Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kasseler Studie: Private Vorsorge macht Ruhestand oft unsicherer

14.10.2014

Die Teilprivatisierung der Altersvorsorge macht den Ruhestand großer Bevölkerungsschichten unsicherer und wird darüber hinaus zu Altersarmut sowie neuartigen Formen sozialer Ungleichheit führen. Zu diesem Ergebnis kommen die Kasseler Soziologen Prof. Dr. Ingo Bode und Felix Wilke in einer empirisch unterfütterten Studie des deutschen Alterssicherungssystems gut ein Jahrzehnt nach den sogenannten Riester-Reformen. Ein Grund: Die Art und Weise, wie sich die Bürgerinnen und Bürger auf dem Vorsorgemarkt orientieren, entspricht nicht dem, wovon die Reformer ausgegangen sind.

„Dem Einstieg in die private Vorsorge als Standardsäule des Rentensystems liegt eine Illusion zugrunde“, erklärt Prof. Dr. Ingo Bode, der an der Universität Kassel das Fachgebiet Sozialpolitik leitet, „nämlich die Vorstellung, die Menschen würden vor dem Abschluss einer Police ausgiebig den Markt sondieren, Optionen vergleichen und dann eigenständig ein passendes Produkt auswählen.“


Prof. Dr. Ingo Bode (Foto: privat)

Die Wirklichkeit ist aber eine andere, wie die Ergebnisse der soeben im Campus Verlag erschienenen Untersuchung vor Augen führen. Die beiden Wissenschaftler belegen, dass Sachargumente oft nicht ausschlaggebend sind. Die Materie sei zu komplex, außerdem ließe sich die ferne Zukunft ohnehin kaum planen – dafür sei das Leben schlicht zu wechselhaft.

Entsprechend suchten die Menschen in ihrem sozialen Umfeld sowie bei Beratern von Banken und Versicherungen nach Orientierung und werden von diesen beeinflusst. Bode und Wilke haben für ihre Studie in den vergangenen zweieinhalb Jahren Bürger zu ihrer Vorsorgesituation interviewt, Berater von Verbraucherzentralen befragt und Längsschnitterhebungen ausgewertet. Die Untersuchung wurde vom Forschungsnetzwerk Alterssicherung der Deutschen Rentenversicherung Bund gefördert.

Die Beratung durch Banken und Versicherungen vollziehe sich meist in auf Dauer angelegten Geschäftsbeziehungen, so die Autoren weiter. Dies stehe anbieterübergreifenden Produktvergleichen im Wege. „Die Behauptung, mit ein wenig Nachhilfe könne sich das Gros der Bevölkerung in der Unübersichtlichkeit des Alterssicherungsmarktes zielsicher orientieren und das gewünschte Absicherungsniveau erreichen, steht nach unseren Erkenntnissen auf tönernen Füßen“, so Bode.

Mit dem neuen Rentenmodell lasse sich eine Alterssicherung auf einem Niveau und in einer Sicherheit, wie sie lange der Normalfall war, in der Breite nicht mehr gewährleisten. Es erzeuge – weil vieles dem Zufall oder dem Gebaren von Finanzdienstleistern überlassen bliebe – neue Ungleichheiten. Nicht zuletzt steige das Armutsrisiko im Alter.

„Das neue deutsche Rentenmodell ist auf Sand gebaut"

Zudem wecke die internationale Fachdebatte begründete Zweifel an der häufig vorgebrachten These, dass das sogenannte Kapitaldeckungsverfahren (die finanztechnische Basis der privaten Vorsorge) langfristig eine verlässliche Versorgung der Ruheständler sichern kann.

„Die Finanzkrise und das niedrige Zinsniveau haben das Strukturproblem der privaten Rente zu Tage gefördert: Eine dem Finanzmarkt überlassene Altersvorsorge kann keine Zukunftssicherheit schaffen, vielmehr zeigt sich jetzt, dass sie mit erheblichen Risiken für die Sparer und die Volkswirtschaft behaftet ist“, warnt Bode.

Dass dies alles von der Bevölkerung so gewollt gewesen sei, müsse ebenfalls bezweifelt werden: „Der Weg in die Teilprivatisierung wurde im öffentlichen Diskurs als unumgehbar dargestellt, aber die breite Bevölkerung erwartet vom Staat noch immer eine Lebensstandardsicherung im Alter.“ Weil diese mit dem neuen Modell für viele unerreichbar sei, werde die Rentenpolitik auch zukünftig permanent unter Handlungsdruck stehen. Bode resümiert deshalb: „Das neue deutsche Rentenmodell ist auf Sand gebaut und wird auch auf längere Sicht keine feste Verankerung erfahren.“

Ingo Bode und Felix Wilke (2014): Private Vorsorge als Illusion. Rationalitätsprobleme des neuen deutschen Rentenmodells, Frankfurt: Campus Verlag.


Kontakt:
Prof. Dr. Ingo Bode
Universität Kassel
FB 1 – Humanwissenschaften
Fachgebiet Sozialpolitik
Tel.: +49 561 804-2923
E-Mail: ibode@uni-kassel.de

Weitere Informationen:

http://www.uni-kassel.de/uni/nc/universitaet/nachrichten/article/kasseler-studie...

Sebastian Mense | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise