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Was kommt nach der Heimerziehung? Kaum Unterstützung beim Übergang ins Erwachsenenleben

19.02.2013
In Deutschland wissen wir nur wenig darüber, was im späteren Leben aus den Kindern und Jugendlichen wird, die in der Heimerziehung oder Pflegefamilien aufgewachsen sind. Zudem haben wir keine hinreichende Infrastruktur, die sie beim Übergang ins Erwachsenenleben auch nach Beendigung der Hilfe unterstützt.
Darüber beraten internationale Fachleute am 25. und 26. Februar 2013 in Frankfurt auf Einladung der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen und des Instituts für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim. Die Ergebnisse werden für die Kinder- und Jugendhilfe und Jugendpolitik in Deutschland aufbereitet.

In Deutschland wachsen gegenwärtig ca. 100.000 Kinder und Jugendliche auf, die durch stationäre Erziehungshilfen oder Pflegefamilien betreut werden. Im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe wurden ausdifferenzierte Angebotsformen von erzieherischen Hilfen entwickelt, die keineswegs mehr dem traditionellen Bild der Heimerziehung entsprechen. Dieses Bild der Erziehungsanstalten ist zwar, auch im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen von Heimkindern, noch weit verbreitet, trifft aber kaum mehr die Wirklichkeit der Erziehungshilfen.

Heute geben die Kommunen und Bundesländer ungefähr 4 Milliarden Euro für diese Hilfen aus. Im Gegensatz zu dieser gut ausgebildeten und sehr dynamischen Infrastruktur innerhalb der Erziehungshilfen verwundert es allerdings, dass in Deutschland nur ein geringes Interesse an der späteren Lebenssituation dieser Kinder und Jugendlichen besteht. So existieren kaum neuere Untersuchungen, die Auskunft darüber geben können, wie junge Menschen den Übergang ins Erwachsenenalter aus stationären Erziehungshilfen heraus meistern.

Doch es fehlt nicht nur an Wissen. Gleichzeitig wird bei der Gewährung von Erziehungshilfen nur wenig berücksichtigt, dass junge Erwachsene heute durchschnittlich bis weit in das dritte Lebensjahrzehnt hinein Unterstützung durch ihre Familien oder andere Netzwerke bekommen – während ihrer Berufsausbildung, im Studium, bei der Familiengründung oder als junge Eltern.
Diese Hilfen stehen den jungen Erwachsenen, die in öffentlicher Verantwortung aufgewachsen sind, nur selten in vergleichbarer Form zur Verfügung. Zwar gibt es in Deutschland auch Hilfen für junge Volljährige, doch insgesamt werden diese kaum als selbstverständliche Unterstützungsstruktur für junge Erwachsene betrachtet. Damit unterliegen junge Menschen in Erziehungshilfen einer doppelten Benachteiligung: Sie sind aufgrund ihrer Herkunftssituation auf öffentliche Erziehungshilfen angewiesen, können aber gleichzeitig als junge Erwachsene nicht auf eine in Familien übliche Unterstützung auf dem Weg in ein selbstständiges Leben bauen.

In anderen Ländern ist dieses anders: In Kanada ist jüngst eine Initiative für ehemalige Kinder und Jugendliche aus Erziehungshilfen, sogenannte Care Leavers, gestartet worden, mit dem Slogan: „25 ist die neue 18“. Entsprechend sollen Hilfen nicht mehr automatisch mit der Volljährigkeit beendet, sondern eine Infrastruktur aufgebaut werden, die z.B. die Weiterbildung und die Einmündung in die Erwerbsarbeit sichert. In England werden die lokalen Behörden verpflichtet, einen Übergangsplan mit den jungen Menschen zu entwerfen. Sie müssen, zumindest bis zum 21. Lebensjahr, immer wieder bei den jungen Menschen nachfragen, wie die Zeit nach der Unterbringung in Erziehungshilfen bewältigt wurde.

Vor diesem Hintergrund veranstalten die Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) und das Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim am 25. und 26. Februar 2013 einen internationalen Expertenworkshop in Frankfurt, auf dem Expertinnen und Experten aus zehn Ländern darüber beraten, wie die Infrastruktur für Care Leavers in Deutschland weiterentwickelt werden kann. Die Tagung wird durch die Stiftung Deutsche Jugendmarke unterstützt. Es nehmen Experten teil aus Bulgarien, Norwegen, Rumänien, Israel, England, USA, Irland, Kroatien, Niederlande, Ungarn, Finnland, Schweiz, Deutschland.
Die Ergebnisse werden anschließend für die Kinder- und Jugendhilfe sowie für die Jugendpolitik in Deutschland aufbereitet.

ANSPRECHPARTNER:

Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGFH)
Prof. Dr. Dirk Nüsken (nuesken@efh-bochum.de)
Josef Koch (josef.koch@ighf.de)
Britta Sievers (britta.sievers@igfh.de)

Universität Hildesheim
Prof. Dr. Wolfgang Schröer (schroeer@uni-hildesheim.de)
Dr. Severine Thomas (thomass@uni-hildesheim.de)
Dr. Maren Zeller (Zeller@uni-hildesheim.de)

KONTAKT:
über die Pressestelle der Uni Hildesheim
(Isa Lange, 0177.8605905, 05121.883-102)

INFO FORSCHUNGSPROJEKT:
Nach der Jugendhilfe an die Hochschule?!
Was passiert mit Kindern und Jugendlichen nach der stationären Jugendhilfe? In Kooperation mit Studierenden und Wissenschaftler_innen aus Israel entwickelt eine Forschergruppe der Uni Hildesheim bis 2014 ein Unterstützungsnetzwerk für Studierende. Erstmals wird in Deutschland systematisch untersucht, vor welchen Herausforderungen die jungen Erwachsenen stehen. Hochschulen beachten diese kaum, kritisieren die Forscher.

http://www.uni-hildesheim.de/index.php?id=4325&tx_ttnews[tt_news]=6189&cHash=ff7ee3412d83e7fd198b6847810088e9

Weitere Informationen:

https://www.uni-hildesheim.de/index.php?id=714
- Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim

http://www.igfh.de/cms/
- Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (DGfH)

Isa Lange | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hildesheim.de/

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