Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie Individualismus unsere Gesellschaft stabilisiert

15.11.2010
Wie sich trotz Tendenz zum Konsens Gruppierungen mit unterschiedlichen Meinungen ausbilden, war in Computersimulationen bis anhin schwer abzubilden. Forscher haben nun ein Modell entwickelt, mit dem ihnen dies gelungen ist. Zentrale Elemente sind zufällige Variationen im Meinungsbildungsprozess und die Interaktion der Individuen im Raum der Meinungsbildung.

Die öffentliche Meinungsbildung verblüfft Politiker, Medienvertreter und uns alle immer wieder aufs Neue. Einerseits fördert die gegenseitige soziale Beeinflussung die Konvergenz der Meinungen. Andererseits bilden sich oft Anhänger verschiedener Meinungen aus, wenn es um Impfkampagnen, Burka-Verbot oder Atomkraft geht.

Die dahinterstehenden Mechanismen stellen auch die Wissenschaft vor ein Rätsel. Werden nämlich die Zufallsschwankungen im Meinungsbildungsprozess berücksichtigt, bei denen die Meinung in einem Spektrum von pro nach contra kontinuierlich variieren kann, bildet sich entweder ein allgemeiner Konsens, oder aber die Gesellschaft zerfällt vollständig in Individuen – ein asozialer Zustand, den Soziologen als Anomie bezeichnen.

Um auch pluralistische Gesellschaften verstehen zu können, dachten sich Wissenschaftler verschiedene Mechanismen aus. «Die bisherigen Ansätze sind jedoch realitätsfremd», erklärt Dirk Helbing, Professor für Soziologie an der ETH Zürich. Sie nehmen beispielsweise an, dass Menschen mit sehr verschiedenen Meinungen nie miteinander sprechen.

Inspiration aus der Physik

Auf die richtige Fährte für ein realitätsnahes Modell kamen die Autoren Michael Mäs, Andreas Flache und Dirk Helbing durch ein Modell aus der Physik: der Tröpfchenbildung, wenn sich Wasserdampf abkühlt. In Anlehnung an die dabei zwischen den Wassermolekülen wirkenden Kräfte, trafen sie die Annahme, dass die Interaktivitätsstärke von Individuen von deren gegenseitigem Abstand im Meinungsraum abhängt. Darüber hinaus berücksichtigten sie aber auch Zufallsschwankungen im Meinungsbildungsprozess. Dabei nahmen sie an, dass das Bedürfnis nach Individualismus und dadurch die Stärke der Zufallsschwankungen mit einer steigenden Anzahl Gleichgesinnter zunimmt. Das neue Modell ist einerseits in der Lage, die bekannten Variationen in der öffentlichen Meinung - wie man sie etwa von Wahlumfragen kennt - zu beschreiben. Es macht aber auch verständlich, warum Individuen zu Gruppen kondensieren, und grosse Gruppen sich in kleinere aufspalten.

Besseres Verständnis des Pluralismus

Den Wissenschaftlern gelang es in ihrer Studie in einem einzigen Modell, Konsens, Anomie und Pluralität darzustellen - je nachdem, ob die integrativen Kräfte oder die individualistischen Tendenzen überhand nahmen. Aber selbst wenn zu Beginn der Simulation ein perfekter Konsens der Meinungsträger herrscht, können allmählich Gruppen entstehen. Es bildet sich sozusagen ein «Ökosystem von Meinungen», das auch als Pluralismus bezeichnet wird. Das Modell macht aber auch deutlich, dass der Pluralismus von der Anomie und der Monokultur «ständig» bedroht ist.

«Zum Glück gibt es nicht nur eine einzige Konstellation, in der sich integrative und individualistische Kräfte die Waage halten, sondern einen relativ breiten Bereich, in dem sich Individuen zu unterschiedlichen Meinungsclustern zusammen finden», sagt Helbing. Die Zufallskräfte ermöglichen folglich einen vergleichsweise robusten Pluralismus. Zu denken gibt den Wissenschaftlern aber, dass die möglichen gesellschaftlichen Zustände im Modell nicht scharf voneinander getrennt sind. Es gibt fliessende Übergänge, wo Gruppen allmählich verschwinden oder überhand nehmen.

Meinungsvielfalt in Gefahr

Für Helbing wirft das Modell Licht auf die Umstände, die zur Ausbildung von Pluralismus führen, zeigt aber auch, dass dieser nicht zwingend stabil ist. Fraglich ist für die Autoren der Studie, wie sich die derzeitigen Entwicklungen auf die Gesellschaft auswirken werden, etwa die Globalisierung oder die Revolution der Informationssysteme. So bekämen wir immer öfters gesagt, wo es lang gehe. Nicht nur durch Medien und die Werbung, sondern auch das Internet gebe ständig Empfehlungen, was man hören, sehen oder denken soll. Das könnte den Herdentrieb in der Gesellschaft verstärken, befürchtet Helbing. «Die gegenwärtig in ganz Europa aufkeimenden Integrationsdebatten müssen einen in Zeiten der wirtschaftlichen Krise durchaus nachdenklich stimmen.»

Mäs M, Flache A & Helbing D: Individualization as Driving Force of Clustering Phenomena in Humans. PLoS Comput Biol 6 (2010): e1000959. doi:10.1371/journal.pcbi.1000959

Claudia Naegeli | idw
Weitere Informationen:
http://www.ethz.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise