Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Leere nach der Erziehungshilfe: Unterstützung für Jugendliche aus Pflegefamilien und Heimen

05.12.2013
Care Leaver – den Begriff kennt kaum einer, die Geschichten der Betroffenen auch nicht.

Ein Forscherteam der Universität Hildesheim hat erstmals umfangreichere Daten über die Lebenswege von jungen Leuten in Deutschland erfasst, die nicht in der Herkunftsfamilie aufwachsen.

Bisher lagen kaum Daten vor, wie betreute Wohngruppen, Heime und Pflegefamilien den Übergang junger Menschen ins Erwachsenenleben begleiten. Forscher der Uni Hildesheim und der Fachverband IGfH e.V. fordern, den Übergang von der Erziehungshilfe in die Selbstständigkeit zu verbessern. Außerdem entsteht ein bundesweites Netzwerk von jungen Erwachsenen, die die Uni erreicht haben. Ergebnisse werden am 5.12. vorgestellt.

Sie wachsen im Heim, in der Pflegefamilie, in betreuten Wohngruppen auf; manche haben einschneidende Ereignisse erlebt – Gewalt, Todesfälle in der Familie, Missbrauch. Eine Forschergruppe der Universität Hildesheim geht der Frage nach, was aus Kindern und Jugendlichen wird, die die „stationäre Erziehungshilfe“ verlassen. Im englischsprachigen Raum werden sie als „Care Leaver" (= Menschen, die Hilfen verlassen) bezeichnet. Bisher fehlen in Deutschland Daten über ihren Weg in die Selbständigkeit. Auch die deutsche Kinder- und Jugendhilfestatistik gibt keine genauere Auskunft über ihren Verbleib und berufliche Werdegänge.

Auffällig ist: Die jungen Leute sind überproportional von Bildungsbenachteiligung betroffen. Knapp ein Drittel der jungen Erwachsenen besuchen zum Zeitpunkt der Beendigung der Hilfe weder eine Schule noch machen sie eine Ausbildung oder erhalten eine Berufsförderung. Den Weg in ein Hochschulstudium schaffen ebenfalls deutlich weniger Care Leaver als der Durchschnitt. Und von ihnen wird trotz dieser Bildungsbarrieren früh viel erwartet – Maßstab ist ein selbstständiges Leben im eigenen Wohnraum mit 18 Jahren.

„Die Jugendlichen können in ihrer Bildungslaufbahn nur bedingt auf familiäre Unterstützung zurückgreifen“, sagt Dr. Severine Thomas. „Die Biographien sind sehr unterschiedlich, aber es gibt einen gemeinsamen Nenner: die Hilfen enden abrupt. Von heute auf morgen stecken sie in einer fragilen Lebenslage – in der Regel mit Vollendung des 18. Lebensjahres. Bei vielen bricht das Leben wie ein Kartenhaus zusammen. Denn nach dem Ende der Erziehungshilfe können viele auf kein gesichertes familiäres und sozial gewachsenes Netz zurückgreifen und sind früh auf sich alleine gestellt“, sagt Thomas.

Manche fühlen sich sozial isoliert und in den eigenen vier Wänden nicht wohl, manchen droht der Wohnungsverlust. Andere klopfen bei der Herkunftsfamilie an – und werden enttäuscht. „Wir wissen bisher nicht, was aus den Jugendlichen wird – und vor allem fehlen adäquate Übergangsmodelle“, fasst Severine Thomas zusammen.

Eine Forschergruppe um den Sozialpädagogen Prof. Dr. Wolfgang Schröer von der Universität Hildesheim erhebt seit 2012 gemeinsam mit dem Fachverband „Internationale Gesellschaft für Erzieherische Hilfen“ erstmals im Rahmen eines Monitorings die Lage in Deutschland. In der Studie „Nach der stationären Erziehungshilfe – Unterstützungsmodelle für Care Leaver in Deutschland“ haben die Forscher im In- und Ausland nach gelungenen Übergangsmodellen gesucht. „Die gibt es“, sagt Severine Thomas.

Die Forscher haben zunächst Übergangspraxen in Deutschland erfasst und dabei die Jugendhilfeorganisationen im Blick – so wurden 47 Experteninterviews geführt. Den Übergang in die eigene Wohnung zu erleichtern – das sei bereits üblich, sagen Verantwortliche aus betreutem Wohnen und Erziehungsstellen. So lernen die Jugendlichen, Wäsche zu waschen und mit Finanzen umzugehen.

„Aber es fehlen verlässliche Wegbegleiter – Menschen, die die Jugendlichen auch außerhalb des formalen Hilfesystems unterstützen und sich nach der Jugendhilfe für sie zuständig fühlen“, sagt Thomas. „In kaum einer Einrichtung gibt es die Chance, nach dem Übergang in eine eigene Wohnung vorübergehend in die stationäre Hilfe zurückzukehren“, kritisiert sie. In Krisensituationen wäre dies aber durchaus sinnvoll. In Einzelfällen werde ehrenamtliche Unterstützung durch die Einrichtungsvertreter angeboten, dies ist aber nicht verbindlich und häufig auf einmalige Unterstützung begrenzt. Wie die jungen Menschen nach der Erziehungshilfe ihren Weg weiter gestalten– dazu existieren keine systematischen Informationen.

Parallel zur nationalen Datenerhebung wurden die Praxis der Übergangsbegleitung in anderen Ländern erfasst und Transfermöglichkeiten in das deutsche Hilfesystem geprüft.

Etwa wird in einer Jugendhilfeeinrichtung in der Schweiz daran gearbeitet, dass Menschen, die Kindern nahe stehen wie die Tante oder der Nachbar, schon während der Erziehungshilfe eine stabile Beziehung zu ihnen aufbauen. Diese „persons of reference“ geben den jungen Menschen ein sicheres Gefühl, dass jemand da ist, wenn sie Hilfe brauchen. In Israel unterhält etwa eine Sozialpädagogin ein „offenes Haus“, ein niedrigschwelliges Angebot für Beratung, wo Jugendliche schlafen, essen und sich treffen können. Diese Orte des Zurückkommens sind für Care Leaver wichtige Ressourcen im Übergang. „In Norwegen haben die jungen Erwachsenen Anspruch auf Hilfe bis zum 23. Lebensjahr – dies ist gesetzlich geregelt, das Jugendamt muss begründen, wenn Hilfen früher enden sollen und ist verpflichtet, regelmäßig bei den Betreffenden nachzufragen, was aus ihnen geworden ist und den jungen Menschen auch aufs Neue weitergehende Hilfe anzubieten“, berichtet Severine Thomas.

Damit ist auch denjenigen, die vielleicht vorübergehend müde sind, solche Hilfen zu erhalten, eine weitergehende Hilfe perspektivisch nicht verschlossen. In Deutschland enden Hilfen hingegen mit 18, spätestens mit 21 Jahren, doch diese Zeitspanne wird längst nicht ausgeschöpft. In Großbritannien geht es zum Beispiel um eine ganzheitlichere Lebensplanung (pathway planning). Zwar muss auch in Deutschland mindestens halbjährlich eine „Hilfekonferenz“ stattfinden, in der ein Vertreter des Allgemeinen Sozialdienstes des Jugendamts, die Eltern, eine Betreuungsperson der Einrichtung, natürlich der Jugendliche selbst und ggf. ein Therapeut oder ein Lehrer zusammenkommen, um die weitere Hilfe des Jugendlichen zu „planen“.

Allerdings sind diese Hilfeplangespräche begrenzt auf die Zeit der Erziehungshilfe. Dann endet auch diese Form der Entwicklungs- und Lebensplanung abrupt. Mit dem „Pathwayplanning“ existiert in Großbritannien ein Instrument, das über den engeren Hilfekontext hinaus fortgeschrieben werden muss. Diese Planung ist Teil des Prinzips der „Corporate Parentship“, nach dem die öffentlichen Hilfeinstitutionen all die Unterstützung gemeinschaftlich und stellvertretend anbieten sollen, die normalerweise Eltern für ihre Kinder übernehmen.

In Deutschland verhält es sich mit den Hilfen für junge Erwachsene deutlich anders: „Mit der Volljährigkeit müssen die Care Leaver eigenverantwortlich leben können – ungeachtet ihrer biografischen Voraussetzungen, Schul- und Ausbildungssituation. Jugendämter forcieren diesen Prozess – was sich auch in dem Terminus ‚Verselbstständigung‘ ausdrückt“, sagt Thomas.

Diese Praxis widerspricht dem Trend einer verlängerten Jugendphase und einem längeren Verbleib junger Menschen im elterlichen Haushalt, bevor sie in der Lage sind, ökonomisch und sozial auf eigenen Beinen zu stehen. Im Bundesdurchschnitt ziehen Männer mit etwa 25,1 Jahren, Frauen mit etwa 23,9 Jahren aus dem elterlichen Haushalt aus.

Auch Universitäten beachten diese Lebenslagen kaum, wie aus einem zweiten Forschungsprojekt („Higher Education without Family Support“) hervorgeht. Einige schaffen es dennoch an die Hochschulen. Eine Forschergruppe der Universität Hildesheim baut gemeinsam mit Studierenden aus ganz Deutschland seit 2012 das bundesweite Netzwerk „Care Leavers in Deutschland" auf. Sie entwickeln Informationsmaterial, einen Flyer, drehen einen Film und geben Tipps, zum Beispiel, wie man einen Bafög-Antrag stellen kann, ohne die Einkommensnachweise der Eltern vorlegen zu müssen.

Mit 17 Studierenden wurden biografische Interviews geführt. In einer Studie mit rund 250 Jugendlichen, die derzeit in Jugendhilfeeinrichtungen leben, untersuchen die Sozialpädagogen zudem, welche Unterstützung die 16-Jährigen auf ihrem Bildungsweg erhalten und welche Erwartungen an sie gestellt werden. Ergebnisse werden im Frühjahr 2014 erwartet.

Am 5. Dezember stellen die Universität Hildesheim und die IGFH die Forschungsergebnisse auf einer Konferenz in Berlin vor. Ergebnisse werden für die Jugendpolitik aufbereitet. Am gleichen Wochenende findet das nächste Treffen des Care Leaver-Netzwerks statt. Weitere Forschungsergebnisse werden 2014 erwartet.

Programm und Ort der Konferenz am 05.12.2013 in Berlin:
http://www.uni-hildesheim.de/media/presse/Ergebnisse_Berlin_
Was_kommt_nach_der_Erziehungshilfe_Uni_Hildesheim.pdf
Gespräche mit den Forschern und betroffenen jungen Erwachsenen sind ab 9:00 Uhr möglich.
Weitere Informationen zu den zwei Forschungsprojekten:
„Nach der stationären Erziehungshilfe – Care Leaver in Deutschland. Internationales Monitoring und Entwicklung von Modellen guter Praxis zur sozialen Unterstützung für Care Leaver beim Übergang ins Erwachsenenalter"

http://www.uni-hildesheim.de/careleaver

„Higher Education without Family Support. Junge Erwachsene mit Jugendhilfe-erfahrung an deutschen und israelischen Hochschulen“

http://www.uni-hildesheim.de/hei-careleavers

Film des Careleaver-Netzwerks:
Kurzinfo über das Netzwerk ab Min 6:30; Biographien von Studenten ab Min 10:30):

http://www.uni-hildesheim.de/media/fb1/sozialpaedagogik/Forschung/care_leaver/careleaver_HDTV.mp4

Betroffene Jugendliche und Studierende können sich wenden an:
Benjamin Strahl (E-Mail strahl@uni-hildesheim.de) und Katharina Mangold (E-Mail mangoldk@uni-hildesheim.de) vom Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim. Die beiden Wissenschaftler begleiten das Netzwerk.
Kontakt zu den Forschern:
Pressestelle
Universität Hildesheim
Isa Lange
presse@uni-hildesheim.de
05121.883-90100 und 0177.8605905
Weitere Informationen:
http://www.uni-hildesheim.de/careleaver
- Forschungsprojekt der Uni Hildesheim und der IGfH „Nach der stationären Erziehungshilfe – Care Leaver in Deutschland"
http://www.uni-hildesheim.de/hei-careleavers
- Forschungsprojekt der Uni Hildesheim „Higher Education without Family Support. Junge Erwachsene mit Jugendhilfeerfahrung an Hochschulen“
http://www.igfh.de/cms/
- Fachverband IGfH

Isa Lange | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hildesheim.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Smarte Sensoren für effiziente Prozesse

Materialfehler im Endprodukt können in vielen Industriebereichen zu frühzeitigem Versagen führen und den sicheren Gebrauch der Erzeugnisse massiv beeinträchtigen. Eine Schlüsselrolle im Rahmen der Qualitätssicherung kommt daher intelligenten, zerstörungsfreien Sensorsystemen zu, die es erlauben, Bauteile schnell und kostengünstig zu prüfen, ohne das Material selbst zu beschädigen oder die Oberfläche zu verändern. Experten des Fraunhofer IZFP in Saarbrücken präsentieren vom 7. bis 10. November 2017 auf der Blechexpo in Stuttgart zwei Exponate, die eine schnelle, zuverlässige und automatisierte Materialcharakterisierung und Fehlerbestimmung ermöglichen (Halle 5, Stand 5306).

Bei Verwendung zeitaufwändiger zerstörender Prüfverfahren zieht die Qualitätsprüfung durch die Beschädigung oder Zerstörung der Produkte enorme Kosten nach...

Im Focus: Smart sensors for efficient processes

Material defects in end products can quickly result in failures in many areas of industry, and have a massive impact on the safe use of their products. This is why, in the field of quality assurance, intelligent, nondestructive sensor systems play a key role. They allow testing components and parts in a rapid and cost-efficient manner without destroying the actual product or changing its surface. Experts from the Fraunhofer IZFP in Saarbrücken will be presenting two exhibits at the Blechexpo in Stuttgart from 7–10 November 2017 that allow fast, reliable, and automated characterization of materials and detection of defects (Hall 5, Booth 5306).

When quality testing uses time-consuming destructive test methods, it can result in enormous costs due to damaging or destroying the products. And given that...

Im Focus: Cold molecules on collision course

Using a new cooling technique MPQ scientists succeed at observing collisions in a dense beam of cold and slow dipolar molecules.

How do chemical reactions proceed at extremely low temperatures? The answer requires the investigation of molecular samples that are cold, dense, and slow at...

Im Focus: Kalte Moleküle auf Kollisionskurs

Mit einer neuen Kühlmethode gelingt Wissenschaftlern am MPQ die Beobachtung von Stößen in einem dichten Strahl aus kalten und langsamen dipolaren Molekülen.

Wie verlaufen chemische Reaktionen bei extrem tiefen Temperaturen? Um diese Frage zu beantworten, benötigt man molekulare Proben, die gleichzeitig kalt, dicht...

Im Focus: Astronomen entdecken ungewöhnliche spindelförmige Galaxien

Galaxien als majestätische, rotierende Sternscheiben? Nicht bei den spindelförmigen Galaxien, die von Athanasia Tsatsi (Max-Planck-Institut für Astronomie) und ihren Kollegen untersucht wurden. Mit Hilfe der CALIFA-Umfrage fanden die Astronomen heraus, dass diese schlanken Galaxien, die sich um ihre Längsachse drehen, weitaus häufiger sind als bisher angenommen. Mit den neuen Daten konnten die Astronomen außerdem ein Modell dafür entwickeln, wie die spindelförmigen Galaxien aus einer speziellen Art von Verschmelzung zweier Spiralgalaxien entstehen. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Astronomy & Astrophysics veröffentlicht.

Wenn die meisten Menschen an Galaxien denken, dürften sie an majestätische Spiralgalaxien wie die unserer Heimatgalaxie denken, der Milchstraße: Milliarden von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresbiologe Mark E. Hay zu Gast bei den "Noblen Gesprächen" am Beutenberg Campus in Jena

16.10.2017 | Veranstaltungen

bionection 2017 erstmals in Thüringen: Biotech-Spitzenforschung trifft in Jena auf Weltmarktführer

13.10.2017 | Veranstaltungen

Tagung „Energieeffiziente Abluftreinigung“ zeigt, wie man durch Luftreinhaltemaßnahmen profitieren kann

13.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

ESO-Teleskope beobachten erstes Licht einer Gravitationswellen-Quelle

16.10.2017 | Physik Astronomie

Was läuft schief beim Noonan-Syndrom? – Grundlagen der neuronalen Fehlfunktion entdeckt

16.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Gewebe mit Hilfe von Stammzellen regenerieren

16.10.2017 | Förderungen Preise