Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Japan: immer älter – immer weniger

24.06.2013
Neues Discussion Paper des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung: Japan ist der eigentliche Pionier in Sachen demografischer Wandel und muss schneller noch als Deutschland Antworten auf eine alternde und schrumpfende Bevölkerung finden. Längst bekommt auch die Wirtschaft die Folgen zu spüren. Doch während hierzulande das politische Bewusstsein für die anstehenden Veränderungen in den letzten Jahren stark gestiegen ist, wirkt Japan wie erstarrt.

Japan gilt wie Deutschland als Pionier einer demografischen Entwicklung, die früher oder später alle Industrienationen und bald auch die ersten Schwellenländer treffen wird.

In beiden Ländern bekommen die Frauen seit vielen Jahren im Schnitt weniger als 1,4 Kinder – eine Zahl, die deutlich niedriger ist, als für eine stabile Bevölkerungszahl nötig wäre. Dort wie hier hat sich die Zahl der Neugeborenen seit den 1970er respektive den 1960er Jahren halbiert.

In Japan und in Deutschland wachsen derzeit die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter, während immer kleinere Kohorten ins Erwerbsalter aufsteigen. Deshalb sinkt in beiden Ländern der Anteil jener, die volkswirtschaftlich aktiv sein können – und es steigt der Anteil der Älteren, die von der Erwerbsbevölkerung versorgt werden müssen. Weil es in Japan jedoch so gut wie keine Zuwanderer gibt und auch keinerlei politische Konzepte für eine Zuwanderung vorliegen, rechnet das Nationale Institut für Bevölkerung und soziale Sicherheitsforschung bis 2060 mit einem Einwohnerverlust von 40 Millionen. Bis Ende des Jahrhunderts wäre nach diesem Szenario ein Bevölkerungsrückgang um zwei Drittel des heutigen Wertes von 127 Millionen zu erwarten. Für kein Land der Welt gibt es derartige Schrumpf-Vorhersagen.

Gleichzeitig würde sich die Alterung über die kommenden Jahrzehnte massiv beschleunigen. Schon in vier Jahrzehnten hätte Japan rund 700.000 über 100-Jährige zu versorgen.
Wirtschaftliche Folgen des demografischen Wandels

Sollte sich die Prognose bewahrheiten, ist es kaum vorstellbar, dass Japan seine Position als drittstärkste Wirtschaftsmacht der Welt aufrecht erhalten kann. Denn parallel mit dem beginnenden Schwund der Erwerbsbevölkerung hat sich seit Beginn der 1990er Jahre das Wirtschaftswachstum deutlich verlangsamt. Seither steckt Japans Ökonomie in der Dauerkrise, während sich die Rahmenbedingungen stetig verschlechtern: Die Kosten der Sozialsysteme steigen wegen der Alterung. Die japanische Staatsverschuldung hat das Rekordniveau von 230 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erreicht, unter anderem, weil Japans Regierung immer wieder vergeblich versucht hat, die Krise mit schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen zu beenden. Die Wettbewerbsfähigkeit der einstigen Technologieführer Sony und Co. ist gesunken – unter anderem weil den Forschungsabteilungen die jungen Mitarbeiter und die kreativen Ideen für neue Produkte ausgehen.
Job oder Kinder statt Job und Kinder

Bisher hat Japan es kaum geschafft, die Folgen des unvermeidlichen Wandels abzufedern. Die Familienpolitik zeigt keine wirklichen Erfolge darin, die Japanerinnen wieder zu mehr Kindern zu ermutigen. Das liegt vor allem daran, dass Japans Gesellschaft von Frauen immer noch erwartet, dass sie ihre Beschäftigung aufgeben, wenn Kinder kommen. Und dass es für Frauen noch weitaus schwieriger ist als etwa in Deutschland, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Selbst wenn die Geburtenraten künftig wieder anstiegen, wofür es bis dato keinerlei Anzeichen gibt, ließe sich mit dem Mehr an Kindern der akute Fachkräftemangel nicht beheben. Denn bis die heute Geborenen ausgebildet sind, vergehen an die 30 Jahre.

Zuwanderung, um die Belegschaften aufzufrischen, gilt in Japan nicht als politische Option. Nur 1,7 Prozent Ausländer leben in Japan, Einbürgerungen sind sehr selten. Zum Vergleich: In Deutschland haben – als Ausländer oder bereits mit deutschem Pass ausgestattet – 19 Prozent aller Einwohner einen Migrationshintergrund. Nicht einmal die dringend nötigen Pflegekräfte für Japans alternde Bevölkerung kommen in ausreichenden Zahlen ins Land. Die Kontingente von jährlich gerade einmal 1.000 Alten- und Krankenpflegern aus den Philippinen oder Indonesien werden nicht einmal ausgeschöpft.

Lediglich wenn es darum geht, ältere Bürger auf dem Arbeitsmarkt oder in der Zivilgesellschaft einzusetzen, ist Japan erfolgreich. Die Menschen arbeiten deutlich länger, als es das offizielle Renteneintrittsalter vorsieht. Rund ein Drittel der japanischen Männer hält 70 Jahre für ein vernünftiges Verrentungsalter, elf Prozent glauben sogar, man sollte bis 75 im Erwerbsleben bleiben. 52 Prozent aller Freiwilligen in der Nachbarschaftshilfe sind über 60 Jahre alt. Viele Senioren verdienen sich als „silberne Humanressourcen“ ein kleines Taschengeld hinzu, helfen in Gemeindebüros aus, kümmern sich um Kinder oder Ältere.
Die Wahl zwischen zwei Krisen

Insgesamt zeigt sich, dass Japan kaum als Vorbild für andere Nationen taugt, wie mit den Folgen des demografischen Wandels umzugehen ist. Nach Meinung der Autoren bleibt dem Land derzeit nur die Wahl zwischen zwei Krisen: Entweder es stürzt aufgrund des Schwundes an jungen Arbeitskräften in eine demografische Abwärtsschleife und in eine dauerhafte Wirtschaftskrise. Oder es öffnet sich für Zuwanderung und gerät dann in eine Identitätskrise, weil es seine noch immer gefühlte ethnische Homogenität aufgibt.

Für Interviewanfragen steht Ihnen zur Verfügung:

Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts unter Telefon: 030 – 3101 7560 und E-Mail: klingholz@berlin-institut.org

Prof. Dr. Gabriele Vogt, Japanologin an der Universität Hamburg, E-Mail: gabriele.vogt@uni-hamburg.de

Weitere Informationen:

http://www.berlin-institut.org/publikationen/discussion-paper/demografisches-neuland.html

- weitere Informationen und vollständiges Discussion Paper

http://www.berlin-institut.org/japan.html
- Video-Präsentation und Diskussion mit den Autoren

Vera Kreuter | idw
Weitere Informationen:
http://www.berlin-institut.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften