalten. Die Besteuerung von Grundnahrungsmitteln ist insofern problematisch als sie einkommensschwache Bevölkerungsgruppen stärker belastet und damit als sozial ungerecht betrachtet werden könnte.
Stichwort Tabak- und Alkoholsteuer: Gibt es deswegen weniger Raucher oder Alkoholabhängige?
Wahrscheinlich ja. Die Raucherzahlen nehmen seit vielen Jahren stetig ab, während im gleichen Zeitraum die Tabaksteuer stark zugenommen hat. Neben der höheren Besteuerung gab es jedoch viele weitere Maßnahmen, insbesondere Aufklärungskampagnen und Rauchverbote in öffentlichen Räumen, um die Raucherzahlen zu senken. Die Effekte der einzelnen Maßnahmen auf den Tabakkonsum lassen sich nur schwer voneinander trennen. Ähnlich wird es sich wohl für die Besteuerung von ungesunden Lebensmitteln, wie zum Beispiel von Fett in Dänemark, verhalten. Der Effekt der Besteuerung auf die Gewichtsreduktion lässt sich nur sehr schwer von anderen präventiven Maßnahmen trennen.
Das Interview führte Carmen Brückner.
Zur Person:
Prof. Dr. med. Hans-Helmut König arbeitet am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf im Institut für Medizinische Soziologie, Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie. Er ist Arzt und Gesundheitsökonom.
Sein Forschungsprojekt für das IFB lautet: Ökonomie von Übergewicht und Adipositas. Darin wird untersucht, welche Kosten durch Adipositas für die Gesundheitsversorgung in Deutschland anfallen und wie die Behandlung von Adipositas kosteneffektiver als bisher durchgeführt werden kann.
Das IFB AdipositasErkrankungen ist ein gemeinsames Zentrum der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig und des Universitätsklinikums Leipzig AöR. Es wird als eines von acht Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Ziel der Bundesförderung ist es, Forschung und Behandlung interdisziplinär so unter einem Dach zu vernetzen, dass Ergebnisse der Forschung schneller als bisher in die Behandlung integriert werden können. Das IFB AdipositasErkrankungen betreibt derzeit über 40 Forschungsprojekte und wird mit über 120 Mitarbeitern das Feld der Adipositasforschung und -behandlung in den nächsten Jahren kontinuierlich ausbauen.
Weitere Informationen:
Doris Gabel
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit IFB
Telefon: +49 341 97-13361
E-Mail: presse@ifb-adipositas.de
Susann Huster | Quelle: Universität Leipzig
Weitere Informationen: www.ifb-adipositas.de
Weitere Berichte zu: Adipositas > Anreize für unternehmerisches Verhalten > Besteuerung > Ernährung > Fettsteuer > Gesundheitsbewusstsein > Gesundheitsökonomie > Gewichtsreduktion > IfB > IFB AdipositasErkrankungen > Raucherzahlen > Übergewicht
Arbeitsmarktpolitik für ältere Arbeitslose – Förderung wurde ausgebaut
22.05.2013 | Universität Duisburg-Essen
Fachtagung im Wissenschaftsjahr 2013 - Demografischer Wandel lässt sich gestalten
17.05.2013 | Bundesministerium für Bildung und Forschung
Fraunhofer SCAI zeigt aktuelle Software und Dienstleistungen auf der Messe »transport logistic« in München.
Zur Messe »transport logistic« in München präsentiert das Fraunhofer-Institut für Algorithmen und Wissenschaftliches Rechnen SCAI seine Software-Lösungen und Dienstleistungen auf dem Gebiet der Optimierung. Mit dabei ist die jüngste Version der Software PackAssistant, die weltweit von Unternehmen erfolgreich für die 3D-Verpackungsplanung eingesetzt wird.
PackAssistant berechnet die optimierte Befüllung von Behältern ...
Das an sich harmlose Enzym „Npro“ spielt beim Angriff des Schweinepest-Virus eine Hauptrolle. Gleichzeitig lässt sich das Enzym perfekt für neue Herstellverfahren von medizinischen Wirkstoffen einsetzen.
Die acib-Forschung hat seine Geheimnisse gelüftet und eröffnet damit nicht nur neue Möglichkeiten zum Bekämpfen des Virus, sondern auch für das Herstellen von Protein-Medikamenten – in Form eines "LKW im Mikrobereich".
Die von Viren übertragene Schweinepest gehört zu den gefährlichsten Tierseuchen weltweit und war bisher schwer kontrollierbar. Wie man aus ...
Leichtbau gilt als Schlüsseltechnologie. Wo immer es um geringes Gewicht geht und Massen bewegt werden müssen, sind sie gefragt: Faserverbundwerkstoffe. Doch nicht immer geht es ohne Metall.
Eine Methode, die besten Eigenschaften verschiedener Werkstoffe miteinander zu verbinden, ist die Hybrid-Bauweise. Sinnvolle Kombinationen unterschiedlicher Materialien sind zum Beispiel CFK und Aluminium.
Derzeit erfolgt das Verbinden dieser Komponenten über ein adhäsives oder mechanisches Fügen. Insbesondere im Hinblick auf gewichtsoptimierte, integrale Strukturen mit verbesserten mechanischen Eigenschaften sind jedoch neue Konstruktions- ...
Einen tiefen Einblick in das Wesen quantenmechanischer Phasenübergänge gewannen Innsbrucker Quantenphysiker um Rainer Blatt und Peter Zoller im Labor.
Sie haben als erste Forscher den Kampf gegensätzlicher Dynamiken an einem neuartigen Übergang zweier quantenmechanischer Ordnungen simuliert und berichten darüber in der Fachzeitschrift Nature Physics.
„Bringen wir Wasser zum Kochen, steigen Wassermoleküle als Dampf auf. Eine solche Änderung der physikalischen Ordnung von Materie nennen wir Phasenübergang“, erklärt Sebastian Diehl vom ...
Supraleitungssensoren der PTB ermöglichen hochempfindliche Messungen der magnetischen Kernresonanz dünner Helium-3-Schichten - aktuelle Veröffentlichung in Science
Tieftemperatur-Spezialisten der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) haben mit ihren SQUIDs dazu beigetragen, dass die magnetischen Momente von Atomen des seltenen Isotopes 3He (Helium-3) extrem empfindlich gemessen werden konnten. Mithilfe dieser Sensoren wurden hochempfindliche Kernresonanzspektrometer entwickelt, die jetzt tiefe Einblicke in den Zustand der Materie bei extrem tiefen Temperaturen lieferten.
Konkret sperrte ...
Anzeige
Anzeige

Trockenheit bringt Borneos Bäume gleichzeitig zum Blühen
22.05.2013 | Biowissenschaften Chemie
Drought makes Borneo’s trees flower at the same time
22.05.2013 | Biowissenschaften Chemie
Badegewässer: 94 Prozent erfüllen Mindeststandards
22.05.2013 | Ökologie Umwelt- Naturschutz
Aktuelle Entwicklungen in der Molekularen Katalyse
22.05.2013 | Veranstaltungsnachrichten
7.000 Mediziner treffen sich im CCH-Congress Center Hamburg
22.05.2013 | Veranstaltungsnachrichten
Richtig. Wichtig. Lebenswichtig. - Tag der Organspende
22.05.2013 | Veranstaltungsnachrichten