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Wenn Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen – Soziale Elternschaft in Westafrika

13.02.2014
In weiten Teilen Westafrikas ist es seit Jahrhunderten alltäglich, dass Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern, sondern bei Pflegeeltern aufwachsen.

Dies gilt insbesondere auch für die Baatombu, eine Volksgruppe im Norden Benins. In ihrer neuen Monographie „Soziale Elternschaft im Wandel. Kindheit, Verwandtschaft und Zugehörigkeit in Westafrika“, die aus einer mehr als 20jährigen Forschungsarbeit hervorgegangen ist, zeichnet die Bayreuther Sozialanthropologin Prof. Dr. Erdmute Alber ein detailliertes Bild des aus europäischer Sicht ungewohnten Phänomens der Kindspflegschaft. Dabei wirft sie Fragen auf, die auch für die Diskussionen um Familie und Elternschaft in Europa interessant sind.

„In der Mitte der Gesellschaft“: Kindspflegschaften in Benin

„In Europa und Amerika gilt es heute als selbstverständlich, dass Kinder zu ihren leiblichen Eltern gehören und von diesen versorgt werden. Doch diese Sichtweise ist erst 150 Jahre alt“, erklärt die Autorin. „Während meiner Forschungsaufenthalte hat sich deutlich gezeigt, dass die Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen der westafrikanischen Baatombu von einer völlig anderen Tradition geprägt sind. Kinder leben hier über viele Jahre ganz selbstverständlich bei Pflegeeltern, ohne dass die leiblichen Eltern aufgrund von Krisensituationen genötigt wären, ihre Kinder in deren Obhut zu geben.

Die Begriffe ‚Soziale Elternschaft’ und ‚Kindspflegschaft’ sind – im Vergleich zu anderen Termini – noch am besten geeignet, diesen Sachverhalt zum Ausdruck zu bringen. Man muss dabei nur den Gedanken an medizinisch oder rechtlich begründete Ausnahmesituationen fernhalten und die soziale Elternschaft als eine anerkannte familiäre Praxis verstehen.“

Kriterien und Gründe für die soziale Elternschaft

Wenn bei den Baatombu ein Kind von dessen leiblichen Eltern in Pflege gegeben wird, wechselt in der Vorstellung aller Beteiligten die soziale Zugehörigkeit des Kindes. Es gehört nun zu einer erwachsenen Person, die in der Regel drei Kriterien erfüllt: Sie hat das gleiche Geschlecht wie das Kind; sie ist mit dem Kind und seinen Eltern verwandt; dabei ist sie in der verwandtschaftlichen Hierarchie den Eltern des Kindes übergeordnet.

Vor allem drei Gründe veranlassen die leiblichen Eltern zur räumlichen Trennung von ihren Kindern: Zunächst soll der generationenübergreifende Zusammenhalt innerhalb eines Familienverbandes gestärkt werden. Darüber hinaus ist bei den Baatombu die Vorstellung verbreitet, dass die soziale Elternschaft und die damit verbundene Distanz von der leiblichen Mutter den Reifungsprozess der Kinder fördern. Hinzu kommt die Auffassung, dass Kinder keinen angemessenen Respekt gegenüber den Hierarchien innerhalb des Familienverbandes entwickeln, wenn sie in einer zu engen Beziehung zu ihren leiblichen Eltern leben.

Der Beginn der Kindspflegschaft: ein neuer Lebensabschnitt

Die Kindspflegschaft beginnt in der Regel damit, dass Verwandte, welche die Kriterien für eine soziale Elternschaft erfüllen, ihr Interesse gegenüber den leiblichen Eltern bekunden. Es gilt als respektlos, wenn diese sich einer „Herausgabe“ ihres Kindes verweigern. Diese ungeschriebenen Normen lassen den Eltern wenig Spielraum, die Aufstiegschancen ihrer leiblichen Kinder durch die Auswahl von Pflegefamilien zu beeinflussen. Dennoch gelingt ihnen dies oftmals auf verdeckte Weise durch das frühzeitige Knüpfen geeigneter Kontakte. Wie Erdmute Alber zeigt, hat der Wechsel eines Kindes in eine Pflegefamilie, auch hinsichtlich der damit verbundenen Rituale, Ähnlichkeiten mit dem Wechsel einer jungen Frau in die Familie ihres Ehemannes.

Die Vorstellung, die Kinder könnten durch die langjährige Trennung von den leiblichen Eltern und Geschwistern traumatisiert und in ihrer seelischen Entwicklung gestört werden, liegt den Baatombu fern. Derartige Leidenserfahrungen scheinen insgesamt eher selten zu sein. „Als bemerkenswert erlebte ich in den Gesprächen, dass die überwiegende Mehrheit der erwachsenen ehemaligen Pflegekinder ihre Pflegschaftserfahrungen und die Zeit der Pflegschaft nicht bereut“, berichtet die Autorin.

Ambivalenz der biologischen Elternschaft

Auffällig ist bei den Baatombu die ambivalente Einstellung gegenüber der biologischen Elternschaft. Einerseits werden leibliche Kinder als Ausdruck einer gelingenden Ehe angesehen; freiwillige Kinderlosigkeit gilt als unvorstellbar oder sogar als unanständig. Nach der Übergabe der eigenen Kinder in eine Pflegefamilie behalten die biologischen Eltern eine gewisse soziale Funktion, beispielsweise als Namensgeber oder auch als Krisenheimat. Andererseits schämen sich Eltern vor einer Zurschaustellung ihrer Bindungen an ihre leiblichen Kinder, weshalb Frauen früher vorzugsweise allein entbanden. Emotionale Bindungen werden öffentlich nicht gezeigt, persönliche Kontakte zu leiblichen Kindern im Verborgenen gehalten. Daher werden auch die Heiraten der Kinder in der Regel von den sozialen Eltern und nicht von den leiblichen Eltern arrangiert.

Ethnologische Feldforschung und persönliche Lebenserfahrungen

Die Bayreuther Ethnologin hat ihre detaillierten Forschungsergebnisse aus jahrzehntelangen Beobachtungen, Gesprächen und aufgezeichneten Lebensgeschichten gewonnen. „Es ging mir darum, aufmerksam und beobachtend am Alltag der Menschen teilzunehmen. Ich begleitete sie bei Verwandtenbesuchen, Zeremonien und Festen und erlebte Geburten, Initiationsriten und Konfliktsituationen mit“, so die Autorin. Vor diesem Hintergrund setzt sie sich kritisch mit Deutungen von Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen auseinander, die bisher in ihrem Fach dominierten und von der ethnologischen Forschung insbesondere in Großbritannien und Frankreich geprägt sind.

Die neuen Analysen zur sozialen Elternschaft in Westafrika sind aber nicht nur aus der distanzierten Perspektive wissenschaftlicher Feldforschung, sondern auch aus privaten Erfahrungen und Bindungen hervorgegangen. Während eines längeren Forschungsaufenthalts baute die Bayreuther Wissenschaftlerin in einem Dorf der Untersuchungsregion ein Haus und entwickelte immer stärkere Beziehungen zur Dorfgemeinschaft. Sie selbst hat dabei – im Kontrast zur traditionell geforderten Gleichgeschlechtlichkeit von Pflegekindern – die soziale Elternschaft für den Sohn einer befreundeten Familie übernommen und dessen Schulbildung ermöglicht.

Soziale Elternschaft im politischen und gesellschaftlichen Wandel

Seit dem Beginn der Kolonialzeit bis heute haben sich die familiären Beziehungen in Benin nicht unerheblich gewandelt. Unter dem Einfluss der französischen Kolonialmacht und später wiederum nach der staatlichen Unabhängigkeit änderten sich sowohl soziale Normen als auch die Praxis der Kindspflegschaft. Diesen Entwicklungen ist der letzte Teil des Buches gewidmet, für den die Autorin zahlreiche Quellen aus dem beninischen Nationalarchiv ausgewertet und die Lebensgeschichten sehr alter Menschen herangezogen hat. „Die Geschichte der Kindheit bei den Baatombu ist zugleich ein Teil der Geschichte der sich wandelnden Staatlichkeit und ihrer Wechselwirkung mit den sich wandelnden Familienbeziehungen“, so die Autorin.

Eine wesentliche Bedingung des Wandels ist die Ausdifferenzierung zwischen städtischen und ländlichen Lebensformen, aber auch der Zugang zu neuen Kommunikationstechnologien, die ständige Kontakte zwischen den leiblichen Eltern und den Haushalten der Pflegeeltern ermöglichen. Die steigende Zahl von Kindern und Jugendlichen, die in den städtischen Zentren Benins eine Schule besuchen oder eine berufliche Ausbildung absolvieren, lässt es für die in den Dörfern lebenden Verwandten zunehmend fraglich erscheinen, dass sich die Übernahme einer Kindspflegschaft heute noch ‚lohnt’. Der soziale Aufstieg durch Bildung und Ausbildung wirkt oftmals einer lebenslangen Bindung an die Pflegeeltern entgegen.

„Formen und Funktionen der sozialen Elternschaft sind heute nicht mehr selbstverständlich gegeben, sondern müssen neu ausgehandelt werden“, resümiert Erdmute Alber und kommt zu dem Schluss: „Angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der Kinder in Westafrika bei anderen als den leiblichen Eltern aufwachsen, erscheinen die deutschen Diskussionen um die ‚Gefahren‘ der Kinderbetreuung oder auch die vermeintlich negativen Effekte von Patchwork-Familien in einem ganz anderen Licht.“

Veröffentlichung:

Erdmute Alber,
Soziale Elternschaft im Wandel
Kindheit, Verwandtschaft und Zugehörigkeit in Westafrika
Berlin 2014, 426 S.
Kontaktadresse für weitere Informationen:
Prof. Dr. Erdmute Alber
Lehrstuhl für Sozialanthropologie
Universität Bayreuth
D-95440 Bayreuth
Telefon: +49 (0)921 55 4115 (Sekretariat)
E-Mail: erdmute.alber@uni-bayreuth.de
Hintergrund-Info:
Die Baatombu leben größtenteils im Nordosten der Republik Benin, in einer Region, die unter dem historischen Namen „Borgu“ bekannt ist und sich auch auf nigerianisches Staatsgebiet erstreckt. Viele Menschen arbeiten noch heute als Ackerbauern in Dörfern, die in der Regel aus wenigen Gehöften bestehen. Zugleich aber ist die Zahl der Baatombu, die in den Städten als Handwerker oder in modernen Ausbildungsberufen tätig sind, in den letzten Jahrzehnten stetig gestiegen. Eine Volkszählung im Jahr 2002 ergab, dass in Benin rund 564.000 Personen leben, die der Volksgruppe der Baatombu angehören – ohne dass sie dabei eine homogene ethnische Gemeinschaft bilden.

Christian Wißler | Universität Bayreuth
Weitere Informationen:
http://www.uni-bayreuth.de

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