Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kasseler Soziologen: Regelflut behindert Jugendämter

08.08.2013
Wenn Kinder Gewalt erfahren, wird schnell den Jugendämtern Versagen vorgeworfen. Doch an die Ämter werden Erwartungen gestellt, die sie derzeit gar nicht erfüllen können, sagen Kasseler Wissenschaftler – und Reformen verkomplizierten die Lage noch.

Das Thema ist bedrückend, die Reaktion oftmals reflexhaft: Werden Kinder im Familienumfeld vernachlässigt, misshandelt, gar tot aufgefunden, erhebt die Presse schnell Vorwürfe gegen die zuständigen Jugendämter: Zu spät reagiert, falsch reagiert, gar nicht reagiert, heißt es dann oft in Großbuchstaben.

In anderen Fällen wird die entgegengesetzte Kritik laut: dass nämlich Jugendämter vorschnell in das Erziehungsrecht von Eltern eingriffen. Wissenschaftlich ist bislang nur spärlich untersucht worden, wie handlungsfähig Jugendämter und andere intervenierende Organisationen tatsächlich sind – jenseits von Einzelfällen individuellen Fehlverhaltens durch Mitarbeiter.

Prof. Dr. Ingo Bode, Leiter des Fachgebiets Sozialpolitik am Institut für Sozialwesen der Universität Kassel, hat gemeinsam mit dem Soziologen Hannu Turba im Zuge des Forschungsprojekts „SKIPPI – Sozialsystem, Kindswohlgefährdung und Prozesse professioneller Interventionen“ eine Bestandsaufnahme gemacht. Das Ergebnis: Jugendämter bewegten sich in einem Feld von widerstreitenden Ansprüchen, Erwartungen und Rahmenbedingungen – und paradoxerweise verschärfen jene Reformversuche, mit denen die Politik seit einiger Zeit auf tragische Vorkommnisse reagiert, die Lage noch weiter.

Die organisierte Jugendhilfe bewege sich in einem Gewirr von Regeln, Rechtsgütern und Zuständigkeiten, erklären die Forscher. Zudem werde an die Jugendämter gleichzeitig unvereinbare Erwartungen gestellt: einerseits ein Wächteramt auszuüben, andererseits Familien zu erziehen. „Der Verlauf von Betreuungsfällen ist kaum vorhersehbar; die Entwicklung der betreuten Kinder ist oft sprunghaft, viele Eltern geben diffuse Signale von sich“, sagt Bode, der daher von den Betreuungsfällen als „moving targets“ spricht, auf die die Jugendhilfe häufig nur ad hoc reagieren könne. Im Gegensatz dazu stehen Organisationsvorgaben und die Ressourcenausstattung in den Ämtern, die diese Wirklichkeit unzureichend berücksichtigten. Dieses Spannungsfeld spitze sich gegenwärtig noch zu: Durch einen inzwischen in der Medienöffentlichkeit immer wieder vorgetragenen „Defizitverdacht“ gerieten die Ämter zunehmend unter Druck. Die Mitarbeiter seien verunsichert, zudem ergebe sich aus den politischen Vorgaben ein doppeltes Dilemma, das Bode und Turba als „Kalkulierung des Unkalkulierbaren“ und „Formalisierung des Informellen“ bezeichnet: Zielvereinbarungen, standardisierte Diagnosetabellen, Falldurchschnittskosten, mehr Dokumentationspflichten, erhöhte Verwaltungs- und Managementaufgaben. „Doch Unsicherheit und Unplanbarkeit werden durch mehr Kalkulation und Formalisierung nicht besser beherrschbar“, so Bode. „Im Gegenteil: Durch ein starres Korsett werden den Mitarbeitern Spielräume genommen, auf wechselnde Situationenspontan und fallweise zu reagieren.“

Die Forscher ziehen ihre Schlüsse aus umfangreichen Befragungen von Angestellten der Ämter, Mitarbeitern des Allgemeinen Sozialen Dienstes und anderen Akteuren der organisierten Jugendhilfe. Diese Befragungen waren ein Teil des Projekts SKIPPI, das die Universität Kassel gemeinsam mit der Universität Wuppertal von 2010 bis 2013 durchgeführt hat. Gefördert wurde das Projekt von der DFG mit rund 350.000 Euro.

Kontakt:
Prof. Dr. Ingo Bode
Universität Kassel
Fachgebiet Sozialpolitik
Tel.: +49 561 804-2923
E-Mail: ibode@uni-kassel.de

Sebastian Mense | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-kassel.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie